ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 70-75

ARCH+ 183

Der Entwurf des Zwischenraums

Von Busenkell, Michaela

Das 100-jährige Jubiläum des Deutschen Werkbundes im Jahr 2007 und der sechzigste Geburtstag ihrer Neugründung nach dem Nationalsozialismus in Form von Landeswerkbünden sind Anlass für ein ehrgeiziges Projekt: die zukünftige Werkbundsiedlung Wiesenfeld. Auf einem ehemaligen Kasernengelände im Münchner Stadtbezirk Schwabing West sollen 45.000 Quadratmeter Geschossfläche für „Wohnen im weiteren Sinne“ entstehen, je zur Hälfte frei finanziert und öffentlich gefördert.

Zu diesem Zweck hat die Stadt München das Grundstück der ehemaligen Luitpold-Kaserne, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Schließung in den 1990er Jahren dort untergebracht war, an die Bauherren veräußert; es handelt sich dabei um sieben gemeinnützige und freie Wohnungsbauunternehmen sowie einen Gewerbeinvestor.

Das Gelände wird künftig nach einer Gartenanlage mit dem beschaulichen Namen Wiesenfeld benannt, die sich im 18. Jahrhundert auf dem angrenzenden Olympiagelände befand. Nicht von ungefähr erinnert der Name Wiesenfeld an Weißenhof, meint Michaela Busenkell. Doch bei der ersten Werkbundsiedlung im 21. Jahrhundert geht es ihrer Meinung nach nicht wie in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die vor genau 80 Jahren im Rahmen der Ausstellung „Die Wohnung“ entstand, nur um musterhafte, neue Wohnkonzepte auf der grünen Wiese. Neben Wohnexperimenten stehen heute vor allem ein neues Stadtverständnis und die Räume, die zwischen den Häusern die soziale Matrix herstellen, im Mittelpunkt.

„Der Begriff ‚Werkbundsiedlung‘ steht für zukunftsweisende Experimente im Wohnungsbau und Maßstab setzende Architektur“, war in der Wettbewerbsausschreibung zur Werkbundsiedlung Wiesenfeld zu lesen. Und weil es auch um mehr als Programm, Dichte, Abstandsf lächen und Grünordnung geht, wurden die Vorgaben der Ausschreibung vom Werkbund mit Bausteinen für eine Leitlinie ergänzt, die dem je ne sais quoi des Bayerischen Wohnungsbaus zuträglich sein sollen. Als Stichworte seien genannt: Ökologie, Soziologie, Demographie, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit, Marktaspekte, Baugesetzgebung, Vielfalt der Typologien, Flexibilität und Variabilität der Grundrisse und Programme; Nachbarschafts- und Generationennetze, soziale Infrastruktur; Barrierefreiheit, Gender Mainstreaming, Nutzungsvariabilität, Individualisierung der Wohnung, wirtschaftliche und nachhaltige Bau- und Konstruktionsmethoden, Offenheit für soziale Veränderungen, Partizipation der künftigen Bewohner.

Und wie entwirft man, wenn man sich auf drei Unbekannte – Wohnen, Zukunft, Stadt – einlässt, um eine weitere, vierte Variable zu entwickeln? Man lässt möglichst vieles offen, damit es später von den ausführenden Architekten gelöst wird, lautet die lapidare Antwort mancher Kritiker des Siegerentwurfes. Doch diese Kritik greift zu kurz und wird der Planung von Kazunari Sakamoto nicht gerecht, der die Jury nach einer Überarbeitungsphase schließlich mit seinem island plan, ein Konzept mit Punkthäusern, überzeugen konnte. „Die Realisierung der städtebaulichen Planung von Sakamoto ist für die Bauherrn, die Stadt München und den Werkbund eine absolute Herausforderung, da eine ganze Reihe von gewohnten Regelungen – wie beispielsweise Abstandsflächen und Förderbestimmungen – direkt auf dem Prüfstand stehen.“[1] Doch hinsichtlich der Aufgabenstellung zur „Zukunft des Wohnens in der Stadt“ ist es mehr als wünschenswert, dass gerade die vorschriftsmäßigen Grundlagen der Planung sowie der Planungsprozess an sich neu gedacht werden, ebenso wie die Lebensräume.

Der „Inselplan “: Public field , flexible void, compact small units

Auf den ersten Blick erscheint der island plan wie ein oszillierendes, in Bewegung befindliches Bild einer Überlagerung von Landschaft und Stadt. Sakamoto organisiert verschiedene Freibereiche und individuelle Punkthäuser in einem landschaftlichen Kontinuum als compact small units, als Einheiten, die sich in Höhe, Volumen und Ausprägung unterscheiden. Nach einem raffiniert ausgeklügelten Ordnungsmuster stehen etwa vierzig Wohngebäude in einer dispersen Konfiguration, die zum städtischen Umfeld durchlässig bleibt und keine geschlossene Grenze ausbildet wie bei einer traditionellen Blockrandbebauung. Die Zufahrten der Tiefgaragen befinden sich unmittelbar an den Flanken, um den Autoverkehr im Inneren des Gebietes zu minimieren; die Straßen auf dem Gelände sind nach Ost-West ausgerichtet.

Sakamotos Ansatz basiert auf einer offenen Lebensumgebung, die unterschiedliche Lebensstile, Haushaltsformen, Familien, Herkunft, Wohn- und Arbeitsformen aufnehmen soll. Großmaßstäbliche Häuser, so wie sie in vielen Stadtentwicklungsprojekten geplant werden, bilden seiner Ansicht nach harte Barrieren im städtischen Gefüge und verhindern Offenheit und Freiheit in den sozialen Beziehungen. „Das ist das Gegenteil der Durchdringung, die ich mir vorstelle. In meinem Entwurf für die Werkbundsiedlung verweben sich städtischer Raum und Wohnraum. Die eine Lebenswelt ist von der anderen nicht zu trennen, sie öffnen sich füreinander und vermitteln auch den Menschen das Gefühl, offen und frei sein zu können. Vor einem riesigen Baukörper ist der Raum nicht so offen. Vor einer Mauer würde man sich nicht so frei fühlen.“[2]

Der Eindeutigkeit der europäischen Städte mit ihren bestimmten Raumgrenzen setzt Sakamoto eine andere Struktur entgegen; er verwebt eine bekannte Ordnung mit einer anderen, die komplex und vielschichtig ist. Der Gedanke der Beziehung zwischen den Teilen und dem Ganzen entstammt der japanischen Kultur, wenngleich der Entwurf nach Sakamotos Auffassung nicht originär japanisch, sondern eher unabhängig von einer spezifischen Kultur ist und zeitgenössischem Gedankengut entspringt. Im Zusammenspiel mit der europäischen Tradition bezeichnet er seine Ordnung als „weicher, plastischer, weniger festgelegt [...] . Es gibt unterschiedliche Höhen, wechselnde Fluchtlinien, und die Raumkategorien ‚privat‘, ‚gemeinschaftlich‘, ‚öffentlich‘ gehen ineinander über [...] . Diese ‚weiche Ordnung‘ ist vielleicht eher eine ostasiatische Ordnung, aber es geht mir nicht um den Gegensatz zwischen westlich und asiatisch, zwischen starr und weich, und vor allem nicht darum, das eine als negativ und das andere als positiv zu bezeichnen. Eine Stadt kann verschiedene Ordnungen haben, das macht sie reich.“[3]

Die Topologie des Entwurfs entspricht einer fließenden Landschaft, in der vertikale Wohnbauten und eine horizontale Sekundärstruktur aus unterschiedlichen Freiflächen zueinander gefügt sind. Sakamoto spricht von seinem Prinzip als designing the distance – der Entwurf des Zwischenraumes. Jedes Wohnhaus bildet mit dem zugehörigen privaten Freiraum ein individuelles Volumen – eine Insel – inmitten des „öffentlichen Feldes“. Die Flächen zwischen den Gebäuden dienen als „flexible Leerräume“ und bilden eine veränderliche und im Verlauf der Zeit bewegliche Matrix, welche die Wohnturminseln umspült: die heterogenen Flächen der „flexiblen Leerräume“ können verschiedene Aktivitäten von privat bis öffentlich aufnehmen, sich den Aktivitäten der Nutzer anpassen und immer wieder neu definiert und gestaltet werden. Alles ist möglich: ein privater Garten, ein Garten für eine Hausgemeinschaft, öffentlicher Freiraum für alle.

Private Gemeinschaftsgärten oder Höfe sind jeweils individuell mit Abstand zum Gebäude situiert; die privaten Freiflächen sind flexibel in ihrer möglichen Verbindung bzw. Abgrenzung zum öffentlichen Grünraum. Rückzug oder Abgrenzung sind ebenso Teil der Freiheit wie Kontinuität und Offenheit. Die Kombination verschiedener Raumtypen ist es, die Sakamotos Meinung nach die Stadt bereichert. „So, wie ich ihn (den Raum) in meinem Entwurf dargestellt habe, lässt er viele Ausprägungen zu. Er kann so oder so benutzt werden. Wir können gar nicht alle Nutzungen voraussehen. Und wenn hier einst große Feste stattfinden sollen, dann haben wir den Raum zwar vielleicht nicht ausdrücklich dafür vorgesehen, aber er lässt sich ohne Weiteres dafür nutzen.“[4]

Das Erdgeschoss bildet dabei die Schnittfläche zwischen Innen- und Außenraum, hier durchdringen sich Quartiersöffentlichkeit und halböffentliche oder private Bereiche. Sakamoto hat im Erdgeschoss außer Wohnungen mit Grünhöfen insbesondere Nutzungen für gemeinschaftliche Zwecke oder Dienstleistungen wie Läden, Ateliers, eine Galerie, ein Café, kleine Büros, Werkstätten oder erweiterte Heimarbeitsplätze integriert. Ebenso können die Erdgeschossflächen der Gebäude in das Freiraumkonzept mit einbezogen werden, indem sie sich öffnen und mit dem Außenraum verbinden. János Kárász spricht in diesem Zusammenhang vom Erdgeschoss in Latenz: „Das Erdgeschoss ist die Zone städtebaulicher Innovation, wenn man sie als Zwischenraum sieht. Für sie gilt es, neue Perspektiven zu entfalten, […] als Freiraum mit wechselnder Weite und wechselndem Horizont, als Überlagerung verschiedener Nutzungen und optional bespielbare räumliche Hülle. [...] Im Verhältnis vom tendenziell Privaten zum tendenziell Öffentlichen steckt das eigentliche Entwicklungspotenzial. Hier gärt es, diese Zone liegt gleichsam in Inkubation.“[5]

Verhandlungsräume

Die komplexe Kleinteiligkeit des öffentlichen Raumes in Verbindung mit einer gemeinschaftlichen Nutzung der Erdgeschosszone ist so angelegt, dass sie flexibel verändert und entsprechend den Erfordernissen der jeweiligen Nachbarschaft weitergebaut werden kann. „Dieser Gedanke provoziert und verlangt von den Stadt- und Hausbewohnern eine Gemeinschaftsdisziplin, die sie nur über sich selbst gegebene Verbindlichkeiten und Regeln einlösen können. Damit sind andere Verhaltensweisen und darüber hinaus soziale Experimente gefordert: neben einem hohen Gemeinschafts- und Bürgersinn die Pflege von Verantwortlichkeit und Ausgleich zur Entwicklung der sozialen Stabilität zwischen den zukünftigen unterschiedlichen Bewohnerschichten des neuen Stadtquartiers.“[6]

Bereits mit der Involvierung von zwölf Architekturbüros zur Realisierung der Werkbundsiedlung beginnt die Notwendigkeit, Raumproduktion als soziale Verhandlung zu begreifen. „Vorhin habe ich gesagt, ein Raum wird reichhaltiger, je mehr Beziehungen vorhanden sind. Das kann ich architektonisch verstehen, aber auch zwischenmenschlich. Beziehungen entstehen aus der Zusammenarbeit. Ich erwarte, dass die Architekten und Landschaftsarchitekten den Entwurf für das Stück Stadt gemeinsam weiterentwickeln. Gerade weil noch soviel offen ist, alle Räume noch flexibel ausgestaltet werden können, ist es nötig, dass die Planer sich austauschen, aufeinander Rücksicht nehmen, unterschiedliche Statements formulieren und sie diskutieren. Ich sehe es als große Chance dieses Entwurfs, eine neue Planungskultur entstehen zu lassen, die mehr auf das Miteinander setzt, auf die Beziehungen, architektonische und geistige.“[7]

Nicht nur die Planungskultur kann von diesem Ansatz profitieren; Verhandlungsräume existieren auch als soziale Praxis im Alltag des Bewohnens und müssen dort gestärkt werden. Sakamoto befürwortet es, wenn die Bewohner die Räume in Besitz nehmen, beispielsweise an der Fassade individuelle Veränderungen vornehmen, sie farblich anders gestalten. Die Veränderungen im öffentlichen Raum gehen für ihn mit Kommunikation und Beziehung einher: „Aber die Leute müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie mit anderen in Beziehung stehen und ihre Wünsche diskutieren müssen, bevor sie sie umsetzen. Wie soll ich das nennen, vielleicht ‚sozialer Individualismus‘? Einerseits hat jeder seine eigenen Vorstellungen, möchte sie ausdrücken, und andererseits muss er sie mit anderen besprechen. Und das schafft Beziehungen, zwischenmenschlich zuerst, aber dann auch räumlich.“[8]

In der Vielfalt der Räume und ihrem Verhältnis zueinander sieht Sakamoto ein Potenzial, um den Menschen das Gefühl von Freiheit zu vermitteln. Die von ihm entworfenen Einzelbaukörper in einem weichen, fließenden Raum gehen auf verschiedene Weise reichhaltige Beziehungen mit ihrer Umgebung ein – von der Stadt zum Quartier, zum Haus, zur Wohnung und wieder zurück. „Für die Menschen, die diesen Raum durchwandern, ist es ein Raumkontinuum und eine Raumvielfalt zugleich. [...] In solch einem Raum entsteht das Gefühl, überall durchblicken zu können, immer wieder etwas anderes zu sehen, verschiedene Dinge zu erleben. Dem Körper bieten sich mehr Freiheiten – des Sehens, des hindurch Laufens, des Teilnehmens. Diese körperlichen Freiheiten wirken sich wahrscheinlich auf den Geist aus. Sie machen den Geist wahrscheinlich freier.“[9]

Entgrenzung: Erde, Baum, Himmel

In der Planung der Werkbundsiedlung Wiesenfeld staffelt Sakamoto die Höhe der Wohngebäude nach drei unterschiedlichen Niveaus, die er ‚Erde‘, ‚Baum‘ und ‚Himmel‘ nennt. Die Begriffe drücken die enge Beziehung zwischen dem Raumsystem des Hauses und dem ihn umgebenden Frei- oder Grünraum aus: Wer unten wohnt, hat mehr Bezug zur Erde und ist in das Umfeld eingebettet. Je höher die Häuser sind, desto mehr Weite haben sie um sich. In dieser Differenz sieht Sakamoto grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen vom sozialen Sein, die er in Architektur übersetzen möchte, um einen reichhaltigen Lebensraum anzubieten.

Die niedrigen Gebäude auf Erd-Niveau mit anvisiertem Nutzungsmix in den Erdgeschossen haben direkten Bezug und unmittelbaren Zugang zu den Außenräumen, Gärten, Freiflächen. In den mittelhohen Ebenen des Baum-Niveaus setzen sich die Wohnungen mit hängenden Terrassen in die Baumkronen fort; sie orientieren sich nach verschiedenen Seiten, ohne von den direkten Nachbarn einsehbar zu sein. Ganz oben auf Himmel-Niveau öffnet sich der Blick auf das Stadtpanorama und in die Weite der Landschaft bis zum Olympiapark.

Um in den Wohnungen Offenheit und Privatsphäre in eine dialektische Spannung zu bringen, sieht Sakamoto einen kompakten Erschließungskern vor und ermöglicht damit freie Grundrissgestaltung. Verschiedene Aufteilungen vom open-plan-Apartment bis zur kleinteiligen Familienwohnung sollen möglich sein, um den unterschiedlichen Lebensstilen, Nutzungen und Außenraumbezügen mit architektonischen Mitteln zu entsprechen. „Meine Suche nach einer Architektur des freien Raums dient dem Ziel, für die Wohnung als alltäglichste Form des Raumes eine neue Alltäglichkeit zu gewinnen“, schreibt Sakamoto. Denn nach seinem „Gefühl birgt das Alltägliche immer noch ein weiteres Freiheitspotenzial in sich.“[10] So wie die Außenräume der Werkbundsiedlung in ihrer differenzierten Kleinteiligkeit ein variables Muster darstellen, sind auch die einzelnen Wohngebäude und die Wohnungen offen für individuelle Ausgestaltung und Veränderung. Die Integration des Variablen und Veränderlichen hat Sakamoto bereits an japanischen Siedlungen vorgenommen: „Eine solche Kompositionsmethode, bei der einzelne Elemente möglicherweise weniger bedeuten als das Gesamtmaß an Variation, lässt Verwitterung und die unvermeidliche Ansammlung von Gerümpel zu, ohne dadurch die ursprüngliche Gestaltungsabsicht zu beeinträchtigen – sie vermag diese vielleicht sogar zu bestärken“, schreibt Thomas Daniell über das Siedlungsprojekt Common City Hoshida von 1992.[11]

Bei allen drei Haustypen der Werkbundsiedlung ergibt sich in Relation zu der kleinen Grundfläche der Häuser eine große Fassadenfläche, die einen starken Kontakt zur Umgebung erlaubt. Auch kleinere Wohnungen haben mindestens zwei Fassadenseiten. „Städtisches Wohnen bedeutet für mich, einen Raum innerhalb dieses städtischen Umfeldes zu bewohnen. Dort soll man fühlen, dass man mitten in der Stadt wohnt, in einem Wohnraum zwar, aber mittendrin. Als Architekt kann ich räumliche Lösungen anbieten, die dieses Gefühl vermitteln. Ich kann Öffnungen schaffen und sehr direkte Bezüge vom Innenraum zum Außenraum herstellen. Ich kann Zugänge so platzieren, dass man vom städtischen Freiraum direkt in den Wohnraum tritt. Die Beziehung von drinnen nach draußen muss ganz stark sein, ganz direkt.“[12]

Vision oder Utopie

Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Deutsche Werkbund als Reaktion auf die Industrialisierung gegründet wurde und folgerichtig die bekannten Werkbundsiedlungen wie Weißenhof, Breslau oder Brünn in der Auseinandersetzung mit ihr entstanden, sind es heute gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Faktoren, die in ihrem Zusammenspiel Veränderungen der Lebens- und Wohnformen bedingen. Der Bayerische Werkbund griff den Aufruf zum „Neuen Wohnen“ unter diesen aktuellen Bedingungen wieder auf und suchte einen Entwurf, der über die bestehenden Gesellschafts- und Bauformen hinausweist. Sakamoto hat auf diese Herausforderung mit einer sozialen und architektonischen „Latenz“ in seinem Entwurf geantwortet. Handelt es sich dabei um eine Vision oder eine Utopie? Der Begriff „Utopia“ hat seinen Ursprung bekanntlich im Wortspiel mit den englischen Homophonen „Utopia“ und „Eutopia“, was im Griechischen sowohl „Nichtort“ als auch „glücklicher Ort“ bedeutet. Es muss sich zeigen, ob die Auslober und Beteiligten des Wettbewerbes es schaffen, den Entwurf als „glücklichen Ort“, als visionäres Beispiel umzusetzen oder ob er zu jenen unerreichbaren „Nichtorten“ gehört, von denen es in der Architekturgeschichte bereits so viele gibt.

Sakamoto eröffnet den Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensformen einen Raum, der wiederum der Aneignung der Bewohner bedarf, um sich in seiner Vielfalt entwickeln zu können. Alles, was Sakamoto sich für das zukünftige Leben in der Werkbundsiedlung wünscht, brauchen die Beteiligten schon jetzt, um sich auf das „Andere“ einzulassen. Kommunikation, Gemeinschaftssinn, Freiheit, Offenheit, Flexibilität, weiche Ordnung, Aktivität, Bewegungsraum, Elastizität, Ent-Grenzung. Die Überschreitung des Gewohnten ist notwendig, damit ein anregender Ort entsteht. Ein Möglichkeitsraum, an dem wir uns selbst erfinden können.

[1] Horst Haffner, Werkbundsiedlung Wiesenfeld, München, in: Urban Design 1, München 2006

[2] „Weiche Ordnung“ – Kazunari Sakamoto im Gespräch mit Lisa Diedrich und Michaela Busenkell, in: Werkbundheft 4, Juli 2006

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] János Kárász, Erdgeschoss in Latenz, Vortrag im Rahmen des 7. Werkbundtages, in: Werkbundheft 4, Juli 2006

[6] Bernd Meyerspeer, Deutscher Werkbund e.V., Distanz und Nähe – Der Inselplan mit schlanken Wohnhäusern für die Werkbundsiedlung

[7] Weiche Ordnung“ – Kazunari Sakamoto im Gespräch, a.a.O

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Kazunari Sakamoto, Häuser – Poetik im Alltäglichen, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Pinakothek der Moderne, München 2004

[11] Thomas Daniell, Das Vertrauen bewahren, in: Kazunari Sakamoto, Häuser – Poetik im Alltäglichen, a.a.O.

[12] „Weiche Ordnung“ – Kazunari Sakamoto im Gespräch mit Lisa Diedrich und Michaela Busenkell, a.a.O.  

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