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Ein Nachruf von Angelika Schnell
Es ist nicht einmal drei Monate her, dass Nikolaus Kuhnert gestorben ist, nun trauere ich um Sokratis Georgiadis. Wie Nikolaus war Sokratis eine prägende Person für mich. Kennengelernt habe ich ihn in einer typischen ARCH+-Situation. Anlässlich einer zweitägigen Konferenz zu „Exil und Architektur“ im Oktober 1998 an der Technischen Universität Berlin trafen Nikolaus und ich Sokratis und seine Frau Maria in einem Café in der Knesebeckstraße. Seit seiner Intellektuellen Biographie Sigfried Giedions war Sokratis einer der anerkannten Experten zum Werk des Schweizer Kunst- und Architekturhistorikers, zu dem er auch auf der Berliner Konferenz gesprochen hatte.
Sokratis’ Studie ist differenziert und kenntnisreich. Sie unterscheidet sich wohltuend von anderen Beiträgen dieser (postmodernen) Zeit, die Giedion seine Parteinahme für die Architekturmoderne vorgeworfen haben, während Sokratis genau diese Parteinahme als bewusste historiografische Positionierung Giedions untersuchte und als den – für viele heute selbstverständlichen – Schritt zur „Verschmelzung von Geschichte, Theorie und Kritik“ analysierte.
Wir sprachen deshalb mit Sokratis als einem der Autoren für die ARCH+-Hefte zur Zweiten Moderne (Nr. 143 und 146), wo er sich in einem Disput mit Heinrich Klotz über den Begriff der Moderne befand. An Einzelheiten des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern, bis auf einen für mich damals recht rätselhaften Satz am Ende. Verschmitzt lächelnd wandte Sokratis sich an mich und fragte, ob ich Interesse hätte, bei ihm zu promovieren, so, als ob er ahnte, dass ich tatsächlich seit einiger Zeit begonnen hatte, über eine Dissertation nachzudenken. Auf meine verwunderte Antwort, dass er doch gar nicht wissen könne, worüber ich promovieren möchte, sagte er nur: „Aber ich kenne Sie!“
Als ich drei Jahre später tatsächlich an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart als Assistentin an seinem Lehrstuhl anfing (der kleine Satz hat bei mir nachhaltig gewirkt), verstand ich, dass er aktiv auf der Suche nach Doktorand*innen war; denn schließlich war es eine seiner wichtigsten universitätspolitischen Leistungen, dass er nach vielen Jahren des Engagements und auch gegen manchen Widerstand es geschafft hatte, an der Stuttgarter Kunstakademie eine Promotionsordnung zu verankern. Nun wollte er natürlich, dass Dissertationen entstehen und dadurch ein akademisch-intellektuelles Umfeld geschaffen wird, das ihn selbst auch inspirieren konnte.
Am Anfang fielen mir die Gemeinsamkeiten auf, die Sokratis mit Nikolaus hatte. Beide hatten Architektur an der TU Berlin studiert, nach ihrem Diplom zunächst als Architekt gearbeitet und auch ein paar Häuser realisieren können (Nikolaus in Berlin, Sokratis in Thessaloniki und Umgebung). Für beide war das Studium in Berlin eine hochpolitische Phase, die sie geprägt hat. Für Sokratis war bereits das Studium in Berlin, um der Militärdiktatur in Griechenland zu entkommen, eine politische Entscheidung. Und er blieb kritisch gegenüber autoritärem Denken, selbst dann, wenn es sich als demokratische Kontrolle legitimierte, wie zum Beispiel bei anonymisierter Evaluierung von Bildung und Lehrpersonen (wir diskutierten häufiger darüber). Als politisch wachsame Menschen habe ich folglich Sokratis und Nikolaus kennen und schätzen gelernt. Unterschiedlich waren sie aber als Intellektuelle. Beide waren hochgebildet, mit enormem Wissen und einer glänzenden Bibliothek ausgestattet, aber Nikolaus war Zeitschriftenmacher, forciert und manchmal sprunghaft nach Zusammenhängen und Zuschreibungen suchend; Sokratis war Wissenschaftler, der mit durchdringendem Anspruch äußerste Genauigkeit bei der Recherche und bei der Argumentation einforderte; die These musste sich aus diesen schlüssig ergeben. Einer seiner Lieblingsratschläge an mich war: „Dig it!“
Leidenschaftlich interessierte sich Sokratis auch für methodologische Fragen, zum Beispiel, wie man heute Architekturgeschichte lehren soll. Seinen theoriegeleiteten Ansatz, nach dem die Vorlesungen thematisch gegliedert und aufgebaut wurden – zum Beispiel in Themenblöcke wie „Aufklärung“, „Glas, Raum und Funktionalismus“, „Stil, Programm, Konstruktion“ oder „Gründungsmythen“, die erklären konnten, welche unterschiedlichen Konzepte und Projekte das hervorgebracht haben, was wir immer noch Architekturmoderne nennen – und den er an der Stuttgarter Akademie verfolgte, habe ich für vorbildlich gehalten und tue es weiterhin. Obwohl er es nie gesagt hatte, nehme ich an, dass diese Historiografie auch seiner Beschäftigung mit Giedion geschuldet war, der nach der „Formung unserer Zeit“ gesucht hat – und ein wenig auch der Tatsache, dass sein Lehrgebiet, das er in Stuttgart lehren sollte, unfassbar groß war: Es umfasste Architektur- und Designgeschichte sowie Architekturtheorie. Es fiel ihm folglich nicht schwer, an mich und meinen Kollegen Andreas Vetter, der damals ebenfalls Assistent war, interessante Lehrveranstaltungen abzutreten, sodass wir Erfahrungen sammeln konnten. Reingeredet oder kontrolliert hat er sie nie.
Sokratis erschien mir trotz seines ausgeprägten Interesses für zeitgenössische Themen und Entwicklungen zuweilen wie ein Akademiker alter Schule. Die Freiheit der Lehre, die Freiheit der Wissenschaft bedeuteten ihm viel, aber auch die Einsamkeit, die damit verbunden war, genauso wie die Strenge der Beurteilung. Als ich ihm nach einigen Jahren eine 500 Seiten starke erste Fassung meiner Dissertation über das theoretische Werk Aldo Rossis vorlegte, zuckte er nicht mit der Wimper; vielmehr schien er sich regelrecht darauf zu freuen, sie Seite für Seite durchzuarbeiten. Das Exemplar steht heute noch bei mir im Regal; fast jede Seite enthält seine Korrekturen und Kommentare, manche davon pointiert bis pingelig. Ich kann mich noch gut erinnern, dass das Lesen und Einarbeiten dieser Bemerkungen anstrengend war. Aber es zwang mich, mir selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen und Klarheit zu schaffen. Als ich Sokratis danach gestand, dass ich nicht alles akzeptiert hätte, war das aber ganz selbstverständlich kein Problem für ihn. Nachdem ich mich nach Abgabe der Dissertation noch dem zweistündigen Rigorosum unterzogen hatte, gratulierte er mir zu meiner ausgezeichneten Arbeit mit Bestnote und einem neunzehnseitigen(!) Gutachten, das seine Wertschätzung ausdrückte, die mir viel bedeutet.
So habe ich Sokratis in Erinnerung: ein zugleich strenger wie feiner und großzügiger Mensch, der sich für alles interessierte und auch viel lachte. Wir haben oft zusammen in der Akademiemensa Mittag gegessen und genauso leicht über Fußball wie über die griechische Antike gesprochen. Während der Zeit, als ich in Stuttgart angestellt war, hatte Sokratis gerade eine Publikation mit dem Titel Gottfried Semper. Griechenland und die lebendige Architektur herausgegeben, in der er mit seinem eigenen Beitrag beispielhaft anhand des Architekten des 19. Jahrhunderts zeigt, wie eine zeitgenössische demokratische Haltung sich mit einer gleichermaßen wachsamen Analyse des antiken Griechenland verbindet, das von Semper aus den nationalistischen „Sackgassen idealtypischer Deutungsmuster auf den festen Boden der historischen Realität“ zurückgeholt wurde. Zugleich wurde Sokratis dadurch wohl angestoßen, sich selbst einzelnen Studien zur archaischen und klassischen griechischen Antike unter einem zeitgenössischen Blick zu widmen. Seine Hauptkritik an der klassischen Archäologie war, dass sie nicht untersuchte, wie sehr die griechische antike Kultur als urbane Kultur verstanden werden müsse. In diesem Zusammenhang begann er auch vermehrt, in griechischen Medien zu veröffentlichen.
Die Beschäftigung mit der Antike hielt ihn aber nicht davon ab, weiterhin zahlreiche Aufsätze zu aktuellen Fragen der Architektur(theorie) zu verfassen – manche davon können in ARCH+ nachgelesen werden – sowie unbeirrt seinem großen Projekt über Giedion zu folgen. Dass er 2000 eine Neuauflage von Giedions Bauen in Frankreich. Bauen in Eisen – Bauen in Eisenbeton sowie eine akribisch recherchierte und hervorragend editierte Herausgabe von Giedions unvollendetem Projekt Die Entstehung des heutigen Menschen im Jahr 2023 ermöglichen konnte, machte ihn besonders stolz. Nach seiner Emeritierung 2018 hatte er Zeit für solche Marathonprojekte, aber er blieb auch mit Einzelbeiträgen aktiv, was man auf seiner eigenen Website nachvollziehen kann: https://georgiadis-architektur.com/ Dort findet man keine persönlichen Einträge, nur die jeweils aktuellsten Texte; der letzte ist ein Aufsatz über Jürgen Joedicke als „Chronist der Nachkriegsarchitektur“, erneut – wie Giedion – ein Historiker, der die „vermeintlich unverrückbaren Grenzen zwischen Disziplinen überschritten“ hatte. Für diese Grenzüberschreiter hatte Sokratis ein Faible; in einer wunderbaren Metapher charakterisierte er Giedion als jemand, der immer wieder und ganz plötzlich vom „Trüffelsammler zum Fallschirmspringer mutierte“.
Und ich hoffe, er ist einverstanden, wenn ich ihn auch als einen solchen beschreibe: immer neugierig und zugleich korrekt, gleichermaßen an Genauigkeit im Detail wie an der Lust der Thesenbildung interessiert, streitbar und doch auch ein aufmerksamer Zuhörer. Noch im Sommer habe ich ihn so erlebt, obwohl die Krankheit sein Leben bereits beherrschte. Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, dass die Gespräche mit Sokratis fehlen werden.
November 2025