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Erschienen in ARCH+ 174,
Seite(n) 4

ARCH+ 174

Kritik: Nicht alles ist politisch

Von Fitz, Angelika

Diese Konzeptualisierung des Kulturellen als Leitmedium für gesellschaftliche Werte macht Kultur zum privilegierten Austragungsort für politische Auseinandersetzungen, wobei das Politische hier im weitesten Sinn – ähnlich breit wie das Kulturelle – als moralisches und ethisches Normierungsmedium verstanden wird. Werden Kultur und Politik hier deckungsgleich? Ist jede kulturelle Aktivität, also auch jede architektonische, bereits politisch?

Im Zuge der sogenannten kulturellen Wende in den Sozialwissenschaften seit den 1980er Jahren hat vor allem die angelsächsische Tradition der Cultural Studies eine Ausweitung und Politisierung des Kulturbegriffes betrieben. Kulturelle Prozesse, Beziehungen, Praktiken – Artikulationen wie das in den Cultural Studies heißt – werden in allen gesellschaftlichen Feldern beobachtet und bevorzugt im Hinblick auf Machtverhältnisse analysiert. Die vorherrschende soziologische Konzeption, die Kultur als “Kitt” für gemeinsame Werte und Interpretationslogiken versteht, wird von den Cultural Studies abgelehnt. Statt dessen betonen sie den Widerstreit zwischen verschiedenen Kulturen in einer Gesellschaft, wobei das Forschungsinteresse meistens durchzogen wird von einer durchaus parteiischen Anteilnahme für marginalisierte Gegenkulturen. Beide Varianten, der soziologische Kulturbegriff und jener der Cultural Studies, führen letztlich zu einer Inflation sowohl des Kultur- als auch des Politikbegriffs, was inzwischen von den Cultural Studies unter dem Stichwort der “Kulturalisierung des Politischen” selbstreflexiv kritisiert wurde.

Läßt sich politischer Widerstand, im Sinne der Produktion von Alternativen, zum Beispiel zu konservativen oder sozial als ungerecht empfundenen gesellschaftlichen Tendenzen, mit kulturellen Mitteln leisten? Das ist die Kernfrage, um die die meisten Beiträge in der letzten archplus kreisen. Es ist kein Zufall, daß der aktuelle Beginn dieser Debatte in einem ungewöhnlich kunstlastigen Heft erfolgte, verursacht durch die über weite Strecken künstlerisch agierenden Shrinking CitiesProjekte, die im Heft diskutiert wurden. In der staatlich geförderten und meist institutionell agierenden Kunstwelt hat die Frage, inwieweit Kunst politisch sein kann, einen wichtigen Stellenwert bekommen; sie ist mitunter zur Legitimationsfrage geworden. Über diesen Legitimationsstress eines überwiegend im symbolischen Raum agierenden Feldes mag man aus der Perspektive der Architektur milde lächeln. Und tatsächlich bietet die Architektur, wie von mir im letzten Heft ausgeführt, als multidisziplinäres Handlungsfeld weitaus mehr Möglichkeiten zu wirksamen politischen Allianzen, aber auch zu Vereinnahmungen. Dazu später. Wichtig ist an dieser Stelle, daß sich aus dem Ringen von künstlerischen Institutionen um die politische Relevanz ihrer Verfahrensweisen einiges lernen läßt.

Einige der Fallen, in die solche künstlerischen Praktiken, die sich als politische verstehen, historisch getappt sind, wie jene der affirmativen Vereinnahmung oder der Allianz mit neoliberalen Forderungen durch Mechanismen der Substitution von staatlichen Leistungen, sind inzwischen bekannt – zumindest in avancierten Kunstdiskursen. Ob sie auch bei den ProduzentInnen und AuftraggeberInnen von aktionistischen Architekturinterventionen hinreichend reflektiert werden, daran zweifle ich mitunter.

In der Kunst wurde in den 1980er und 90er Jahren vor allem Antonio Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie als Politisierungstool wiederentdeckt. Laut Gramsci ist die Kultur immer Austragungsort von ideologischen Auseinandersetzungen, von Kämpfen um Bedeutungshoheit und somit um gesellschaftliche Vorherrschaft. Wobei das Besondere an der kulturellen Hegemonie ist, daß sie nicht auf Dauer durch Zwang erhalten werden kann. Vielmehr setzen sich Wertsysteme durch oft implizite Konsensvereinbarungen quasi “organisch” durch. Doch während für Gramsci das Konzept der kulturellen Hegemonie einerseits Analyseinstrument war und anderseits auf die konkrete Organisation einer gegenhegemonialen Bewegung zielte, verließen sich Kunstpraktiken zu sehr darauf, daß jede Kulturproduktion automatisch schon politisch sei. Künstlerische, architektonische oder wissenschaftliche Verfahrensweisen bildeten für Gramsci nur einzelne Ebenen, die erst durch Allianzen mit sozialen und politischen Organisationsformen eine wirksame Gegenkultur etablieren sollten. Deshalb ist das Politische auch nicht in der persönlichen Haltung von einzelnen zu verorten, auch wenn diese eine der Voraussetzungen bildet. Politisierung verlangt strategische Allianzen, die sich transversal – quer zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft – über verschiedene Funktionsbereiche erstrecken. Übrigens macht die Verwendung von Begriffen wie “funktionale Differenzierung” oder “System” noch niemanden zum/zur “LuhmannianerIn”. Das Theoriegebäude von Niklas Luhmann mag sich für die soziologische Beschreibung von Politik als institutionellem System eignen, aber kaum für die Entwicklung von angewandten Politikbegriffen, unter anderem, weil Prinzipien wie Macht oder das Politische in seiner Theorie keine nennenswerte Rolle einnehmen. Und was ich im Rahmen dieser Kritik nicht machen möchte, ist eine Reflexion des Systems Politik und seiner Verfahrensweisen, auch nicht jener der Architekturpolitik, wie sie in Kammern und anderen Gremien gemacht wird. Ohne in irgendeiner Weise die Wichtigkeit institutioneller Politik relativieren zu wollen, geht es in diesen Überlegungen nicht um Architekturpolitik, sondern um eine Politisierung der Architektur, also um die Frage, ob und wie politische Artikulation mit architektonischen Mitteln zustande kommen kann.

Das Politische ist weder rein institutionell, noch privat, sondern verlangt nach transversalen Verknüpfungen von Forderungen, Gruppen, Disziplinen, Szenen. Das Politische ist weiter zu unterscheiden vom Sozialen, denn das Politische ist jenes Bewegungsmoment, das ermöglicht, daß sich soziale Situationen ändern. Deshalb ist das Politische mit Auseinandersetzungen und Konflikten verbunden, wie ich bereits im letzten Heft unter Berufung auf die post-marxistischen Theorien des Politischen von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe ausgeführt habe. Das heißt aber nicht, daß in einer antagonistischen politischen Öffentlichkeit, jeder allein um die Durchsetzung seiner Anliegen kämpft. Hier liegt eine zentrale Schwäche von post-deleuze’schen Konzepten, die das Politische in einer frei fluktuierenden Multitude von postmodernen Nomaden verorten. Es genügt nicht, wenn transversale Allianzen mitunter zufällig passieren, sie müssen gewollt und initiiert werden. Dazu braucht es nicht nur das Interesse für andere kulturelle Produktionsfelder, sondern auch die Kenntnis der spezifischen Codes und historischen Erfahrungskontexte derselben. Das Shrinking Cities-Projekt However Unspectacular, dessen Besprechung meinerseits im letzten Heft leider einer redaktionellen Kürzung zum Opfer fiel, verfügt über solche Kompetenzen. Es reflektiert nicht nur präzise die Gefahren einer Ästhetisierung des Politischen, sondern geht darüber hinaus neue Allianzen mit Schulen und anderen Bildungsinstitutionen ein.

Die Architektur bringt an und für sich beste Voraussetzungen für transversale Prozesse mit, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen kein operational geschlossenes System ist, sondern ein Terrain, auf dem sich immer Handlungen aus verschiedenen gesellschaftlichen Feldern verschränken. Um politische Wirksamkeit zu entfalten, müssen die transversalen Handlungskontexte der Disziplin allerdings über technologische, ökologische, rechtliche, marketingtechnische hinaus erweitert werden. Wobei sich die Frage stellt, in wie weit sich VertreterInnen der hegemonialen Disziplin Architektur überhaupt mit gegenhegemonialen Bewegungen, seien es soziale Organisationen und Gruppen oder theoretische Diskussionsforen, temporär verbünden wollen. Wenn ja, so bleibt die Organisation von Übersetzungsleistungen unabdingbar. Wie können ArchitektInnen beispielsweise an Konzepten für den sogenannten ‘öffentlichen Raum’ mitarbeiten, ohne sich mit philosophischen oder sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu unterhalten, die ihnen auseinandersetzen, wieso Öffentlichkeit kein räumliches Prinzip ist? Fehlt ein solcher Wissenstransfer, bleibt die bei ArchitektInnen und InvestorInnen gleichermaßen beliebte Beteuerung, daß der nahtlose Übergang zwischen privaten und öffentlichen Räumen integrativer Bestandteil ihres Projektes ist, reine Rhetorik. Aus der Ferne betrachtet scheint es, daß auch im Berliner Architekturstreit ein eklatanter Mangel an Übersetzungsleistungen herrschte und dadurch die Bereitschaft zu strategischen Allianzen fehlte. Es gelang nicht, zwischen AktivistInnen aus der Stadtteilarbeit, TheoretikerInnen von komplexeren Stadtmodellen, “ästhetischen Avantgarden” und kritischen Medien ein wirksames gegenhegemoniales Lager zu bilden, während sich auf der hegemonialen Seite überraschende Allianzen bilden und festigen konnten.

Während Architekturpolitik immer schon Politik macht, bleibt Politik in der Architektur in erster Linie Architektur. Sie wird erst politisch, wenn sie sich in transversale Allianzen begibt, die über jene strategischen Allianzen, welche die Architektur als Dienstleistung erfordert, hinausgehen. In diese politischen Transversalen kann die Architektur durchaus auch ästhetische Ebenen mit einbringen, denn Aktivitäten der Sichtbarmachung gehören zum Kern des Politischen, wie unter anderem der Philosoph Jacques Rancière betont. Rancière war in den letzten Jahren in Frankreich aktiv in Protestbewegungen von Arbeitslosen oder illegalen MigrantInnen involviert und war unter anderem an der Gründung der Sans Papier-Gruppe beteiligt. Er hat in seiner Arbeit kontinuierlich politische Transversalen zwischen diesen neuen sozialen Bewegungen, seiner akademischen Arbeit und künstlerischen Praktiken initiiert. Die Einbeziehung ästhetischer Praktiken ist ihm deshalb wichtig, weil er das Politische als Konflikt über die Schaffung von neuen Bühnen definiert; Bühnen, auf denen sich diejenigen, die bisher unsichtbar waren, die keine Sprecherposition hatten, mit denen treffen können, die bereits sichtbar und hörbar sind. So ist laut Rancière zum Beispiel ein Streik nicht nur seiner Ziele wegen politisch, sondern ebenso sehr wegen seiner Form, insofern die Form verschiedene gesellschaftliche Gruppen in ein neues, öffentlich sichtbares Verhältnis setzen kann. Vielleicht würden solche Konzeptualisierungen des Politischen sogar Möglichkeiten schaffen, die schwierige Frage einer “Politik der Form” in der Architektur neu zu stellen?

Braucht es Aktionismus, um politisch zu werden, wie Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo unter dem Stichwort Learning from Performance im Editorial zur letzten archplus fragen? Nicht unbedingt, und vor allem können Aktionen und Interventionen genauso gut im affirmativen Spektakel enden, als marketingwirksame Inszenierungen oder dienstleistungsorientierte Praktiken, die in ihrer Flexibilität und Prozeßhaftigkeit neoliberalen Anforderungsprofilen und Verwertungslogiken geradezu entgegenkommen. Die Verwendung des Begriffs Performativität im Sinne einer prozeßhaften Aufführung von künstlerischen oder theatralen Handlungen ist einerseits zu eng und andererseits zu unspezifisch, was widerständige Potentiale betrifft. Etwas anderes erscheint mir viel interessanter an performativen Betrachtungs- und Produktionsweisen. Sie richten die Aufmerksamkeit auf den Vollzug und den Gebrauch, nicht nur von künstlerischen, sondern auch von alltäglichen Kommunikationen, und zwar besonders auf die Reibeflächen des Vollzugs zwischen dem “Was” und dem “Wie”.

Wenn diese Reibeflächen ausgelotet werden, kann, wie bei Judith Butler anschaulich beschrieben, eine Subvertierung performativer Akte angepeilt werden. Erst dann wird Performativität in Verbindung mit Transformation gedacht. Die Entwicklung einer derart komplexen Performativität setzt ein reflexives Wissen, einen Erfahrungskontext und eine Bereitschaft zu neuen Allianzen voraus, die nicht gegeben sind, solange architektonische Interventionen als “Pausenfüller” auf dem Weg zum eigenen Büro oder zur fixen Anstellung fungieren. Und gibt es danach, wenn die ersten Aufträge kommen, überhaupt noch ein Interesse seitens der ArchitektInnen, gegenhegemoniale Allianzen zu knüpfen? Oder folgt dann der Rückzug in pragmatischere Kontexte der Disziplin, in funktionale, technologische oder ästhetische Problemlösungen? Architektur hat aufgrund ihrer Produktionsbedingungen stets eine starke Verankerung auf Seiten der Macht. Sie ist immer schon Teil einer kulturellen Hegemonie. Damit sie partiell aus dieser Verstricktheit ausbrechen kann, braucht es keine Ausweitung des Politikbegriffes, keine Kulturalisierung der Politik, sondern eine Spezifizierung des Politischen.

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