ARCH+ 183

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Erschienen in ARCH+ 183,
Seite(n) 18-19

ARCH+ 183

Editorial: Situativer Urbanismus

Von Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh /  Luce, Martin /  Kleist, Carolin

Dieses freie Leben suchte man umherschweifend zu erleben (Dérive), psychogeographisch zu kartieren (Psychogeographie), durch Zweckentfremdung überkommener Strukturen zu ergreifen (Détournement) und schließlich durch die permanente Revolution des Alltagslebens zu erreichen (Revolution des Alltagslebens). Nach diesem Programm haben wir die retrospektive Seite dieses Heftes gegliedert. Eingeführt wird sie durch einen Essay von Juri Steiner zur SI, der die kritische Auseinandersetzung mit der SI eröffnet und den Rahmen vorgibt für die Gliederung dieses Heftes.

Die Situationistische Internationale wird gemeinhin als die letzte große AvantgardeBewegung gesehen. Geflissentlich wird dabei übersehen, dass Guy Debord, angesichts der „Gesellschaft des Spektakels“ längst mit der Avantgarde abgeschlossen hatte. Er sah in ihr nur noch eine Chance, wenn sie dazu überginge, die Gesellschaft selbst zu besetzen und deren Veränderung als das letzte große Gesamtkunstwerk zu begreifen. Dadurch wurde die SI zum Auslöser des Pariser Mais und über Verzweigungen, durch die Gruppe SPUR, besonders aber durch die „subversive Aktion“, auch zum Mitauslöser der Berliner Studentenbewegung.

1972 hat Guy Debord die Situationistische Internationale aufgelöst. Trotzdem lebt sie als „Phantom Avantgarde“ (Roberto Ohrt) fort, fasziniert weiterhin und ist zum Bezugspunkt des theoretischen Diskurses um Kunst und Gesellschaft geworden – mit Auswirkungen auch auf Architektur und Städtebau. Haben sich doch aus der SI verschiedene, ganz praktische Strategien entwickelt, die heute in der Architektur und dem Städtebau für Furore sorgen und sich zunehmend verbreitern und durchsetzen: der Stadtspaziergang, das cognitive mapping, die Zwischennutzung und die Orientierung am Alltag. Und so haben wir versucht, das Heft nicht nur retrospektiv, sondern auch prospektiv zu gliedern, um diese Entwicklungen durch folgende Gegensatzpaare zu fassen: Dérive/Stadtspaziergang, Psychogeographie/cognitive mapping, Détournement/Zwischennutzung, Revolution des Alltagslebens/Alltag.

In der Hoffnung, dadurch eine Spannung aufbauen zu können, die erlaubt, diese Strategien sowohl auf ihre Herkunft als auch auf ihre gegenwärtige Bedeutung hin kritisch zu hinterfragen. Gemeint ist damit aber keine falsche Genealogie noch eine ebenso falsche Hagiographie der SI. Von diesem In-Spannung-Setzen erhoffen wir uns, dass die versprengten gegenwärtigen Ansätze, hier Spaziergangswissenschaft, dort Zwischennutzung, hier cognitive mapping, dort every day urbanism, aus ihrer selbst auferlegten Isolation heraustreten und miteinander ins Gespräch kommen. Zur Debatte steht dabei, was das Gründungsmanifest der SI, der von Guy Debord verfasste „Rapport über die Konstruktion von Situationen“, einforderte. Der erste Satz lautet: Wir meinen zunächst, dass die Welt verändert werden muss. Und der zweite Satz: Wir wollen die größtmögliche emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft und des Lebens, in die wir eingeschlossen sind. Aber wie ist die Wiedergewinnung der Wirklichkeit ohne das heilige Dreigestirn der heroischen Moderne – soziale Revolution, Avantgardeanspruch und Planungsdiktatur – möglich? Auch darüber wird zu streiten sein. Und auch dazu soll diese Ausgabe anregen.

DIE WIEDERGEWINNUNG DER WIRKLICHKEIT

Ins Zentrum ihrer Überlegungen und als Gegenpol zur „Gesellschaft des Spektakels“ stellt die SI das Alltagsleben, das sie wiederum als eine Folge von Einzelsituationen begreift. Will man demnach in die Lebensumstände der Menschen eingreifen, so schlägt das Gründungsmanifest die situationsspezifische Verfremdung des Alltags vor: Störung, Radikalisierung, Zweckentfremdung – in einem Wort, die permanente Revolution des Alltags.

Interessant ist nun, dass es damals Parallelentwicklungen in der Architektur gab, die auf eine Architektur des to enable, eine Ermöglichungsarchitektur hinausliefen: Cedric Price und Alison und Peter Smithson beispielsweise. Wäre eine Hinwendung zu solchen Parallelentwicklungen eine Chance gewesen, Bündnispartner im gegnerischen Lager zu finden und damit den eigenen Ansatz auf andere Praxisfelder auszudehnen? Guy Debord hat sich dieser Frage von vornherein durch Ausschluss der Künstler aus der SI 962 entzogen. Aber sehen wir uns die Chancen einer Ermöglichungsarchitektur im Einzelnen an, um diese Frage vielleicht anders beantworten zu können als durch Rückzug ins Sektierertum, einen Weg, den Debord durch Verdrängung der Kunst schließlich gegangen ist.

Im Zentrum eines solchen Ansatzes steht der Alltag, architektonisch gesprochen, die Orientierung an der Situation vor Ort (statt an der Funktion), städtebaulich die Orientierung an der atmosphärischen Einheit des Quartiers (statt an der funktionalen Segregation), und urbanistisch die Orientierung am Archipelkonzept der Stadt (statt am übergeordneten Masterplan), wie es Debord mit „Naked City“, Constant mit „New Babylon“ und Ungers mit der „Stadt in der Stadt. Berlin – das grüne Stadtarchipel“ demonstrieren. Situation, atmosphärische Einheit und Stadtarchipel bilden die Leitbegriffe für die mit einem solchen Ansatz eingeleitete Wende zu einem situativen Verständnis von Urbanismus. Aber wohlgemerkt: diese Leitbegriffe sind keine Planungsinstrumente, die im Sinne von form follows function linear umsetzbar und überall anwendbar sind, sondern es sind Handlungsstrategien, die im Sinne von to enable die Beziehungen zum Raum, zwischen Planer und Planungsraum und zwischen Bewohner und Lebensraum neu fassen.

Für die SI wäre ein solches Verständnis nur Mittel zum Zweck der permanenten Revolution gewesen. Ohne diesen revolutionären Anspruch, der zugleich für die Protagonisten einen Selbstschutz gegen die Vereinnahmung durch das Kapital darstellte, besteht die Gefahr, dass dieses Verständnis nur zur Anpassung von Architektur und Städtebau an den Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft führt, wie Christopher Dell in seinem Beitrag ausführt. Denn auf der Tagesordnung steht heute ein geschmeidigeres Vorgehen in der Auseinandersetzung mit Architektur und Stadt, das die gesellschaftlich geforderten neuen Techniken der Selbstregulation des Subjekts respektiert, den Grad an Individualisierung akzeptiert. So gesehen wäre ein situatives Verständnis von Architektur und Stadt nur eine nachholende Bewegung, ihre eingeforderte Reform. Und Guy Debord hätte allen Grund, sich dieser aufgezwungenen Selbsttechnologie durch Flucht in die Melancholie zu entziehen.

Meint man aber sich trotzdem einmischen zu müssen – und Architekten und Städteplaner müssen sich schon aus berufspraktischen Gründen einmischen –, dann wird man sich dem Dilemma von gewollter und aufgezwungener Reform, von Selbst- und Fremdführung nicht entziehen können.

DER RAUM DER RÄUME

Gewollt ist 1960: Die Neuausrichtung von Architektur und Städtebau, um die Wende der Disziplinargesellschaft ins Utopische durch die heroische Moderne zu korrigieren. Dieses Bedürfnis verschärft sich noch angesichts der aufkommenden neuen Gesellschaftsformation der Kontrollgesellschaft. Sie erzwingt fast, was gewollt ist: Neue Freiheitsspielräume durch Architektur und Städtebau zu eröffnen, einem anderen Subjektbegriff Raum zu geben, einen neuen Grad an Individualisierung zu respektieren, anders formuliert: das Dreigestirn von sozialer Revolution, Avantgardeanspruch und Planungsdiktatur der heroischen Moderne durch ein geläutertes Verständnis von Modernität einer der Gegenwart gerecht werdenden Moderne zu ersetzen. Dieses Verständnis von Modernität leitet die Überlegungen von Cedric Price oder Alison und Peter Smithson, deren Bemühungen um Begriffe wie as found, non-plan kreisen und im Konzept einer Ermöglichungsarchitektur gipfeln.

Und gewollt ist heute: Ebenfalls eine Neujustierung von Architektur und Städtebau, aber mit anderen Akzenten. Der Versuch nämlich, durch Mitbeteiligung der Bewohner einen räumlichen Mehrwert zu erreichen und bisher unterdrückte Bedürfnisse zu mobilisieren statt sich in Technikutopien zu verlieren. Dieses Konzept einer Ermöglichungsarchitektur wollen wir aufgreifen und weiter denken – und zum Mitdenken und Mitmachen einladen. Ziel ist ein Entwurf von Raum, der wiederum zur Produktion von Räumen anregt: eine Raumproduktion zweiter Ordnung. Raum bezeichnet dabei den Planungsraum des Architekten und Räume bezeichnen die Lebensräume der Bewohner, ein Abstraktum also und etwas Konkretes. Und die Frage lautet: Wie lassen sich Konkretionen planen, oder anders ausgedrückt, die Lebensräume der Bewohner, wenn sie sich jenseits des Planungsraums etablieren sollen. Damit verschiebt sich grundsätzlich der Akzent: einerseits von der Struktur zu Räumen, andererseits von der Dominanz des Planungsraums des Architekten zum Lebensraum der Bewohner.

Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, wird am Beispiel von Anne Lacaton und Philipp Vassal deutlich. „Lacaton & Vassal gehen wie die Konzeptkunst vor: Sie analysieren die Situation und entwickeln daraus ein Programm, das sich solange transformiert, solange es offen bleibt, bis die Zeit reif ist, formale Bestimmungen zuzulassen. Bestimmend ist das Gefundene. Die Frage richtet sich nach dem Bewusstsein für die Situation eines Ortes. Das kann soweit gehen, dass die Architekten nicht intervenieren, weil sie erkennen, dass die Situation, so wie sie ist, bereits funktioniert, wie beim Place Leon Aucoc in Bordeaux.“ (Dell) Es kann aber auch bedeuten, dass sie mit minimalen Mitteln ein Maximum an wohnlichem Mehrwert zu erreichen suchen, wie in ihrer Studie „Plus“ für das französische Kulturministerium zur Modernisierung des sozialen Wohnungsbaus.

Mit der Raumproduktion zweiter Ordnung wird es möglich, bisher getrennt verlaufene Linien der Architekturentwicklung in einem Begriff von Architektur zu verknüpfen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die advocacy planning oder die Versuche zur Selbstorganisation als klassische Themen der 1960/70er Jahre. Sie können als Beispiele von Kulturpraktiken der Raumproduktion zweiter Ordnung angesehen werden und in diesem Architekturkonzept aufgehen, ohne ihren Gehalt einzubüßen. Während das Tätigkeitsfeld des Architekten sich grundsätzlich wandeln wird, ohne dass man heute schon die Frage beantworten kann, wie es in Zukunft aussehen wird. Was man aber heute schon sagen kann, ist, dass zum ersten Mal alle Dimensionen des Raums ins Blickfeld geraten und der Raum zum Thema von Architektur und Stadt werden wird. In den Vordergrund rücken dadurch aber auch andere Fragen: Wie lassen sich Räume planen, wenn Planung und Gebrauch von Räumen nicht nur nicht auseinander fallen, sondern jeweils unterschiedliche Dimensionen des Raums meinen? Wie verhalten sich diese Dimensionen zueinander? Damit beginnen Fragen virulent zu werden, denen sich die Disziplin bisher verschlossen hat. Und diese Fragen brechen in den 1960er Jahren zum ersten Mal auf: La production de l’espace (Henri Lefebvre), The Image of the City (Kevin Lynch), L’Architettura della città (Aldo Rossi), Der Strukturwandel der Öffentlichkeit (Jürgen Habermas) – um nur die Fragen der Produktion des Raums, der Wahrnehmung von Stadt und des Strukturwandels der Öffentlichkeit zu erwähnen.

Mit diesen Überlegungen zeichnet sich aber nicht nur ein mehrdimensionales, sondern auch ein anderes Raumverständnis ab. Dieses Raumverständnis sieht den Raum nicht mehr als Ornament der Masse (oder von Massenorganisationen), sondern bindet den Raum an die Performanz des Menschen – performed space nennt es folgerichtig Christopher Dell. Mit dem Konzept des performed space haben wir ein weiteres Beispiel von Kulturstrategien, die unmittelbar auf die politischen Aktionen der 1960er Jahre zurückgehen. Beispielsweise wurde bei der Besetzung der damaligen „Mitte“ West-Berlins, der Kreuzung Joachimsthalerstraße Ecke Kurfürstendamm, der Regelbruch als politische Taktik mit den ersten Ansätzen einer politischen Performancekunst verbunden. Nach dem Motto „Margins to the Center“ wurde die Kreuzung kurz besetzt, ein Spruchband durch die Körper der Demonstranten gebildet und beim Anrücken der Polizei die Besetzung wieder aufgelöst. Darüber hinaus bedeutet Raum für Räume zu schaffen: einen Raum zu entwerfen, der zu aktivem Verhalten im und gegenüber dem Raum anregt, um ihn beispielsweise nach Situationen zu gliedern und nach Orten (des privaten und öffentlichen Lebens) zu organisieren. Wobei der Akzent immer auf dem Ermöglichen einerseits und dem Ausführen andererseits liegt, auf dem to enable und to perform.

Aus diesem Grund wird die Orientierung an der Situation vor Ort eine der Strategien sein, um sich diesem neuen Raumbewusstsein zu stellen. Deshalb schon, weil es sich bei diesem Begriff um einen Querschnittsbegriff handelt, der sich dadurch schon seiner Vereinnahmung entzieht. In diesem Sinne vermuten wir, dass sich die Situation vor Ort, die atmosphärische Einheit des Quartiers und die archipelartige Gliederung der Stadt als die neuen Leitbegriffe des situativen Urbanismus etablieren werden – hier weiter zu denken, diesen Ansatz auszubauen, dazu soll diese Ausgabe von archplus anregen.

Nikolaus Kuhnert, Anh-Linh Ngo, Martin Luce mit Carolin Kleist  

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