ARCH+ 168

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Erschienen in ARCH+ 168,
Seite(n) 78-79

ARCH+ 168

Die Revolution frißt ihre Kinder

Von Pledge, Robert

Diese uneingeschränkte Kontrolle über das Land gelang Mao durch eine Propagandakampagne von noch nie da gewesenem Ausmaß. Der Mao-Kult – sorgfältig koordiniert von seinem Stellvertreter Marschall LIN Biao, dem Initiator des Roten Buchs, sowie Maos Frau JIANG Qing, die alle Bereiche der Kultur und der Medien beherrschte – brachte die “höchsten Anweisungen“ des Großen Führers auf die Wände jeder Fabrik und auf jede Zeitungsseite und sein Porträt auf Postern, Abzeichen, Stoffen und Geschirr in jede Wohnung. Zwei scheinbar widersprüchliche Aspekte verstärkten diesen Kult noch – Mao war gleichzeitig omnipräsent (im Bild) und unerreichbar (in persona). Mit Ausnahme jener, die einen von Maos acht Auftritten vor den Roten Garden am Tiananmen- Platz zwischen August und November 1966 miterlebten, haben ihn nur wenige Chinesen je leibhaftig gesehen. Und obwohl sich die Ideen MAO Tsetungs zum allgegenwärtigen offiziellen Ausdruck chinesischen Denkens entwickelten und alle anderen Schriften ersetzten, die nun größtenteils verboten waren, konnte fast ein Drittel aller Chinesen sie nicht lesen.

Das Ziel war, Mao zum mächtigsten Mann des Planeten zu machen, zum Marionettenspieler, der die Fäden des auf Zerstörung und Angst basierenden Stücks in der Hand hatte, einer Angst, gegen die nur er immun war. Schulen wurden geschlossen und die Industrieproduktion stagnierte, als sich die Rebellen gegen Kapitalisten, religiöse Führer, die Presse, die lokale Parteiführung etc. wandten. Im Sommer 1967 hatte die Gewalt ihren Höhepunkt erreicht. Rote Garden nahmen Hausdurchsuchungen vor, plünderten Bibliotheken und führten Verhöre durch – Millionen Menschen wurden getötet, gefoltert oder begingen Selbstmord, bevor Mao schließlich die VBA (Volksbefreiungsarmee) einsetzte, um das Land vor dem totalen Chaos zu bewahren.

Auszug aus Zhensheng Li/Robert Pledge (Hrsg.), Roter Nachrichten-Soldat, Berlin 2003 Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Phaidon Berlin.  

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