ARCH+ 50

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Erschienen in ARCH+ 50,
Seite(n) 6

ARCH+ 50

Editorial

Von Kuhnert, Nikolaus /  Kraft, Sabine

Das Heft selbst ist nach den folgenden Gesichtspunkten aufgebaut. Im Zentrum steht die Frage des Konstitutionsprozesses des Raums. Dieser Frage nähern sich die Autoren in zweifacherWeise: mehr sozialwissenschaftlich wie JEAN-CHARLES DEPAULE, HENRI RAYMOND, MARION SEGAUD, mehr städtebaulich wie JEAN CASTEX, PHILIPPE PANERAI, die einen also versuchen, mehr von den Sozialwissenschaften kommend, das Verhältnis Gesellschaft – Raum zu bestimmen, die anderen versuchen, mehr von der Architektur, dem Städtebau kommend, das Verhältnis Architektur – Raum zu erfassen. Die letzte Denkrichtung hat – freilich allein auf Gestaltfragen begrenzt – auch hierzulande unter verschiedenen Namen - ARCHITEKTUR DER STADT (Aldo Rossi), ARCHITEKTUR DER ERINNERUNG (Oswald Mathias Ungers) – Schule gemacht; sie geht aber auch nicht unwesentlich auf Bemühungen zurück, die sich als Opposition zur Moderne zu Beginn dieses Jahrhunderts in diesem Land entwickelten, wie u.a. so vieles, was die Architektur dieses Jahrhunderts bestimmte. Wir verweisen hier nur auf einen schon fast Vergessenen: auf A.E. BRINCKMANN und z.B. auf seine Schrift „Plastik und Raum als Grundformen der künstlerischen Gestaltung"(1924), in derer, wenn auch in einer heute unüblichen Begrifflichkeit eine Tendenz vorwegnimmt, die erst jetzt voll zum Tragen kommt. Brinckmann spricht in diesem Fall von plastischer Masse und Raum in einer ähnlichen Weise, wie heute architektonische Typologie und städtische Morphologie verwendet werden.

Doch im Gegensatz zur Situation um die Jahrhundertwende weist die Diskussion heute um den Raum neue Akzente auf. Sie geht eher in eine Richtung, wie sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit hierzulande unter dem Gesichtspunkt: ,,Mensch und Raum " - so der Name der damaligen Darmstädter Gespräche — andiskutiert wurde. Einzig die Arbeiten gleichen Titels von BOLLNOW greifen hierauf zurück und zugleich auch weiter.

Gegenüber diesen unterschiedlichen Traditionslinien der Auseinandersetzung mit dem Raum zeichnet sich die gegenwärtige dadurch aus, daß sie den Raum nicht im Rahmen einer Disziplin, sondern durch die Verschränkung verschiedener Disziplinen zu erfassen sucht. D.h. sie bemüht sich, den Raum nicht nur im Sinne von Architektur und Städtebau stadträumlich – was Tradition hat – oder im Sinne der Sozialwissenschaften verhaltensräumlich - was jüngeren Datums ist - zu erfassen, sondern, als Verschränkung beider Ansätze, im Sinne einer neuen sozialen Raumlehre (oder Stadtbaulehre), sozialräumlich. Raum heißt hier also nicht mehr Stadtraum oder Verhaltensraum, sondern Sozialraum. In diesem sind die beiden oben angesprochenen Dimensionen des Raums überlagert. „Raum" wird mithin

• nicht mehr im ausschließlichen Verhältnis zur Architektur oder Gesellschaft (als dem quasi professionellen Besitzstand der Sozialwissenschaften),

• nicht mehr in ausschließenden Kategorien einer Disziplin, Architektur/Städtebau oder Sozialwissenschaft,

• nicht mehr als Stadtraum ausschließlich in Begriffen der architektonischen Typologie und städtischen Morphologie,

• nicht mehr als Sozialraum ausschließlich in Begriffen des Raumverhaltens und Verhaltensraums gedacht.

Vielmehr bestimmt sich der so verstandene Raum nicht mehr aus der immanenten Logik der jeweiligen Disziplin, sondern aus der Untersuchung seines Konstitutionsprozesses.

Sprechen wir mithin von Raum, dann müssen wir zwischen verschiedenen „Räumen" unterscheiden: zwischen stadträumlichen, gebauten und denjenigen, die sich durch soziales Verhalten konstituieren. Dieser Verhaltensraum muß sich im Stadtraum verorten können, genauso wie die Struktur des städtischen Raums in die Verhaltensdispositionen als ein Modell städtischen Lebens eingegangen ist. Als Arbeitsbegriff schlagen wir für diesen Ansatz vor, von sozialer Raumlehre zu sprechen. Ihr Inhalt gründet auf der Frage der Beziehung RaumVerhalten, d.h. auf der Frage, wie durch räumliche Organisation Verhaltensweisen symbolisiert werden und wie sich soziales Verhalten räumlich darstellt. Diese Art von sozialer Raumlehre (oder Stadtbaulehre) umfaßt dann das, was CASTEX, DEPAULE und PANERAI als Untersuchungsgegenstand ihrer Arbeiten auszuweisen versuchen: die wechselseitige Beziehung zwischen der physischen Organisation des Raums und dem Raumverhalten. Aber auch die Arbeiten von ROLAND GÜNTER zu einer „Sozialen Architektur und ihren Elementen", die wir in früheren ARCH+-Heften vorgestellt haben (ARCH+ 42 und 43/44), weisen in diese Richtung.

Mit diesem Heft stellen wir diesen Ansatz nicht gleichsam als fertiges Produkt, sondern in einer Weise vor, daß seine Entwicklungsgeschichte immer durchsichtig und nachvollziehbar bleibt. Dementsprechend haben wir die Beiträge zu diesem Heft ausgewählt. Die Artikel von HENRI RAYMOND und MARION SEGAUD vertreten dabei die sozialwissenschaftliche, der von PHILIPPE PANERAI die städtebauliche Annäherung an den Raum. Entwickelt werden diese Positionen an zwei zentralen Kategorien, dem Typus und den kulturellen Modellen als den Bestimmungsmomenten von Raum und Raumverhalten. Typus steht hier für den gewissermaßen gewonnenen Ausdruck bestimmter Formen des gesellschaftlichen Lebens, während mit den kulturellen Modellen aufgezeigt werden soll, daß auch die individuell-räumlichen Verhaltensweisen in überkommenen Konventionen gründen und nicht rein funktionalistisch bestimmbar sind. Diese Perspektive einer sozialen Raumlehre (oder Stadtbaulehre) bildet schließlich den Gegenstand des Dossiers, welches im Unterschied zu den einführenden Beiträgen konkreter gehalten ist.

Denken wir diesen Ansatz zu Ende, dann eröffnen sich Perspektiven für eine soziale Raumlehre (oder Stadtbaulehre), die sich weder allein auf sozial-ökonomische Kritik der Auswirkungen von Gebautem, noch auf bloße Gestaltkritik, noch allein auf Kritik überhaupt beschränkt. Diesen Anspruch wollen wir mit einigen der folgenden Hefte von ARCH+ einzulösen versuchen. Anvisiert ist hier ein Heft zum Thema „Block" als dem organisierenden Element des städtischen Raumes und des sozialen Lebens. Aber auch ein Heft zum Thema „Frauen, Familie, Wohnen" ist dieser Richtung kritisch verpflichtet.

Zum anderen planen wir, aufbauend auf dem vorliegenden Heft, verschiedene ARCH+-Foren, wo die hier eingeschlagene Richtung zur Diskussion und Kritik gestellt werden soll, um sie in die oben vorgeschlagene Heftplanung einfließen zu lassen, um diese gegebenenfalls zu korrigieren. Das erste dieser Foren soll im November dieses Jahres stattfinden. Wir versuchen damit eine „gute alte" ARCH+-Tradition wiederzubeleben, die wir mit verschiedenen Diskussionskreisen zum Thema „Aneignung" anläßlich des Hefts 34 begonnen haben. Gleichzeitig hoffend, daß sich diese Diskussionslinie und diejenige, die wir mit Heft 37 aufgenommen haben, entsprechend den oben erläuterten programmatischen Überlegungen verbinden lassen, unterstützen und gegebenenfalls auch wechselseitig korrigieren.

Denn Kritik ist hier am Platz. Denn trotz aller programmatischen Faszination, die von diesem Thema und Heft ausgehen mag, wird diese Position gegenwärtig nur von Teilen der Profession getragen und hier von Leuten wie wir, die eine Zeitschrift machen, an der Hochschule arbeiten, sich mittels bescheidener Aufträge über Wasser halten. Mehr noch, dieser Ansatz läuft ständig Gefahr, wieder im professionellen Sumpf zu ersticken und statt eine neue Perspektive zu eröffnen für die Stadt und ihre Bewohner, und hierüber vermittelt, auch für die Architektur, nur einen neuen Architekturstil zu kreieren. Es geht hier nicht um Architekturmoden, sondern um sozial gebrauchsfähige Räume.

 

 

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