ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 52-53

ARCH+ 183

Die Alltagspraxis des Mapping

Von Rogers, Daniel Belasco

Auszug aus dem Performance-Vortrag „Unfallen“ aus dem Arnolfini-Art-CentreProgramm „Breathing Space“ und bislang aufgeführt in Bristol, Manchester, Genf, Helsinki, Sydney und Perth.

Ich halte die grafische Darstellung meines Leben nicht für bedeutsamer oder interessanter als die des Lebens anderer Menschen. Ich möchte es deshalb aufzeichnen, weil es mein Leben ist, denn per Geburt bin ich zufällig ein Londoner, ob es mir nun gefällt oder nicht. Ich betrachte das, was ich mache, auch nicht als Kunst, weil es von einem Künstler gemacht wird. Ich habe diese Praxis zu einem Teil meines Alltagslebens gemacht und bediene mich dabei des Werkzeugs des Performance-Künstlers, also der Aktion. Wo immer ich hingehe, habe ich mein GPS dabei. Ich könnte damit zeichnen, wie es andere getan haben – und wie ich es tatsächlich auch selbst getan habe –, doch dies ist nicht das Hauptanliegen meines Tuns. Ich möchte nicht bloß festhalten, wo immer ich hingehe, sondern auch, implizit, wie ich die von mir durchwanderten (fast ausschließlich) städtischen Umgebungen erfahre.

Ich wurde in London geboren und habe, abgesehen von meiner dreijährigen Studienzeit in Nottingham, nirgendwo anders gelebt, bis ich mich seit 2001 abwechselnd in Berlin und London aufzuhalten begann. Mein mentaler Stadtplan von London ist ein äußerst komplexer: Er verkörpert nicht nur die rund dreißig Jahre meiner Bewegungen durch die Stadt, sondern auch all meine Erlebnisse und Erfahrungen, die sich dort akkumuliert und in die jeweiligen Straßen und Plätze eingraviert haben. Die Erfahrung, eine vertraute Straße entlangzugehen, und die zu Handlungen animierenden Erinnerungen an Unterhaltungen, die dort früher einmal stattgefunden haben, an Gedanken, die dort gedacht wurden, an Atmosphären, Gerüche oder Erfahrungen sind räumlich lokalisiert, auch wenn sie zeitlich disloziert sein mögen. Diese Aspekte von persönlicher Geschichte und akkumulierter Erfahrung faszinieren mich.

Als ich 2001 Berlin zu erleben begann, wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir all jene Ansammlungen von Erfahrung und Wissen beim mnemonischen Stadtplan dieser neuen Stadt (falls es so etwas außerhalb der eigenen Erfahrung gibt) nichts nutzten. Ich wusste, ich stand am Anfang eines Prozesses, und ich wusste auf Grund meiner Londoner Erfahrungen, wie komplex und reichhaltig dieser Prozess sein würde. Wie London ist Berlin eine Stadt, die sich einer einfachen mentalen Kartographierung entzieht (ich frage mich inzwischen, ob es dies ist, was ich in einer Stadt suche). Bei London hängt dies mit der Größe und den fragmentierten Arealen der Stadt zusammen. Londoner wie ich sehen im Grunde eine Vielzahl von Londons: Dutzende von Orten, Dörfer, wie man mitunter sagt, vielleicht ironisch, vielleicht aber auch, um die Engstirnigkeit dieser Einstellung zu unterstreichen. Berlins Schwierigkeiten entspringen seiner unaufhörlichen radikalen Evolution, ausgehend von einer geteilten Stadt mit ihrem Ruf, im Westteil, als Deutschlands Hauptstadt der Alternativkultur und, im Ostteil, mit der Herauskehrung ihres Status als „Hauptstadt der DDR“. Berlin entzieht sich einem letztlich, wenn auch nur deshalb, weil es dort keine Übereinstimmung darüber gibt, was nun das Stadtzentrum ist; für die Westberliner ist es die Gegend am Zoologischen Garten, für die Ostberliner ist es der Alexanderplatz.

Trotz der betrüblichen Redundanz meines Londoner Erfahrungsschatzes, trotz der Tatsache, dass ich mit diesem alten Kopf in einer neuen Stadt weilte, wusste ich, dass sich mir die Chance bietet, bei Berlin das festzuhalten, was mir in London versagt gewesen ist: Ich konnte aufzeichnen, wie ich eine Stadt physisch kennenlerne.

Und so sind diese Zeichnungen nicht das Porträt der Stadt, wie ich sie sehen möchte, sondern das Porträt, wie ich es mit meinem Körper erkundet habe; die wiederholten Linien, die alltäglichen Wege, die Sommerausflüge und die Fluchten über die Stadtgrenzen hinaus, ein Körper unter den Millionen von Körpern, die die Software dieser Stadt bilden.

„Alle Wege, die ich zurücklege, zeichne ich mit meinem GPS-Empfänger auf. Das mache ich seit April 2003.

Meine Absicht dabei ist es, ein Gefühl für die Spur zu entwickeln, die mein Körper auf der Erde hinterlässt, jedes Mal wenn ich mich fortbewege.

Die Linien, die dabei entstehen, übertrage ich auf meinen Computer. Auf großen schwarz/ weiß Bildern zeigen sich schließlich meine Wege durch Städte, Länder, Kontinente.“

GPS steht für Global Positioning System. Es handelt sich um eine Technologie, die zuerst vom amerikanischen Militär zur strategischen Ortsbestimmung entwickelt wurde. Heutzutage ist GPS nicht nur in der Industrie weit verbreitet, sondern vielen auch vertraut als Navigationssystem in Privatautos.

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