ARCH+ 60

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Erschienen in ARCH+ 60,
Seite(n) 4

ARCH+ 60

Editorial

Von Hege, Sibylla /  Kraft, Sabine

Schuhladen

Links die Strümpfe, rechts die Hemden. Oben Bettlaken, Kissen, Decken, unten die Schuh. Oh, ihr schönen, schlichten Kästen, kantiger, klarer Raum wohltuende Ordnung. Rubrizieren, Einsortieren: Abgelegt. Wenn nun mein Kopf auch eine Kommode wäre, das wäre, ja wäre ... commode! Geradezu phänomenal: Eine Schublade im Kopf für alles, was nicht paßt, was aneckt und was stört. Die könnt ich ganz fest verschließen und ... getrost so weitermachen wie bisher. (Kein) Editorial Letzte Aufgabe am Heft: das Editorial. Zurechtrücken, Rechtfertigen? Auf die Reihe bringen, Abfertigen? - Play-back: ein bißchen Dramaturgie, ein bißchen Eitelkeit?

Ein Resümee fällt schwer zu diesem Heft: es ist nichts Geschlossenes, nichts Festumrissenes ... uns lieber eine Taube auf dem Dach als der Spatz in der Hand. Dennoch: flügge ist sie! Voll wunderlicher Geschichten und nützlicher Weisheiten. Nicht altklug, nicht belehrend, aber auch nicht bescheiden: weiß, was sie will. Und vor allem, sie kennt sich aus in den Lüften, weiß, wo in den Straßen und auf den Plätzen die Gefahren lauern. So wird sie den Weg wohl finden.

Also, kein Fazit, kein Urteil dieses Mal? Eher: einhalten, atemholen, besinnen. Was war, was ist. Greifbares? - Ja. Die Erfahrung der letzten Monate. Materialsuche - Spurensuche. Die Vergangenheit: nicht besetzt - wo sind die Vorgängerinnen in Architektur und Baugeschichte?

In die Zukunft dagegen träumt sich viel: Schneckenhäuser, Uterushöhlen, Wolkenkuckucksheime.

Die Gegenwart? Wir suchen. Frauen im Beruf, Frauen im Alltag. Frauen, die festsitzen zwischen Kindern und Kochtöpfen, eingeschlossen da, ausgeschlossen dort. Frauen in Bewegung: Ausbruchversuche, Fluchtwege, Wegmarken. - Ankunft? Orte von eigener Beschaffenheit, nach eigener Notwendigkeit?

Die Suche nach den Frauen wird zur Suche nach uns selbst. Womit wir in Berührung geraten, was wir lesen, wir müssen uns ins Verhältnis setzen dazu. Nähe und Distanz zugleich. Kein abgeschlossener Prozeß bisher. Irritationen, Ausbrüche aus Denkmustern und Furcht vor neuen Denkgefängnissen. Ein Weg zwischen Widerstreben und Sich-Einlassen. Die eigenen Erfahrungen werden Ausgangspunkt - zu welchem Endpunkt? Subjektivität als Sumpf? Unser eigener Standort? Dazwischen, hineinverwickelt. Eine schwere Geburt, dieses Frauenheft: sich ständig aussetzen, die Sicherheit der persönlichen Schutzwälle bröckelt.

Was wir gefunden haben, war mehr als erwartet - und anders. Der Eindruck: sehr verzweigt vor allem, die Wege ins Niemandsland (?).

Frauen, die selbstbewußt Platz nehmen in ihrer Umgebung, sie herrichten für sich, benutzbar machen.

Frauen, die die zugewiesenen Orte verlassen und sich finden, andernorts.

Frauen, die Spuren sichten, Fährten suchen, Stand-Orte einkreisen.

Das Gemeinsame? Noch immer und überall dazwischen. Orte zwischen der weiblichen Provinz von Familie, Ehe, Häuslichkeit und der männlichen Öffentlichkeit von Politik, Arbeit, Kultur. Orte zwischen drinnen und draußen, zwischen Tag und Traum, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Auch die Weiblichkeit, dazwischen.

Wie sollen wir das weiter vermitteln?

So schicken wir das Heft einfach auf den Weg zu denen, die es bereits mit Spannung erwarten und zu denen, die es zufällig entdecken. Auch ohne uns werden sie Kritik und Wohlwollen, Widerspruch und Einverständnis ernten: die Hagazussa, die erstarrte Schöne, die Elly M. - und all die anderen planend, bauend, beratend - engagierten Architektinnen, radikalen Soziologinnen und sich frei spinnenden Künstlerinnen. Sie alle sind unterwegs, auf der Suche nach ihren eigenen, selbstbestimmten Orten, wo sie leben und arbeiten, wo sie sich verwirklichen können, zu sich selbst und anderen finden. Auf der Suche nach einer Umwelt, die Frauen Entfaltungsräume bietet - statt Rollengefängnisse, auf der Suche nach Wegen aus der Sackgasse der Planer-HERRschaft und des Ästheten-Diktats.

Scheinbar unmöglich, neu und anders anzufangen: die Spuren der „anderen Frau" aus der Geschichte getilgt: Ausgrabungsarbeit. Kreatives freilegen: die innere Baustelle. Und immer auch Unsicherheit, Innehalten, Überdenken: wird der eingeschlagene Weg zu einem eigenen? Der Ort? Konturen, nichts Ausgemessenes. Deutlich aber: der Aufbruch und kein Weg zurück. Niemals.

Was wir erhalten wollten: die Breite, die Vielfalt, die Lebendigkeit und die Ganzheitlichkeit der Versuche. Die Selbständigkeit des Vorgehens.

Die Auswahl blieb, zugegebenermaßen, subjektiv, das also, womit wir zu Rande kamen. Und auch das muß gesagt sein: durch den Umfang und die finanziellen und zeitlichen Mittel des Heftes begrenzt. Es hätte genug Stoff für ein Buch gegeben. Im Bewußtsein der Tatsache, daß uns nichts hindert, irgendwie und irgendwo weiterzumachen, sollten die Autorinnen, die nicht erschienen sind, nicht betrübt sein.

Zum Lay-out des Frauenheftes: natürlich wollten wir alles selber und ganz für uns machen – aber bei der Suche vergeht viel Zeit, und wir waren zu lange andernorts. So sind wir unseren Lay-outern - männlichen Geschlechts - für ihre solidarische Unterstützung dankbar.

 

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