ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 59

ARCH+ 183

Cognitive Mapping

Von Jameson, Fredric

Aus Kevin Lynchs Standardwerk „The Image of the City“ kann man lernen, daß die entfremdete Stadt vor allem ein Raum ist, in dem die Menschen nicht in der Lage sind, den eigenen Standort oder die städtische Totalität, der sie ausgeliefert sind, bewußtseinsmäßig zu verarbeiten und zu lokalisieren. Einleuchtendes Beispiel dafür ist die Stadt Jersey City, in der keine der traditionellen Markierungen (Denkmäler, Stadtzentrum, natürliche Grenzen wie Flüsse und Berge, Perspektiven, die sich durch Gebäude ergeben) mehr Geltung haben. Die Möglichkeit einer Aufhebung der Ent-Fremdung in einer dieser Städte, wie wir sie kennen, hängt allein davon ab, ob die praktische Rückeroberung eines Gefühls für den Standort und für die Konstruktion und Rekonstruktion von Markierungspunkten gelingt: Anhaltspunkte, die im Gedächtnis bewahrt werden können und die das Subjekt mit seinen momentanen Bewegungen und Gegenbewegungen gewissermaßen kartographisch aufnehmen und modifizieren kann. Lynchs Buch thematisiert absichtlich nicht mehr als die Problematik der Stadtwahrnehmung. Noch mehr von dieser Problematik wird auf produktive Weise kenntlich, wenn sie nach außen auf größere nationale und globale Räume projiziert wird. Lynchs Modell greift allein zentrale Fragen der Repräsentation auf. Doch ist es darum durch die übliche poststrukturalistische Kritik an der Ideologie der Repräsentation oder an der Mimesis nicht einfach erledigt. Der kognitive ‚Stadt-Plan‘, den wir im Auge haben, ist nicht einfach ‚mimetisch‘, nachahmend im alten Sinne. Vielleicht gelingt auf dieser Ebene eine theoretische Klärung der Frage, was ‚Repräsentation‘ eigentlich ist.

Zu beobachten ist eine außerordentlich interessante Konvergenz zwischen den empirischen Problemen, die Lynch hinsichtlich des Stadtraums untersucht hat, und der bedeutsamen Neudefinition des Ideologiebegriffs bei Althusser und Lacan: Ideologie als ‚Repräsentation der imaginären Beziehung des Subjekts zu seinen/ihren realen Existenzbedingungen‘. Eben dies soll eine Kartographie der Wahrnehmung und Erkenntnis im engeren Rahmen des täglichen Lebens, in der physischen Präsenz der Stadt leisten: Sie soll dem Subjekt eine situationsgerechte Repräsentation dieser endlosen und eigentlich nicht repräsentierbaren Totalität ermöglichen, die die Stadtstruktur als Ganzes ausmacht.

aus: Fredric Jameson, „Postmoderne. Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus“, in: Andreas Huyssen; Klaus R. Scherpe (Hg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Hamburg 1986, S. 96–97

 

 

 

 

 

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