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Nikolaus Kuhnert, porträtiert von Christian Werner, 2019
ARCH+ news

„Mach dich nicht gemein.“ – In Erinnerung an Nikolaus Kuhnert (1939–2025)

Am 20. August 2025 ist Nikolaus Kuhnert, Mitherausgeber der ARCH+, im Alter von 86 Jahren friedlich in Berlin eingeschlafen. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder. 

Florian Hertweck

Im Januar 2004 wurde ich von der Aachener Redaktion der ARCH+ nach Berlin entsandt, um die überfällige Ausgabe „Chinesischer Hochgeschwindigkeitsurbanismus“ abzuschließen. Es war meine erste direkte Zusammenarbeit mit Nikolaus Kuhnert, der die Berliner Redaktion leitete, sich aber bei dem Thema nicht zuhause fühlte.

 

Nikolaus Kuhnert, geboren 1939 in Potsdam, war Architekt und Architekturtheoretiker. 1978 wurde er mit einer Dissertation über „Soziale Elemente der Architektur – Typus und Typusbegriffe im Kontext der Rationalen Architektur“ promoviert – ein Thema, das sein Denken nachhaltig prägte. Seit 1975 war er Redakteur der ARCH+, ab 1983 Mitherausgeber – eine Rolle, die er bis zuletzt innehatte und mit großer intellektueller Unabhängigkeit prägte.

 

Ich kannte ihn bis dahin nur aus der Ferne. In der direkten Begegnung faszinierte mich seine Offenheit für neue Entwicklungen, Tendenzen, Diskurse – eine Offenheit, die sich mit Sturheit und Eigensinn zu einer produktiven Melange verband. Wenn er über komplexe Sachverhalte sprach, konnte er sie stets auf einer persönlichen Ebene erzählerisch vermitteln: Themen an Personen festmachen, Haltungen an konkreten Beispielen. So wuchs mein Interesse an der damals vakanten Redakteursstelle in Berlin – zu spät, wie sich herausstellte. Der Bewerbungsprozess war abgeschlossen, die Entscheidung bereits getroffen.

 

Nach Drucklegung lud er mich zum Abschied ins Café des Deutschen Architekturzentrums ein, um sich zu bedanken. Beim Betreten des Lokals hielt Nikolaus mir die Tür auf, klemmte sich einen Finger ein und blutete leicht an der Hand. „Ein schlechtes Omen“, murmelte er nervös.

 

Zum ersten Mal zeigte er sich mir von einer Seite, die man von seiner öffentlichen Figur kaum kannte: verletzlich, zweifelnd, ein wenig abergläubisch. Er klopfte gern auf Holz, wenn er über Pläne sprach. Entscheidungen zögerte er hinaus, Konflikten ging er möglichst aus dem Weg – ganz anders als der streitbare Kritiker, als den man ihn in der Architekturdebatte kannte und fürchtete. Wenn er nicht auf der Bühne stand, war er wortkarg, zurückhaltend, fast verschroben. Die Diskrepanz zu seiner öffentlichen Eloquenz ist einzigartig.

 

Traurig über die verpasste Gelegenheit fuhr ich zurück nach Aachen. Eine Woche später rief er an. Ich solle sofort zurückkommen, mit ihm das geplante Sloterdijk-Heft „Architekturen des Schaums“ umsetzen. Für wie lange, erwähnte er nicht. Das schlechte Omen beim Abschied schien ihn bewogen zu haben, seine Entscheidung zu revidieren. Ich kam – und blieb. Über zwölf Jahre arbeiteten wir eng zusammen, um die ARCH+ voranzubringen.

 

Die Redaktionsgespräche fanden meist buchstäblich zwischen Tür und Angel statt: in seinen zahlreichen Zigarettenpausen, halb auf dem Absatz der Kellertreppe, die in den Garten führte, weil er aus Rücksicht auf die Familie drinnen nicht rauchen durfte. Der Rauch zog dennoch durch die beengten Räume im Souterrain seines Elternhauses, wo die Berliner Redaktion der ARCH+ seit den 1980er- Jahren untergebracht war. In diesen Momenten zwischen drinnen und draußen sprachen wir über alles – über Themen, Texte, Tagespolitik. In letzterer lagen wir oft nah beieinander.

 

Nach und nach erzählte er auch von seiner Familiengeschichte. Mir wurde klar, dass uns trotz unserer großen Unterschiede eine tiefe emotionale Erfahrung verband: Todesangst im Kindesalter. Er, das Kind einer jüdischen Mutter, überlebte mit ihr die Nazi-Zeit im Versteck. Ich, ein Bootsflüchtling, wäre beinahe im Südchinesischen Meer ertrunken.

 

Natürlich hatten wir auch Konflikte. Sie waren selten inhaltlicher Natur. Der harmloseste Streit drehte sich um einen Papierwechsel, den wir Jüngeren vorschlugen; der ernsteste um den Richtungsstreit zwischen Aachen und Berlin. ARCH+ war nie ein Ort des entspannten Arbeitens. Die prekäre finanzielle Lage forderte alle heraus – aber sie schärfte auch den Blick für das Wesentliche: die soziale und politische Dimension der Architektur. Nikolaus’ Haltung zur Architektur als gesellschaftlichem Anliegen ging mir in Fleisch und Blut über. Daher gab es auch keinen inhaltlichen Bruch, als er sich 2016, nach Jahrzehnten der Kämpfe für die ARCH+, krankheitsbedingt zurückziehen musste. Der Wechsel war eher stilistischer Natur.

 

Für seine publizistische Arbeit wurde Nikolaus Kuhnert mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1996 mit dem Erich-Schelling-Architekturpreis im Bereich Architekturtheorie und 2021 mit dem BDA-Preis für Architekturkritik. Lob verteilte er seinerseits selten – es sei denn, es ging um Genuss, um Architektur, Musik oder gutes Essen. Ein „Wunderbar“ kam ihm am ehesten über die Lippen, wenn er einen frischen Cappuccino bekam, den er zu jeder Tageszeit trank. Dass er mit der Entwicklung der ARCH+ seit seinem Rückzug zufrieden war, merkte man daran, dass er uns gewähren ließ.

 

Nikolaus hat alle Veränderungen mitgetragen – aus Überzeugung. Denn er konnte sicher sein, dass wir die Zeitschrift als Projekt der Aufklärung in seinem Sinne weiterführen. Was wir von ihm gelernt haben, war jedoch nie explizit, sondern ging aus dem gemeinsamen Tun hervor. Seine Lehren hielt ich im Nachwort zu seiner architekturtheoretischen Biografie fest, die wir als ARCH+ Ausgabe herausgegeben haben. Weil sie nichts an Gültigkeit eingebüßt haben, schließe ich sie diesem Text noch einmal an.

 

Eine andere Lehre, die ich damals nicht aufschrieb, begleitet mich bis heute: „Mach dich nicht gemein.“ So ähnlich brachte Nikolaus die Haltung von ARCH+ auf den Punkt. Will heißen: Wir sind Teil der Debatte, solidarisch mit progressiven Bewegungen, wahren aber kritische Distanz. Denn erst diese erlaubt es, unabhängig zu urteilen und zu unterscheiden, sich nicht ideologisch zu verrennen.

 

Wir haben diese Haltung in die Gegenwart überführt: ARCH+ macht sich nicht gemein – aber wir machen inzwischen vieles gemeinsam mit Gleichgesinnten. Denn nur in kollektiver Anstrengung lassen sich die Veränderungen verwirklichen, die der soziale und politische Anspruch der Architektur erfordert. In diesem Sinn bleibt Nikolaus’ Haltung lebendig.

 

Gestern, am 20. August 2025, ist Nikolaus Kuhnert im Alter von 86 Jahren friedlich in Berlin eingeschlafen. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder. Ich stelle mir vor, wie er irgendwo sitzt, eine Zeitung und den heißgeliebten Cappuccino in der Hand, und sagt: wunderbar.

 

Mit großer Dankbarkeit und Wertschätzung

Anh-Linh Ngo

Lernen von Nikolaus Kuhnert

Lektion 1: Misstraue falschen Verabsolutierungen
Als in Berlin die Studierenden im Februar 1968 nach dem „Internationalen Vietnamkongress“ im Audimax der TU auf die Straße gingen, um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren, ging es, wie Nikolaus Kuhnert in seiner Autobiografie selbstkritisch reflektiert, nicht nur um die Sache. Und die Sache war der brutale und täglich grausamer werdende Vietnamkrieg, einer der heißen Kriegsschauplätze im vermeintlich Kalten Krieg. Dieser Krieg bewegte seine Generation, und das in einem buchstäblichen Sinne. Es ging bei den Protesten auch darum, „in Bewegung zu sein, um im Regelbruch, aber genauso auch im rhythmischen Rufen von Ho! Ho! Chi! Minh! im Laufschritt mich selbst in Bewegung zu erfahren und dadurch als Subjekt der Politik zu begreifen.“1 

Das erwachende politische Bewusstsein der 68er-Generation speiste sich aus unterschiedlichen Quellen, eine davon war ein latenter, doppelbödiger Antiamerikanismus, der einerseits in der Tradition der linken Kapitalismuskritik wie auch der konservativen Kulturkritik stand, andererseits als Ventil diente, das schwierige Verhältnis zur eigenen Identität nach dem Zivilisationsbruch der NS-Zeit zu externalisieren. So entstand eine explosive Mischung aus Bewunderung und Ablehnung der pax americana, die sich mit der berechtigten Kritik an der US-amerikanischen Außenpolitik der späten 1960er-Jahre verband.

„Zur Besinnung kam ich erst mit der Kritischen Universität“2, lautet der lapidare Schlusssatz zu dieser Episode in Nikolaus Kuhnerts Biografie. Aber war es wirklich nur die intellektuelle Entwicklung und theoretische Fundierung, die mit der Kritischen Universität einsetzte und ihn vor einer Radikalisierung bewahrte, die manche*n seiner Zeitgenoss*innen erfasste? Ich denke, es muss ein tieferer, in der Person liegender Grund sein, warum er, wie er an anderer Stelle schreibt, „weder zum Polittourismus noch zum Politterrorismus“3 neigt. Dieser Grund ist in der schrecklichen Erfahrung angelegt, die er als Kind einer jüdischen Mutter in Nazi-Deutschland durchleben musste. 

Es ist das Lebensgefühl des Überlebenden, das ihm eine lebenslange kritische Distanz mitgab und ihn misstrauisch machte gegenüber falschen Alternativen und Verabsolutierungen. Dies gilt sowohl auf der politischen als auch auf der architektonischen Ebene: „Die Gegensätze, mit denen [die Berlinische Architektur] sich legitimiert, wie diejenigen zwischen Amerika und Europa, zwischen Stahl/Glas und Stein, sind lediglich konstruiert.“4 In Zeiten, in denen „imaginäre Kulturunterschiede“ politisch instrumentalisiert werden, gilt es umso mehr, auf die „gemeinsame Zivilisation“ zu beharren. Auch in der Architektur.

Lektion 2: Das Private ist politisch
Nikolaus Kuhnert und mich trennen Welten. Und doch gibt es ein unsichtbares Band, das die Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit an der ARCH+ bildet, ein Band, das bei allen widrigen Umständen hält. Wir denken nicht nur architektonisch gleichsinnig und können uns für die gleichen Entwicklungen begeistern, sondern, was noch viel wichtiger ist, wir sind uns darüber hinaus auch über die politischen Grundfragen und Einschätzung der Tagespolitik häufig einig. Ich habe mich immer gefragt, woher dieses Einverständnis rührt, das uns trotz aller Unterschiede im Alter, in der Lebenserfahrung, im Lebensstil, im Charakter dennoch erlaubt, gleichsinnig zu arbeiten, in der Sache für die ARCH+ aufzugehen. Erst mit der Arbeit an seiner Biografie wurde mir klar, was dies sein könnte. 

Er, Jahrgang 1939, überlebte die Nazi-Zeit nur durch den Sieg der Alliierten. Als Sechsjähriger blickte er von seinem Versteck aus in den Gewehrlauf der russischen Befreier: „So habe ich dem Tod zum ersten Mal ins Auge geblickt, als sich für einen Moment unsere Blicke kreuzten, der Rotarmist auf dem Weg zum Haus, ich verborgen hinter dem Fenster. […] Die Einsicht in die fragile Endlichkeit meines Lebens hat sich schon in meiner Kindheit in mich eingeschrieben.“5 So erklärt sich vielleicht auch, warum er immer in kritischer Distanz blieb, immer unangepasst, immer aneckte.

Auch ich, Jahrgang 1974, musste früh als Kind als Folge jenes Krieges, gegen den Nikolaus Kuhnert Jahre vor meiner Geburt demonstrierte, die Erfahrung machen, dass das Leben endlich ist. Meine Eltern, noch in der französischen Kolonialzeit ausgebildet, gehörten zur gebildeten Schicht, die von der zaghaften kulturellen Öffnung profitierte, die das westlich orientierte Südvietnam trotz Krieg und politischer Instabilität in dieser Zeit erlebte. Für sie war der Name Ho Chi Minh, den die Berliner Studierenden zum begeisterten Schlachtruf ihrer Generation machten, mit realer politischer Unfreiheit und Unterdrückung verbunden. So flohen wir nach dem Krieg als Boat People aus dem kommunistisch wiedervereinigten Vietnam. Von den Eltern getrennt, wurde ich in buchstäblich letzter Minute aus Seenot gerettet. Hätte nicht eine durch einen Sturm verirrte Brieftaube der US Navy unser Boot mitten im unendlichen Ozean als Zuflucht genutzt, hätten wir sie nicht als unverhofften Boten eingesetzt und unseren Hilferuf an ihren Fuß gebunden, den sie schließlich zur Basis zurückbrachte und eine erfolgreiche Rettungsaktion auslöste, ich wäre in derselben Nacht in den Fluten eines heraufziehenden Taifuns ertrunken. Als Flüchtling wurde ich in Deutschland aufgenommen.

Wir kamen also aus gegensätzlichen Richtungen in diese Gesellschaft. Und obwohl sie für so etwas Unaussprechliches wie den Holocaust verantwortlich war und den Großteil seiner jüdischen Familie ermordete, glaubte Nikolaus Kuhnert an ihre Reformierbarkeit. Er und seine Generation rangen um den fragilen zivilisatorischen Fortschritt, den wir heute mit 68 in Verbindung bringen. Während er ihr trotz seiner grundsätzlichen Skepsis eine zweite Chance gab, gab eben diese Gesellschaft, für die er einstand, mir eine zweite Chance. Mein Leben wäre anders verlaufen, hätte es die emanzipatorischen Errungenschaften nicht gegeben, für die seine Generation kämpfte und die heute wieder umkämpft sind. Die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung wühlt uns deswegen so sehr auf, weil wir intuitiv wissen, was auf dem Spiel steht: Wir müssen um die demokratischen Grundwerte kämpfen, als würden wir um unser Leben kämpfen – weil wir um unser Leben kämpfen.


Lektion 3: Wer eine Haltung hat, kann beweglich bleiben
Dieses Gefühl des Überlebenskampfes gilt auch für die Art, wie Nikolaus Kuhnert jahrzehntelang die ARCH+ gemacht hat. Er ist, seitdem er die Zeitschrift hauptberuflich herausgibt, nie durch irgendwelche Posten abgesichert, und musste entsprechend auch nie Rücksicht nehmen. 2004 ging ich nach Berlin, um mit ihm zu arbeiten. Die materiellen Umstände waren in den Anfangsjahren prekär, und sind es bis heute, auch wenn wir die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessern konnten. Als ich anfing, saßen wir beengt zu zweit im Keller seines Hauses, arbeiteten mehr oder weniger isoliert an den Heftthemen. Heute kämpft die ARCH+ weiterhin bei jeder Ausgabe um das Fortbestehen, doch sind die Voraussetzungen, unter denen wir heute arbeiten, völlig andere. Was sich jedoch nie geändert hat, ist das Gefühl, das Nikolaus Kuhnert mir vom ersten Tag an vermittelte: dass es bei der Zeitschrift nicht um ein Spiel im akademischen Meinungsstreit, sondern um etwas Notwendiges geht, ein politisches Projekt, das ins Private reicht. […]

Die Themenbreite und Agilität der ARCH+ verwirren die Zeitgenoss*innen. Diese Beweglichkeit wird jedoch von einer Grundhaltung getragen, die mit einem Linkssein nur unzureichend beschrieben wäre. Sie liegt vielmehr in den Lebenserfahrungen begründet, die ich oben beschrieben habe, und verbindet sich mit dem Überlebenskampf der Zeitschrift zu einer eigensinnigen Haltung. Sie schützt ebenso vor Dogmatismus, eine Gefahr, auf die Nikolaus Kuhnert nicht müde wird hinzuweisen. Sie erlaubt es uns zudem, aktiv auf die widrigen Umstände zu reagieren und die ARCH+ stets neu zu erfinden, ohne dass der inhaltliche Kern verloren geht. Bis 2016, als Nikolaus Kuhnert schwer krank wurde und nicht mehr im Alltag mitarbeiten konnte, haben wir die Zeitschrift gemeinsam vorangebracht. In diese Phase fielen die entscheidenden Weichenstellungen. Wir haben die ARCH+ in den letzten Jahren als gemeinnützige Struktur neu aufgestellt, um ihre Unabhängigkeit und ihre inhaltliche Unbestechlichkeit, für die Nikolaus Kuhnert wie kein zweiter steht, vor dem Zugriff von außen zu schützen und in die Zukunft zu tragen. 

Lektion 4: Wider die Geschichtsvergessenheit
Doch was wird die Zukunft bringen? Die politische Entwicklung gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Täglich werden Tabus gebrochen, Synagogen werden wieder angegriffen, Menschen ermordet. Soeben konnte in Thüringen eine völkische Partei ihren Stimmanteil auf 23,4 Prozent fast verdoppeln, in Sachsen waren es 27,5 Prozent und in Brandenburg 22,2 Prozent. Wenn im Osten rund ein Viertel der Bevölkerung eine Partei mit rechtsextremistischen Zügen wie die AfD wählt, darf man sich nicht wundern, dass sich Extremist*innen zu solchen Taten wie in Halle aufgerufen fühlen, da sie sich in der Mitte der Gesellschaft wähnen. […]

Woher rührt diese Denkfaulheit? Woher die Sehnsucht nach der Behaglichkeit der Geschichte, nach historisierender Architektur, […] nach Ursprungsmythen, nach Schlussstrich? Weil man vergessen will. Wir haben es, psychoanalytisch gesprochen, mit gesellschaftlichen Verdrängungsprozessen zu tun. Dagegen hilft nur Erinnerung. Oder wie es der Philosoph Klaus Heinrich in seiner Dahlemer Vorlesung zur Psychoanalyse Sigmund Freuds zuspitzte: „[N]ichts, woran Sie sich erinnern können, ist vorbei. […] Erinnerungen halten Nichtbewältigtes, nichtgelöste Konflikte fest; bedeuten nicht die Bewegung nach innen, das Wegtauchen in Ursprünge, in denen man sich konfliktenthoben heimisch fühlt, sondern fordern dazu auf, in den mühsamen Prozeß der Auseinandersetzung mit gattungsgeschichtlich unerledigten Konflikten einzutreten und in ihm fortzufahren.“8

Die Autobiografie Nikolaus Kuhnerts, die wir als Ausgabe von ARCH+ herausgeben, ist die Erinnerungsarbeit eines Überlebenden. Sie ist gegen das Vergessen gerichtet. Denn das, woran er erinnert, geht uns heute unmittelbar etwas an. Im Kapitel zur Digitalisierung erinnert Nikolaus Kuhnert an die „informationstechnischen Voraussetzungen des Holocaust“, die mit den technischen Mittel der Zeit, der Hollerith-Maschine, verbunden war: „Der Grund, warum mich das so bewegt, ist, dass ich schon einmal in diesem Sinne digital erfasst worden bin. Als ich zwei Monate alt war, im Mai 1939, wurde in Deutschland eine Volkszählung durchgeführt. […] Götz Aly und Karl Heinz Roth kommen in ihrem Buch Die restlose Erfassung zu dem Schluss, dass die Volkszählung von 1939 zu großen Teilen auch der Vorbereitung des Krieges und der systematischen Vernichtung der Juden dienen sollte. Im Zuge der Volkszählung waren alle Haushalte verpflichtet, eine ‚Ergänzungskarte‘ auszufüllen, auf der die Religionszugehörigkeit aller vier Großeltern jedes Haushaltsmitglieds anzugeben war, wodurch deren ‚Rassezugehörigkeit’ bestimmt wurde. […] 1942 wurden alle Karten, auf denen Personen mit einem oder mehreren jüdischen Großelternteilen verzeichnet waren, gesammelt und dem Reichssippenamt übergeben. Im Falle meiner Familie verhinderte nur der Sieg der Alliierten 1945 die nächste Etappe nach der Erfassung unserer Daten.“9 

[…] Bei der Volkszählung wurde Nikolaus Kuhnert gemeinsam mit seinen Eltern am 17. Mai 1939 an ihrem Wohnort in der Schubertstraße 2 in Potsdam-Babelsberg erfasst, ihm wurde die Identifikationsnummer VZ289389 zugewiesen, sein Geburtsdatum und -ort dokumentiert und festgehalten, dass er jeweils zwei jüdische und nichtjüdische Großeltern hat. 

Diese Entdeckung erschütterte uns tief, konfrontierte doch der Eintrag in der Datenbank uns, die wir digital sozialisiert sind, auf eine uns zugängliche Weise mit der unaufgearbeiteten Geschichte, die uns wieder heimsucht. Die Spuren dieser Geschichte sind noch gegenwärtig. Und sie verweisen auf das, was uns mit den digitalen Mitteln von heute an Gefährdungen noch bevorstehen wird. 

Lektion 5: Nichts ist erledigt, nichts ist vorbei.

 

Leicht gekürzte Fassung des Nachworts zu ARCH+ 237 Nikolaus Kuhnert: Eine architektonische Selbstbiografie (12/2019)

 

Anmerkungen

1     ARCH+ 237 Nikolaus Kuhnert: Eine architektonische Selbstbiografie (12/2019), S. 37
2     Ebd.
3     Ebd., S. 35
4     Ebd., S. 113
5     Ebd., S. 24–26
6     Jasper von Altenbockum: „Schüsse aus dem Bodensatz der Gesellschaft“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.10.2019, www.faz.net/aktuell/politik/kommentar-zum-terroranschlag-auf-synagoge-in-halle-16425307.html (Stand: 27.10.2019)
7     Mathias Döpfner: „Nie wieder ‚nie wieder‘!“, in: Die Welt, 10.10.2019, www.welt.de/debatte/kommentare/plus201718856/Terror-in-Halle-Nie-wieder-nie-wieder.html (Stand: 28.10.2019)
8     Klaus Heinrich: Dahlemer Vorlesungen, Band 7 – ­Psychoanalyse Sigmund Freuds und das Problem des konkreten gesellschaftlichen Allgemeinen, hrsg. v. Hans-Albrecht Kücken, Frankfurt a. M./Basel 2001, S. 59
9     Nikolaus Kuhnert: Eine architektonische Selbstbiografie, S. 101
 

Peter Grundmann

Leb wohl, mein lieber Freund
von Peter Grundmann

 

Kennengelernt habe ich Nikolaus Anfang 2003.

Wir saßen zu dritt in einer Pizzeria nahe der ARCH+ Redaktion, Nikolaus, Susanne Schindler und ich. Ich stellte meine Diplomarbeit vor, die ich gerade an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee absolviert hatte und die ich für so wichtig hielt, der ARCH+ Redaktion zu zeigen. Es ging im weitesten Sinne um die Disneyfizierung Prags und darum, wie durch eine Strategie der Differenz die verlorengegangenen urbanen Eigenschaften neu erzeugt werden können, ohne die Haupteinnahmequelle Tourismus einschränken zu müssen.

Am Ende meiner Rede schien Nikolaus wenig inspiriert und fragte: „Was machst du sonst so?“ Ernüchtert erzählte ich von einem Projekt in der Uckermark. „Schick mal Bilder und Pläne“, sagte er, bevor wir uns verabschiedeten.

Das tat ich drei Monate später. Noch einmal zwei Monate später rief ich vorsichtig an, wie es denn mit den Unterlagen steht. „Wir drucken das gerade für das neue Heft“, sagte Nikolaus. Mehr nicht.

Mein Text wurde ohne große Korrekturen übernommen. Das Haus Weiler erschien im Oktober 2003 in ARCH+ 167 Off-Architektur.

Auf der gleichnamigen Konferenz im Dezember 2003 an der AdBK Nürnberg sprach ich kurz mit Nikolaus, der schmunzelnd meinte, dass ich eigentlich nicht in das Heft gehöre, da ich nicht wirklich off bin, sondern ja baue.

2006 fuhr ich zur ARCH+, um Nikolaus Unterlagen für das Haus Neiling persönlich zu übergeben. Vielleicht springt ein Gespräch raus, dachte ich. Und tatsächlich gingen wir essen in die Pizzeria und redeten. Anschließend schlug er vor, drei Einfamilienhäuser zu besichtigen, die er in jungen Jahren im Büro seines Vaters geplant hatte. Sie waren offensichtlich von Scharoun inspiriert und gefielen mir sehr gut.

Irgendwann 2007 rief Nikolaus an: „Du musst zur Redaktion kommen.“ Er wollte einen Anbau an das Wohn- und Redaktionshaus in der Bergengruenstraße. Es sollte ein Raum für seine Tochter Lilly entstehen. 2009 war der Anbau, den wir nahezu gänzlich im Selbstbau errichteten, fertig. Durch den Selbstbau waren wir fast ein ganzes Jahr auf der Baustelle und sahen Nikolaus – und oft auch die gesamte Redaktion – täglich.

Jeden Tag zur Mittagszeit und manchmal nachmittags kam Nikolaus auf die Baustelle, Cappuccino und Zigarette immer dabei, und betrachtete unsere Arbeiten. Meist fragte er nur kurz: „Was macht ihr gerade?“ Dann verschwand er wieder in den Keller, wo die Redaktionsräume waren. Niemals trug er Wünsche vor, ästhetische Vorschläge schon gar nicht. Er ließ uns absolut freie Hand. So einen souveränen Auftraggeber hatte ich nie wieder. Ich dachte mir, dass wohl nur sehr intelligente Menschen zu so einem souveränen und freien Umgang fähig sind.

Zwischendurch trafen wir uns ab und zu für Publikationen meiner Häuser. 2012 ging es weiter. Nikolaus suchte wieder die architektonische Praxis, den Umbau einer Wohnung in Potsdam-Babelsberg, in einem gründerzeitlichen Wohnblock. In der Nähe verbrachte er im Haus seines Vaters seine frühe Kindheit und Jugend, von 1939 bis 1953. Dass er dort mit seiner jüdischen Mutter nur mit sehr viel Glück überlebte, erzählte er nicht. Ich erfuhr es erst 2019 in der sehr lesenswerten und wichtigen ARCH+ 237, in der Nikolaus für ihn ungewöhnlich persönlich aus seinem Leben erzählte.

1953 flüchtete er mit 14 Jahren nach West-Berlin. Seine Eltern waren schon dort. Die Wohnung, die Nikolaus umbauen wollte, hätte auch einfach nur modernisiert werden können. Sie wurde ohnehin nur vermietet. Wir setzten den Umbau auf Wunsch Nikolaus’ dennoch um und versuchten, das Wohnen in einem gründerzeitlichen Haus von seinen determinierten Bewegungsstrukturen zu lösen. Es schien, als ob Nikolaus, der sich nach kurzer Phase als bauender Architekt für die Theorie entschied, Erkenntnis in der Praxis suchte. Sowieso war es wichtig für ihn, Theorien an der Praxis zu beweisen.

2015 hatte ich ein ARCH+ features (41) in Stuttgart. Nikolaus war mitgereist, obwohl er überhaupt nicht gesund war und den Abend frühzeitig Richtung Hotel verlassen musste. Das Gespräch führte Anh-Linh, der mittlerweile eine wichtige Rolle in der Redaktion übernommen hatte und dieser Rolle vollends gewachsen war.

2016 war Nikolaus wieder mal im Krankenhaus. Mittlerweile verband uns eine enge Freundschaft. Wir trafen uns häufiger, um über Gesellschaft und Architektur zu sprechen. Während eines Krankenbesuches fragte er, wie immer: „Was machst du gerade? Du musst Fotos schicken!“ Einige Tage später sagte er, während er die Fotos betrachtete: „In deinen Häusern erkenne ich jemanden, der die Utopie nicht aufgeben möchte.“ Ich dachte mir, dass das auch und vor allem für ihn zutreffend war.

Nach jedem Gespräch mit Nikolaus war ich so sehr mit Theorien, Wissen, Fragen, Problemen und Buchtipps angereichert, dass ich mir ohne schlechtes Gewissen Vorträge zugunsten meiner Arbeit ersparte.

2017 wollte Nikolaus wieder bauen. Er wollte für sich einen Arbeitsraum, in dem er sich zurückziehen konnte. Die Garage am Haus in der Bergengruenstraße hielt er dafür geeignet. Ich plante, die Garage in eine Bibliothek zu verwandeln – ein langer Arbeitstisch in der Mitte mit einem lesenden Nikolaus und komplett umlaufenden raumhohen Bücherregalen. Ein drei Meter hoher Glaskubus in der Mitte des Daches führt Licht nach unten, denn Öffnungen hatten die Wände keine. Nachts, während Nikolaus fast immer arbeitete, würde das Licht nach außen strahlen. Ein Glasgang stellt die Verbindung zum Keller her.

Nikolaus nickte ab und fragte: „Wann können wir anfangen?“ Meine Erläuterungen schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren, aber wahrscheinlich hatte er einfach keine Lust, in den Prozess einzugreifen. Für ihn war der Prozess viel interessanter, wenn er in völliger Freiheit störungsfrei ablaufen konnte. Zu diesem Projekt kam es jedoch nicht, denn es war absehbar, dass sich die beengten Redaktionsräume im Keller des Hauses durch den zuerst teilweisen Umzug der Redaktion nach Berlin-Mitte bald entspannen würden. Allerdings ging es Nikolaus ja nicht um die Lösung von Raumproblemen, sondern um eine weitere Möglichkeit, Theorie und Praxis miteinander in Kontakt zu bringen.

2018, bei meinem Vortrag über die Postmoderne an der TU Berlin, saß Nikolaus überraschend im Publikum. Meine These – „Die Postmoderne kann man verstehen als ein kulturelles Vermittlungsprojekt des Neoliberalismus, damit die damit einhergehenden sozialen Verwerfungen nicht zu einer Revolte führen“ – lehnte er als zu radikal, unvollständig und sogar gefährlich ab. Überhaupt hatte er ein gesundes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum er ein prekäres, aber freies Leben in eigener Redaktion einer ruhigen, finanziell gut ausgestatteten akademischen Laufbahn vorzog.

Immerhin geriet er 1982 in einen inhaltlichen Streit mit der RWTH Aachen, was dazu führte, dass er seine schon eingereichte Habilitation zurückzog. Das war dann auch das Ende seiner akademischen Ambitionen. Denn für Nikolaus war Arbeit nur in völliger geistiger Unabhängigkeit möglich.

Als sich Ende der 2000er Jahre der Trend durchsetzte, Redakteure in den Architekturzeitschriften durch Kaufleute zu ersetzen, kritisierte die ARCH+ dies scharf, gerade weil dieser Kahlschlag so lautlos vonstatten ging. Das gipfelte in einem Streit zuerst zwischen ARCH+ und Bauwelt und dann zwischen Nikolaus und Bauwelt, so dass der von uns verantwortete kleine goldene Anbau an das Wohn- und Redaktionshaus sich auf der letzten Seite der Bauwelt wiederfand, die abschätzig als Kuriositätenseite gemeint war. Nikolaus reagierte darauf nicht. Die Redaktion war schon längst mit dem nächsten Heft beschäftigt.

Ab Mitte 2018 trafen wir uns im Vier-Wochen-Rhythmus. Wir setzten unsere Gespräche zur Postmoderne fort und nahmen diese mit dem Recorder auf. Nikolaus arbeitete nicht mehr intensiv in der Redaktion. Schon 2016 übergab er die Redaktionsarbeit vertrauensvoll – und wie man heute weiß, sehr erfolgreich – an Anh-Linh Ngo. Er hatte nun Zeit, aber immer noch dieselbe Unruhe.

Er beschäftigte sich mit meiner These der Entprogrammierung: der Schaffung von Räumen, die sich der Kapitalzirkulation oder einseitiger ökonomischer Programmierung entziehen, durch Löschung aller Programme. Räume, die sich fremd gegenüber den verwalteten Räumen stellten und somit den Part der verlorengegangenen Natur übernehmen konnten, von denen aus Kultur aufgrund der Fremdheit sichtbar und damit kritisierbar sein könnte. Es ging um das Aussteigen aus der Simulation, sowohl räumlich als auch gedanklich. Die vom Programm befreiten Räume konnten nun neu bespielt werden. Die herrschende symbolische Ordnung war weggeräumt. Alles muss nun neu verhandelt werden.

Meine Kritik an der Postmoderne als entpolitisierende Kraft konterte er mit der frühen Postmoderne. Für ihn war insbesondere die frühe Postmoderne eine relevante Reaktion auf die Fehler der Moderne. Wir diskutierten über Adorno, Lacan, Lyotard, Tafuri, Foucault, Baudrillard und kritisierten gemeinsam Fukuyamas These vom Ende der Geschichte. Dabei hielt er oft lange Monologe, die ich begierig aufnahm.

Während ich im Simulakrum ein scharfes Argument sah, um Räume zu beschreiben, die vollständig der Kapitalzirkulation unterworfen sind – Räume ohne Freiheit, ohne Entscheidung, ohne Möglichkeit außer der des Konsums –, war für Nikolaus Adornos Analyse der verwalteten Welt fruchtbarer. Denn dort zeigt sich nicht nur die Durchdringung des Lebens durch Administration und instrumentelle Vernunft, sondern auch der Ort des Widerstands: das Nichtidentische, das, was sich nicht restlos vereinnahmen lässt.

Nikolaus interessierte sich sehr für unsere Arbeit am Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin/Moabit, mit dem wir von 2019 bis September 2025 beschäftigt waren. Für ihn war es ein wichtiger Maßstabssprung in unserer Arbeit, durch die meine Gedanken zur Entprogrammierung, Simulation, Differenz, Interferenz, Determinierung vs. Universalität möglicherweise leichter ablesbar sein könnten.

2022 und 2023 besichtigten wir gemeinsam dreimal die ZKU-Baustelle, obwohl es Nikolaus körperlich schwerfiel. Er bestand darauf. Auf seine Gesundheit nahm er sowieso wenig Rücksicht. Kein Sport, keine gesunde Ernährung, dafür Cappuccino und Zigarette. Geistig hatte er überhaupt nicht nachgelassen.

Im Herbst 2024 kam Nikolaus erneut auf die Baustelle, diesmal ohne Ankündigung und gestützt von seinem Sohn Daniel. Wir waren so sehr mit dem Projekt beschäftigt, dass wir uns zwei oder drei Monate nicht sahen, was für unseren Rhythmus eine lange Zeit war. Glücklicherweise arbeitete ich gerade dort, so dass ich Nikolaus einige Erläuterungen zum Projekt geben konnte. Dabei saß er rauchend auf einem Stuhl. Das Haus war eigentlich schon fertig, aber der Fahrstuhl fuhr noch nicht. So konnten wir uns nur das Erdgeschoss ansehen.

Im Sommer 2025 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Ich besuchte ihn zuhause, im Krankenhaus, wieder zuhause. Ich saß am Krankenbett. Er war erschöpft und schlief immer wieder ein. Plötzlich drehte er sich um und sagte: „Wo kommst du gerade her? Was machst du gerade?“ Ich war sprachlos.

Wie konnte das sein? In diesem Moment wurde mir bewusst, dass wir ihn, diesen großartigen Menschen, verlieren könnten. Drei Tage später schlief er zuhause, im engsten Kreis der Familie, friedlich ein.

Nikolaus sah in der Architektur – dort, wo sie sich gegen alle Zumutungen der verwalteten Welt behauptet – die Spur des Utopischen, das Adorno das „Noch-Nicht“ genannt hätte. Gerade hierin lag für Nikolaus die Aufgabe von Architektur und Kritik: im Aufspüren jener Reste, jener Fugen, jener Möglichkeiten, die der totalen Verwaltung entgleiten und die von der herrschenden Kultur an den Rand in die Unsichtbarkeit gedrängt wurden. So verstand er auch die ARCH+: nicht als Archiv des Bauens, sondern als dialektischen Raum, in dem das Andere aufscheinen konnte – so wie es Adorno in der Dialektik der Aufklärung formuliert hat: die Vernunft selbst kritisch zu wenden, um sie aus ihrer Erstarrung zu befreien.

Nikolaus war ein Gesprächspartner, der Differenzen oder Instabilität nicht glättete, sondern sie als Motor des Denkens verstand. Er sprach mit jedem auf gleich hohem Niveau, egal welchen sozialen oder intellektuellen Stand sich die Person erworben hatte. Seine uneitle, auf die Sache fokussierte Art machte ihn zu einem hervorragenden Beobachter für Phänomene, die für die meisten Intellektuellen unwichtig oder unsichtbar blieben.

Sein Vermächtnis besteht darin, dass er die Architektur stets im Spannungsfeld zwischen Gesellschaftskritik und ästhetischer Praxis verortete – als Ort, an dem die verwaltete Welt befragt und unterbrochen wird. In dieser Unterbrechung, im Fortbestehen des Nichtidentischen, bleibt er lebendig.

Leb wohl, mein lieber Freund.

Wir alle haben dir unendlich viel zu verdanken.

Und mit Anh-Linhs Worten:
Nichts ist erledigt, nichts ist vorbei.

Karin Wilhelm

Nikolaus KUHNERT sei DANK
von Karin Wilhelm

I
Es begann in den 1970er-Jahren, dass sich die Lehre der Kunstgeschichte zunehmend der modernen Architektur zu widmen begann; daran hatte Nikolaus Kuhnert mit seinen Analysen, die in der Zeitschrift ARCH+ erschienen, prägenden Anteil. Gemessen an den Vorlesungen und Seminaren zur Malerei und Bildhauerei nahm die Architektur im Feld jener Historiografie der schönen Künste damals noch einen gewissen Sonderstatus ein. Natürlich lernte man in verschiedenen Lehrveranstaltungen die Stilentwicklungen der Architektur seit der Romanik kennen, aber die universitäre Lehre der BRD ließ den Entwicklungsgang der Baustile zumeist im Umfeld der bürgerlichen Revolutionen des frühen 19. Jahrhunderts enden. Was seit 1900 und in den Jahrzehnten bis 1945 städtebaulich und architektonisch prägend geworden war – eben jene Tendenzen und Ergebnisse, mit denen wir im Wiederaufbau Nachkriegsdeutschland zu leben lernten –, blieb ausgespart. Was also im Bereich des Städtebaus aktuell geschah, worauf die westdeutsche, nachkriegsbedingte Architekturentwicklung basierte, die man seit Ende der 1960er Jahre kritisch ablehnend „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ nannte, blieb in der kunsthistorischen Lehre noch außen vor! Aber was war dieser „Funktionalismus“ im Bauen überhaupt? Und wie konnte er so willig dem reinen Gewinnstreben der Bauindustrie unterworfen werden?
Dieses Leerfeld des Wissens begann sich allmählich zu füllen. Wir Studentinnen und Studenten der Kunstgeschichte entdeckten damals die gesellschaftskritischen Architekturanalysen, die im Umfeld des Mitherausgebers Nikolaus Kuhnert in einer gleichsam im Off produzierten Zeitschrift junger Architekturstudenten, eben in ARCH+, zu lesen waren. Kuhnerts Texte und die seiner Kolleginnen und Kollegen drangen jetzt gewissermaßen von der Straße in die Institute der Kunstgeschichte ein, wo inzwischen zum Glück jüngere Professoren die Möglichkeit eröffneten, sich eingehend mit den Entwicklungen der modernen Architektur seit 1900 zu befassen. So kamen die Altmeister ins Blickfeld – etwa Peter Behrens, Walter Gropius, Mies van der Rohe und natürlich Le Corbusier –, und mit ihnen die grundlegenden Fragen dessen, was „Funktionalismus“ hieß. Historisch begab man sich in die Jahre der Weimarer Republik zurück und lernte Stadt- und Architekturkonzepte kennen, die sich auf der Basis prägender kapitalistischer Industrialisierungsprozesse und der sich neu formierenden Gesellschaftsmodelle entwickelt hatten. 
Als Nikolaus 1975 als Mitglied der Redaktion von ARCH+ sich auf die Suche nach neuen Theoriepositionen begab, wurde u.a. ein Vortragstext von Julius Posener veröffentlicht, den diese Berliner Leitfigur der Architekturgeschichtslehre auf einem Symposion im Internationalen Design Zentrum (IDZ, Leitung François Burkhardt) zur „Kritik der Kritik des Funktionalismus“ gehalten hatte. Das Leitmotiv Poseners kulminierte in dem Satz: „Es wird hohe Zeit, dass wir danach fragen, was diese Funktionalisten wirklich gewesen sind.“ Mit diesem Anspruch hatte sich damals auch der seit 1972 an der Universität Marburg a.d.L. lehrende Kunsthistoriker Heinrich Klotz auf der Berliner IDZ-Tagung befasst. Die kritischen Betrachtungen, die Klotz im Umfeld des Berliner IDZ damals diskutierte und in den folgenden Jahren in seinen Positionen zur Postmoderne weiterentwickelte, sollten Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo später in einer ARCH+-Ausgabe (2014), den sogenannten „Klotz-Tapes“, im Hinblick auf die Überwindung funktionalistischer Grundsätze dokumentieren. 
Die Frage nach den Motiven der Funktionalisten führte rasch zu Fragen der Arbeitsorganisation und lenkte den Blick auf die Bauformen der Produktionsstätten. Ich selbst widmete mich in meiner 1972 abgeschlossenen Magisterarbeit und später in meiner Dissertation bei Heinrich Klotz in Marburg diesem Umfeld des Fabrikbaus, wie ihn Walter Gropius auf der Basis seiner Arbeiten für das Büro Peter Behrens und dessen Planungen für die AEG um 1907 entwickelte. Dass sich die Rationalisierungstendenzen der produktiven Arbeit (Fließband) in die Raumorganisation formal einprägte und die weitere Entwicklung der funktionalistischen Raumgestaltung nachhaltig beeinflusste, rückte den Blick der kunsthistorischen Forschung schließlich auf den funktional definierten Wohn- und Siedlungsbau der Weimarer Republik. In diesem Feld trafen sich die Forschungsambitionen der ausgebildeten Architekten und Architekturtheoretiker wie Nikolaus Kuhnert mit jenen der Kunsthistorikerinnen, die den Funktionalismus auf die Ästhetik des schönen Gebrauchs hin befragten. Ein Ergebnis dessen war 1977 in der Ausstellung der „Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst“ (NGBK) „Wem gehört die Welt. Kunst und Gesellschaft in der Weimarer Republik“ in Berlin zu sehen gewesen, die u.a. auf der Zusammenarbeit von Kunsthistorikerinnen und Mitarbeitern der ARCH+ beruhte.

II.
Die theoretischen Ausarbeitungen von Nikolaus Kuhnert waren im Umfeld der Politik der Außerparlamentarischen Opposition (APO) stets von den erweiterten Diskursen der Geistes- und Sozialwissenschaften beeinflusst. Allenthalben schätzte man das KURSBUCH (etwa die Nummer 21: Kapitalismus in der Bundesrepublik, 1970), rezipierte und diskutierte aber vor allem die „Bibel“ der Studentenbewegung: die als Raubdruck kursierende „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Als Nikolaus 1978 daran ging, die neuesten Tendenzen der Architektur und Theoriebildung im Umfeld der italienischen „Rationalen Architektur“ zu diskutieren und zugleich die US-amerikanische Entwicklung einer stil- und offenbar traditionsbewussten Postmoderne zu durchleuchten, griff er auf ein zentrales Motiv jener Aufklärungskritik zurück: das Kapitel über die Kulturindustrie. Gemeinsam mit Stefan Reiß-Schmidt entwickelte er daraus die Analyse der „Warenästhetisierung der Architektur“ und dem damit verbundenen veränderten Leitbild des Architektenberufs. Dieser Berufsstand stünde nun unter einem eklatanten Druck der Veränderung, da er neben zweckorientierten Formen fortan äußere Erscheinungsbilder zu entwerfen hätte, die gleichsam „Verkaufssprachen“ und „Verkaufswertversprechen“ anschaulich werden ließen. Ob daher die Entwicklung der Raumkunst Architektur sich in Richtung „einer bloßen Verkleidung der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (jener dem Konsum innewohnenden Ausbeutung) entwickeln werde, mit dieser Frage gab Nikolaus damals gerade der kunsthistorischen Architekturbetrachtung wesentliche Impulse. Der Kunstwissenschaftler Heinrich Klotz sollte sie mit der Gründung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt seit 1979 im währenden Ausstellungsdiskurs begleiten. 
Der intellektuelle Austausch zwischen Kunstwissenschaftlern wie Klotz und Architekturtheoretikern wie Kuhnert wirkte weiter, wenn auch nicht störungsfrei, aber doch mit erstaunlich aufmüpfigen Ergebnissen. Derzeit ist dieser Einfluss in der Publikation des IGMA der Universität Stuttgart zum einhundertsten Geburtstag Jürgen Joedickes auch in einem Beitrag von mir nachzulesen. 

Für diese streitbare Entwicklung sei Dir, lieber Nikolaus, mit diesem Nachruf nochmals gedankt.

Florian Hertweck

Er hatte mich immer sehr an meinen Vater erinnert: Als Architekt war er an unfassbar vielen Fragen interessiert – nicht nur an akuten, sondern auch an historischen und prospektiven –, die er im Gespräch mit einer sonoren, durch das ständige Rauchen belegten Stimme in Spiralen erörterte und mit einer ebenso eindringlichen Gestik unterlegte, die seinen Standpunkt massiv untermauern sollte. Das konnte dann so klingen: „Die ganze Scheiße fing 1977 an, und zwar in Frankfurt am Main, als Walter Wallmann mit seinem Adlatus Alexander Gauland der CDU einen Erdrutschsieg bescherte“. Das war der Einstieg in seine Erklärung für das Aufkommen der neoliberalen Stadt und der Verschärfung der Bodenfrage in der Bundesrepublik Deutschland, die er im Rahmen eines Interviews äußerte, das ich mit ihm für mein Buch zur Bodenfrage geführt hatte. 

Was unterhaltsam und fast wie eine Performance begann, entpuppte sich als die schärfste, plausibelste und letztlich auch interessanteste architektur- und (das war immer entscheidend) kulturhistorische Argumentation des ganzen Buchs: nämlich wie die soziale Stadt peu à peu durch die Kulturalisierung (und damit die Finanzialisierung) der Stadt abgelöst wurde – eine Argumentation, die ich in der Folge im Rahmen verschiedener Forschungen weiter ausbauen sollte. 

Nikolaus war aber nicht nur ein suggestiver Redner, er konnte auch zuhören, ging auf das andere Argument ein, und er war enorm liebenswürdig; die Franzosen würden sagen: „extrêmement aimable“. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Besuch in der Redaktion der ARCH+, damals noch in seinem Haus in Zehlendorf; es ging um einen Beitrag, den ich für eine Berlin-Ausgabe machen sollte, nachdem ich meine Dissertation zum Architekturstreit gerade publiziert hatte. Die Gespräche waren – und das ist etwas, das bis heute das Klima der ARCH+ charakterisiert – fachlich auf höchstem Niveau, manchmal in der Sache hart, aber zwischenmenschlich immer angenehm, mit der Zeit auch herzlich. 

Dass ich nun für die ARCH+ schreiben durfte, war für mich, der noch so gut wie nichts publiziert hatte, eine große Ehre. Hatte die ARCH+ doch meinen Bezug zur Architektur bedeutend beeinflusst. Sie war in der Zeit, in der ich studiert hatte – und ein abstruser Streit zwischen Neomodernisten und Postmodernisten vormals um formale Aspekte die Debatte in Frankreich dominierte –, ein Möglichkeitsraum, Architektur im weitesten Sinne differenzierter zu denken. Die Vielfalt der Themen, Autor*innen und Referenzen überstieg bei Weitem das, was mir als Student vermittelt wurde, und auch das, was die französischen Architekturmedien im Programm hatten, die deutschen sowieso. 

Und wenn ich nicht immer alles las, Nikolaus‘ Vorwort las ich immer. Einen besonderen Einfluss auf mich persönlich hatte das erste Berlin-Heft „Von Berlin nach Neuteutonia“ (122/1994), das den Mythos des Steinernen Berlin und Hans Stimmanns Doktrin einer neuen „kritischen Rekonstruktion“, die vollkommen unkritisch zur Geschichte sowie zur Finanzialisierung der Stadt war, in allen Facetten regelrecht dekonstruierte. Es hatte dazu beigetragen, dass ich mich von Paris aus – und damit aus sicherer Distanz – mit dem Thema weiter auseinandersetzen sollte. 

Die Nachricht, dass Nikolaus von uns gegangen ist, macht mich sehr traurig. 

Philipp Oswalt

Meine Erinnerung an Nikolaus 

Wenn ich Nikolaus in den letzten Jahren besuchte, ging es viel um seine jüdische Herkunft.  Er brach in Tränen aus, als ich ihn fragte, ob er sich mit Capers eine jüdische Frau gesucht habe, damit auch seine Kinder jüdisch seien. Mit den Tränen brachte er sein „Ja“ zum Ausdruck. Ich glaube nicht, dass Nikolaus gläubig war, aber er hatte ein archaisches Verhältnis zu seiner Herkunft. Seine Mutter hatte ihn nur mit einem Postausweis ohne Judenkennzeichnung 1939 in einer Klinik zur Welt bringen können, und er blieb Einzelkind. Halb versteckt überlebten beide dank des „arischen“ Vaters, der dafür aber auch zu einem Arbeitseinsatz zwangsverpflichtet wurde. Bei meiner letzten Begegnung erzählte er mir, dass die Nachbarn seine Mutter festgebunden hatten, damit sie nicht wie versprochen zurück zur Synagoge in die Oranienburgerstraße ging, von wo ihr Vater am selben Tag deportiert wurde. So retteten die Nachbarn vermutlich das Leben der Mutter. Nikolaus’ Großvater kam in Theresienstadt ums Leben. In tragischer Weise hatten Differenzen zwischen ihm und Nikolaus’ Vater verhindert, dass die Familie rechtzeitig gemeinsam in die Schweiz auswanderte. An all das hatte Nikolaus, 1939 geboren, so gut wie keine bewusste Erinnerung, aber es hatte sich tief in sein Innerstes eingebrannt und wurde mit seinem Altwerden mehr und mehr präsent.

Ich lernte Nikolaus 1988, einige Jahre nach dem Tod seiner Mutter, kennen. Er war von Aachen nach Berlin gezogen, um das frei gewordene Haus seiner Eltern in Berlin in der Zehlendorfer Bergengruenstraße 35 zu beziehen, dessen Grundstück sie durch „Wiedergutmachung“ erworben hatten. Ich war 24 Jahre alt, studierte an der TU Berlin Architektur und hatte mich auf ein Praktikum bei der ARCH+ beworben. Daraus wurden fünf Jahre gemeinsamer Arbeit, die mich maßgeblich prägten. Nikolaus war mir, wie stets jungen Menschen gegenüber, neugierig und zugewandt. Ich selbst hatte mein Studium eigentlich mit der Idee begonnen, praktizierender Architekt zu werden, wurde an der Uni aber nicht glücklich. Ich konnte das, was dort gelehrt und erwartet wurde, kaum zusammenbringen mit den Dingen, die mir wichtig waren. Meine Bewerbung bei ARCH+ war eigentlich etwas abwegig, weil ich die Zeitschrift kaum kannte und auch sonst wenig theoretisch orientiert war. Aber mir war ihre Ausrichtung sympathisch, hatte ich mich doch vor meinem Studium in der Umwelt- und Friedensbewegung und bei den Grünen politisch engagiert – ähnliche Positionen fanden sich ja auch in der ARCH+. 

Fünf Jahre saßen wir uns tagein, tagaus im Souterrain des Hauses gegenüber, diskutierten, tranken Unmengen Kaffee aus French-Press-Kannen und rauchten Zigaretten auf der Terrasse im Garten oder auch im Büro. Mittags ging es zum „Italiener“ am Mexikoplatz, der eigentlich ein Kroate war. Manchmal kam dann ein neuer Praktikant für einige Wochen oder Monate hinzu, dann waren wir zu dritt. Es war eine andere Zeit, noch ohne Internet, E-Mails, Mobiltelefone und fast computerlos. Zeitschriftenmachen bedurfte damals noch keiner Websites, Social Media und Events. Wir konnten uns ganz auf das Heftmachen fokussieren und widmeten uns alle drei Monate einem neuen Thema. Das etwas unregelmäßige Erscheinen machte immer wieder Ärger mit der Deutschen Post, die für „Postvertriebsstücke“ klare Vorgaben hatte. Aber ansonsten gab es nichts, was uns disziplinierte. Der ARCH+ Verlag war selbstständig und lebte von der Hand in den Mund, aber die Verkäufe und einige Anzeigen reichten, um mit einer strukturellen Unterbudgetierung das Boot am Laufen zu halten. 

Die Bergengruenstraße 35 in Zehlendorf war ein Kosmos für sich. Es gab kaum Kontakte zu etablierten Strukturen – seien es Berufs- und Fachverbände, Hochschulen, Museen oder Galerien. Nikolaus betrachtete die übliche Maschinerie des Architekturdiskurses mit Distanz und orientierte sich anderweitig. Der Blick ging nach außen – Nikolaus interessierte sich für Politik, Philosophie, Literatur, bildende Kunst, Design. Und er blickte über den damals noch stark ausgeprägten deutschen Tellerrand – etwa nach Italien, Frankreich, Großbritannien und später in die USA. 

Was ihn interessierte, waren Ideen und Konzepte. Wir haben kaum Architekturen gemeinsam angeschaut, aber unzählige Menschen getroffen und mit ihnen diskutiert. Er war neugierig und hielt stets Ausschau nach neuen Ideen und Positionen, mit einer besonderen Wertschätzung für abseitige Positionen. Dazu gehörten damals etwa Bruno Schindler, Manfred Schiedhelm, Fridtjof Schliephacke, Goerd Peschen, Joachim Krausse oder Hannes Meyer. Oder Figuren wie Klaus Heinrich und Vilém Flusser, die zwar in ihrem Bereich recht bekannt waren, aber außerhalb des üblichen Architekturdiskurses standen.

In Nikolaus’ Kosmos bildeten einige Heroen Fixgestirne. Als ich ihn kennenlernte, war dies vor allem Otl Aicher und Richard Rogers, und von früher Aldo Rossi und Oswald Mathias Ungers. Von meinem Interesse an Rem Koolhaas ließ er sich bald anstecken – er hatte ihn ohnehin schon zwei Jahre zuvor einmal interviewt. Wenn eine Person einen solchen Status erreicht hatte, war es ein „Full take“ – und Nikolaus identifizierte sich mit deren Gedankengut weitgehend. Verblüffend dabei war, dass diese Heroen – übrigens ausschließlich Männer – für sehr unterschiedliche, nicht zuletzt auch konträre Positionen standen, die Nikolaus dann in seinem Gedankenkosmos zusammenbrachte und in fast atemberaubender Weise miteinander verband. 

Nikolaus besaß einen guten Riecher für relevante Themen und Positionen, die er dann mit großer Entschiedenheit verfolgte. Das prägte weitgehend das Profil von ARCH+. In ganz anderer Weise war auch die Arbeit seiner Kollegin Sabine Kraft in Aachen wesentlich für die Zeitschrift, aber für ihre andere Arbeitsweise hatte Nikolaus eine – wie ich fand – zu geringe Wertschätzung, und das Verhältnis zwischen beiden war öfters angespannt. Nikolaus konnte bemerkenswert stur sein, vermutlich eine Voraussetzung für seine gedankliche Autonomie, und um in seinen Kosmos durchzudringen, musste man manchmal eine erhebliche Schwelle überwinden. Keineswegs alles von Relevanz traf seinen Nerv. Die von mir initiierte Kolumne von Cedric Price wurde nach der ersten Nummer wieder abgeschafft, und mein Versuch, nach „Delirious New York“ auch eine Übersetzung der Schriften von Bernard Tschumi auf den Weg zu bringen, verlief ins Leere, was aber wohl auch der wirtschaftlichen Fragilität des Verlags geschuldet war. Wegen dieser und ganz anderer blinden Flecken hatte ich mal gescherzt, eine ARCH-minus zu gründen für alles, was in ARCH+ keinen Platz hat.

Nikolaus war ein homme de lettres. Aber er war auch stolz auf seine Mitarbeit im Büro von Hans Scharoun, wo er manche Fensterdetails für die Berliner Staatsbibliothek gezeichnet hatte, und auf seine beiden scharounesken Gebäudeentwürfe, die im Kontext des Büros seines Vaters entstanden waren. Besonderes Vergnügen bereitete ihm das Scribbeln des Heftlayouts, wo er mit Kuli im College-Block Seitenlayouts für das Heft grob vorskizzierte, d. h. eine visuelle Dramaturgie für das Heft als Vorgabe für die Gestalter entwarf. Wichtig war natürlich auch die Covergestaltung, die nicht immer den Grafikern überlassen wurde, sondern wofür wir auch mal Künstler wie Dieter Masuhr oder Martin Hoffmann beauftragten. Viel Mühe verwandten wir auf Bildersuche und Bildauswahlen. Bilder sollten den Text nicht illustrieren, sondern visuell ihre eigenen, konzeptuellen Geschichten erzählen.

In Nikolaus’ College-Block sammelten sich die Notizen aus unseren Diskussionen, Gesprächen mit anderen und Ideen, die ihm zwischendurch kamen. Bemerkenswert war, dass er mich, der halb so alt war wie er und in vielem sehr unwissend, wie auch andere junge Menschen als Gesprächspartner voll akzeptierte. Dabei waren wir öfters nicht einer Meinung, aber gerade dies mag er wertgeschätzt haben. Im Nachgang erinnert mich sein Umgang an die Strategie Hannes Meyers, der den Dialog mit den Studierenden am Bauhaus suchte, weil er von ihnen eine Erneuerung des Denkens erhoffte. Und beim Zeitschriftenmachen mussten wir ja am Puls der Zeit bleiben. Auf Status und Formelles legte Nikolaus ohnehin keinen Wert.

Bei jedem Heft ging es darum, eine Position zu finden, eine These zu formulieren. Nicht immer gab es geeignete Autoren dafür, und für das Schreiben eigener Texte fehlte fast immer die Zeit. Der Ausweg bestand darin, Interviews zu führen, in denen wir Gesprächspartner mit unseren Fragen oder Thesen konfrontierten. Die Bearbeitung der Interviews und das Redigieren von Texten überließ Nikolaus weitgehend mir, während er sich vorbehielt, das Hefteditorial alleine zu formulieren, auch wenn es dann von uns beiden gezeichnet wurde. Ein Versuch einer gemeinsamen Textarbeit war schon früh, beim Heft 100/101, gescheitert, als Nikolaus meine Bearbeitung seiner Textskizze rundum verwarf.

Im Sommer 1989 verfolgte Nikolaus gebannt die Nachrichten von der Deutschen Botschaft in Prag und den Entwicklungen in der DDR. Zu meinem Erstaunen war er recht aufgewühlt und saß stundenlang vor dem Fernseher. Mir fehlte jeder Bezug zur DDR, und die Teilung des Landes war für mich eine Konsequenz deutscher Geschichte, die ich als Gegebenheit hinnahm. Nikolaus aber war in Potsdam-Babelsberg aufgewachsen und war erst 1953 mit seinen Eltern nach West-Berlin geflohen, als die antisemitischen Exzesse im Ostblock zu Stalins Lebensende aufbrachen. Nach dem Mauerfall verbrachten wir gemeinsam viel Zeit in Ost-Berlin und Leipzig, trafen Architekten und Künstler, unter anderem Helga Paris, die uns später im Zehlendorfer Büro auch fotografierte. Auch den Maler Konrad Knebel lernten wir kennen, von dem ich Bilder kaufte, die heute bei uns im Wohnzimmer hängen.

Nikolaus hatte nach seinem Schulabschluss eigentlich Bühnenbildner werden wollen. Aus jener Zeit war er mit dem Berliner Ensemble vertraut, wo er eigentlich eine Ausbildung absolvieren wollte, aber als West-Berliner keine Chance hatte. Als wir an einem Winterabend 1989/90 auf der Suche nach einer Kneipe durch das damals weitgehend dunkle und tote Berlin-Mitte irrten, kam Nikolaus der rettende Einfall, in der Kantine des Berliner Ensembles einzukehren. 

Etwas später lernte Nikolaus bei einem Abendessen bei Wolfgang Schivelbusch seine spätere Frau Capers kennen, die aus New York stammte. Es war eine Zeit, in der er selber versuchte, seinen jüdischen Wurzeln nachzugehen. An einer Magnettafel in der Küche hingen bunte hebräische Buchstaben, denn Nikolaus wollte etwas Hebräisch lernen, wozu es meines Wissens aber nie wirklich kam. Infolge seiner Bekanntschaft mit Capers reiste Nikolaus nun wiederholt in die USA und importierte von dort Diskurse, die mehrere ARCH+ Ausgaben prägten. Eine davon hatte den Titel „Das amerikanische Zeitalter“, eine Bezeichnung, die auch autobiografisch zutraf. Mit Capers tauchte auch der erste Computer in unserem Büro auf, den wir dann mitbenutzten. Ich erinnere mich noch an ihr WordPerfect-Programm und die dünnen 8-Inch Floppy-Disks.

Anfang 1992 starb mein eigener Vater. Die jüdischen Wurzeln meiner Familie, die Erfahrung von Widerstand, Verfolgung und Exil trugen zur Vertrautheit zwischen Nikolaus und mir bei. Auf manche hinterließen wir damals den Eindruck einer Vater-Sohn-Beziehung, und in gewisser Weise besetzten wir wechselseitig familiäre Fehlstellen. Nach dem Tod meines Vaters begann ich, seine Biografie zu recherchieren. Als ich später dann einen Aufsatz über den Massentransport der Untersuchungsgefangenen des Volksgerichtshofs in der Endphase des NS-Regimes publizierte, fand Nikolaus mutig, dass ich meine Familiengeschichte outete. Dass mein Vater gemäß seiner eigenen Erzählung nach der Befreiung den verhörenden SS-Mann erschossen hatte, fand er genau richtig. Er war der Auffassung, dass in Deutschland 1945 eine Nacht der langen Messer gefehlt hätte, die es in Frankreich gegeben hatte. Er traute der deutschen Gesellschaft nicht und hatte Ängste, dass das Land schnell wieder in ein totalitäres Regime entgleiten könne.

Mit Skepsis verfolgte Nikolaus die deutsche Wiedervereinigung und so veröffentlichten wir Otl Aichers Plädoyer für eine getrennte Staatlichkeit. Die von Prinz Charles angezettelte Architekturkontroverse in Großbritannien hatten wir schon kritisch begleitet, als sich in Berlin mit der Wettbewerbsentscheidung zum Potsdamer Platz der identitär ausgerichtete Neotraditionalismus der Stimmann-Ära abzeichnete. Wir beauftragten Rudolf Stegers mit einer Kritik an der Metamorphose der Kollhoff’schen Architektur, die in dem letzten Heft erschien, an dem ich als fester Redakteur beteiligt war.

Mit der Tätigkeit bei ARCH+ hatte ich mein Studium nicht weiterverfolgt und zwischenzeitlich sogar erwogen, es ganz abzubrechen, benötigte ich doch keinen Abschluss für meine Arbeit. Als ich feststellte, dass ich auch mit begrenztem Aufwand ein Diplom erwerben konnte, entschied ich, dies nun endlich zu tun. Heft Nr. 117 im Sommer 1993 zu Rem Koolhaas war meine zunächst letzte ARCH+ Ausgabe und nach meinem Diplom arbeitete ich zunächst anderthalb Jahre in dessen Rotterdamer Büro. Ich entschied mich gegen eine Rückkehr in die Redaktion, als mir die gewünschte Teilhabe an Verlag und Herausgeberschaft versagt wurde. 

Ich ging meiner eigenen Wege, blieb aber Nikolaus, auch Sabine und der Zeitschrift verbunden, und war in manches Heft – vom Autor bis zur Gastredaktion – involviert. Zu meiner Verblüffung reagierte Nikolaus auf meine eigenen Arbeiten zuweilen mit Unverständnis und Ablehnung, sei es mein Erfahrungsbericht über die Arbeit bei Rem Koolhaas, sei es die Arbeit an Shrinking Cities oder meine Neubegründung der Zeitschrift Bauhaus. Bei Shrinking Cities fremdelte er wohl mit einer Arbeitsweise, die nicht von großen Theorien und heroischen Autorenschaften geprägt war, sondern sich zunächst dem Phänomen in einer breiten Recherche widmete. Entgegen all seiner Skepsis war dann aber das ARCH+-Heft mit den Ergebnissen des Wettbewerbs, den ARCH+ als Projektpartner durchführte, recht erfolgreich. Wertschätzung brachte er hingegen – so mein Eindruck – meinem politischen Aktivismus entgegen und war gemeinsam mit Anh-Linh solidarisch engagiert, als ich 2014 in Dessau vom Hof gejagt wurde.

Wir trafen uns gelegentlich. Als an den Universitäten in Berlin und Stuttgart erste Historiografien über die Zeitschrift entstanden, war er erzürnt und sah diese als sehr verfälscht dargestellt an. Ich ermunterte ihn gemeinsam mit Angelika Schnell, sich an diesen nicht abzuarbeiten, sondern seine eigene Geschichte zu schreiben. Er hatte ohnehin schon einen fulminanten Text als Alt-68er über seine Jugend und Studienzeit für ein Forschungsvorhaben von Wolfgang Kraushaar geschrieben, in dem sich Persönliches mit Politischem und Fachlichem in einer dichten Erzählung verband. 

Einige Zeit später schickte er Angelika und mir das Rohmanuskript mit der Bitte um ein schnelles Feedback. Mit Bedauern stellten wir fest, dass mit dem Beginn der ARCH+-Geschichte die persönliche Dimension in dem Text abbrach, obwohl sie stets eine prägende Rolle gespielt hatte. Ich schickte Nikolaus ein ausführliches, aber auch beherztes Feedback und hörte nichts mehr von ihm dazu. Einige Zeit später erschien der Text in weiterentwickelter Form bei ARCH+ als seine „architektonische Selbstbiografie“. Er war zwar meinungsfreudig und nahm auch mal gerne provokante Positionen ein und polarisierte. Aber andererseits konnte er auch konfliktscheu sein und offene Kontroversen meiden. Wenn ihm ein Text eines Autors enttäuschte und er diesen nicht veröffentlichen wollte, ging er eher auf Tauchstation und ließ es ins Leere laufen. Als ich ihn zuletzt traf, überraschte er mich mit einer mir von früher unbekannten Art der Nachdenklichkeit. Es war nicht immer einfach mit ihm, aber er hat mich in einer wichtigen Phase maßgeblich geprägt. Ihm verdanke ich, für mich einen Weg gefunden zu haben, meiner Beschäftigung in der Architektur nachzugehen, die mir und meinem Selbst- und Weltverständnis entspricht.

Philipp Oswalt

Kristina Herresthal

Oft waren es ganz beiläufige Momente – während meines Praktikums oder bei der späteren Mitarbeit in der Redaktion –, in denen aus der Diskussion mit Nikolaus etwa über eine Projektreferenz oder ein Bild fürs Layout spontan informations- und anekdotenreiche und gleichzeitig tiefgründige Gespräche entstehen konnten. Nikolaus war immer bereit, sich dafür Zeit zu nehmen, weit auszuholen und ein zum Thema passendes Buch aus der dicht bestückten Bibliothek der Redaktion zu ziehen. 

Entsprechend war der Arbeitstitel einer Gesprächsreihe, die ich 2013 und 2017 gemeinsam mit Stephan Becker und Anh-Linh Ngo mit Nikolaus über sein Leben führen durfte, auch „Auf eine Zigarette mit Nikolaus Kuhnert“. In diesen Gesprächen, die in Teilen als Videointerview, in Teilen in Textform in ARCH+ 229 erschienen sind, hat er ganz persönlich über die eigene hochinteressante Biografie und damit ein Stück Zeitgeschichte gesprochen. Außerdem hat er so lebendig von der neueren deutschen Architekturgeschichte erzählt, dass nicht nur die einzelnen Phasen in Abgrenzung voneinander deutlich, sondern insbesondere auch der übergeordnete Kontext und die Querverbindungen anschaulich wurden. 

Ein weiteres bleibendes Bild von Nikolaus: Er, beim Empfang des Deutschen Pavillons der Biennale in Venedig, einen Cappuccino in der Hand, wie er schimpfend zwischen den Partygästen steht und Ausstellungsprojekte kritisiert, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten und potenzielle Projektpartner. Vor diesem unbequemen Nonkonformismus habe ich sehr viel Respekt, und er ist sicherlich einer der Gründe, dass die ARCH+ über die Jahrzehnte unabhängig geblieben ist und so kontinuierlich inhaltsstarke Hefte herausgebracht hat. 

Auch bei einem der letzten Treffen im Frühjahr dieses Jahres mit ihm, seiner Frau Capers und Nicole Opel hatte Nikolaus wieder bemerkenswerte Architekturbücher, natürlich in verschiedenen Auflagen, zur Hand, die ich im Nachgang zum Gespräch noch häufiger mit Gewinn nachgeschlagen habe.

Diese Art des Austauschs hat Nikolaus auch nach seinem Rückzug aus der täglichen Redaktionsarbeit weiter gepflegt. Er wird mir sehr fehlen.

Kristina Herresthal

Angelika Schnell

Meine Erinnerung an Nikolaus

Angelika Schnell

 

Neugier – das ist das Wort, das ich am deutlichsten mit Nikolaus verbinde. Wobei bei ihm beide Teile des Wortes gleichermaßen seine Persönlichkeit prägten: die ständige Offenheit für neue Themen, Projekte, Personen, aber auch die fast schamlose Gier danach, ganz der Redakteur und Zeitschriftenmacher. Als Studentin habe ich Nikolaus so zum ersten Mal Ende der 1980er Jahre erlebt – und was für eine Wohltat das war im Vergleich zu den Lehrern (und sehr wenigen Lehrerinnen) an der TU Berlin, die sich kaum mit Studierenden auf Augenhöhe unterhalten wollten oder nur wenig zu sagen hatten. Aber Nikolaus war offen, gesprächsbereit und hatte selbst viel zu erzählen. Wir, eine Gruppe von Studierenden, zu denen auch Philipp Oswalt zählte, der schon in die ARCH+-Redaktion integriert war, waren unzufrieden mit dem Lehrbetrieb. Wir organisierten im Frühjahr 1989 ein einwöchiges Symposion zur Architekturlehre, und im Unterschied zu unseren Professor*innen war Nikolaus dabei, hörte zu, diskutierte mit, eröffnete neue Perspektiven und lud uns ein, selbst aktiv zu sein. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass diese Begegnung ausschlaggebend für meine Entscheidung war, die theoretisch-wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, auch wenn Nikolaus später, als wir uns schon einige Jahre zusammen in der Berliner ARCH+-Redaktion gegenübersaßen, nie müde wurde, zu behaupten, dass ich mir fürs Weiterkommen die Mühe einer Dissertation sparen solle, weil sie heute nicht mehr zähle – eine seiner wenigen Fehleinschätzungen. Er wusste natürlich, dass die Entscheidung für die Promotion auch das Ende meiner Arbeit als Redakteurin bei ARCH+ bedeutete, und struktureller Wandel der Redaktion, der außerhalb seiner Kontrolle lag, schätzte er nicht. Aber er hielt mich auch nicht auf, denn das war Teil seines Verständnisses unserer Arbeitsbeziehung: jede/r ist frei zu tun, was er oder sie will. Er ging auf die Suche nach einer Nachfolge und fand sie in Susanne Schindler und danach in Anh-Linh Ngo. Und wir blieben in Kontakt.

Ich kenne Nikolaus folglich schon lange, etwa dreizehn Jahre habe ich mit ihm zusammengearbeitet, zuerst unregelmäßig als Studentin, die kleine – natürlich unbezahlte – Artikel für den so genannten Zeitungsteil schreibt, später als feste Redakteurin. Und immer war die Neugier da: Nikolaus war wie ein Motor, der nie ausgehen wollte, der gefragt, geschaut, diskutiert, gelesen und wieder gefragt und diskutiert hat. Heftthemen, neue Projekte, ein Zeitungsartikel, die hohe Politik, seine eigene Vergangenheit als Alt-68er und seine Distanz dazu, Freunde und Kollegen, deren intellektuelle Karrieren, auch ein wenig Klatsch und sowieso Architektur. Wenn wir in seinem kleinen Renault durch Berlin zu einem Termin fuhren, hat er nie aufgehört, über fast jedes Gebäude zu erzählen: wer es entworfen hat, was damit im Krieg oder später passiert ist, wer darin gewohnt hat, wie die Architektur beurteilt wurde und natürlich, was er davon hielt. (Dabei hat er in seiner für ihn typischen Art mit den Händen heftig gestikuliert und den Lenker fast nicht mehr angefasst, so dass mir nicht nur einmal bange wurde.) Denn das war Nikolaus auch: ein Architekt mit einem kleinen Oeuvre, das von seinem Lehrer Hans Scharoun beeinflusst war, auf das er aber auch stolz war. Das konnte man spüren, auch wenn er das nie explizit gesagt hat, dazu war er zu sehr der kritische Intellektuelle. 

Die Architektur, das war der Treibstoff, der diesen Motor aus ständiger Neugier antrieb. ARCH+ ist eine Architekturzeitschrift, hat er oft gesagt, um denen zuvorzukommen, die meinten, die Theorielastigkeit würde zu bloßen Textwüsten führen, die ohnehin niemand lesen würde. Kenntnis und Präsentation der Architekturprojekte waren genauso wichtig wie die Auswahl der Texte und der Autoren und Autorinnen. Andere Zeitschriften hatten Farbe und mehr Hochglanz, ARCH+ bettete sie in einen theoretischen Diskurs ein, der ihnen eine ganz andere Nobilität verlieh. Als ich frisch als Redakteurin, gerade mein Diplom in der Tasche und Philipp Oswalt folgend, anfing, war ich oft verblüfft, wie sich die Themen und die Projekte miteinander verwoben und immer dichter und differenzierter wurden (auch widersprüchlich). Dabei war der Ausgangspunkt oft nur ein einfacher Gedanke, ein einziger Textbeitrag oder ein Projekt, das zu einem Heftkomplex sich auswuchs. Nikolaus hatte jahrelange Erfahrung und deshalb auch das Vertrauen, dass das Heftthema sich noch präzise herausschälen würde, während ich am Anfang oft skeptisch war. Immer ist etwas daraus geworden, weil wir uns die Zeit genommen haben, alles zu studieren, was in den Kontext des sich zu Beginn noch vage abzeichnenden Themas passen könnte. Deshalb kommt mir meine Zeit bei ARCH+ vor, als ob ich nach meinem Architekturstudium noch zwei, drei weitere Studien angehängt hätte, die Naturwissenschaften, Philosophie, Kunst- und Sozialwissenschaften gleichermaßen umfassten. Und vor allem habe ich mehr über Architektur gelernt als in all den Jahren davor. In der Redaktion konnte und durfte ich lesen; Nikolaus und ich tauschten uns darüber aus und waren auch ständig nach der Suche nach neuer Literatur. (Bei Büchern waren wir gleich gierig; wenn die damals noch verschickten Antiquariatskataloge kamen, versuchten wir beide, jeweils vor dem/der anderen die bibliophilen Kostbarkeiten aufzuspüren und zu bestellen.) 

Es gab aber auch Hefte, die von Anfang an inhaltlich klar definiert waren, und dazu gehört besonders Nr. 122 „Von Berlin nach Neuteutonia“, das Heft, das die meisten Wellen schlug und die höchste Auflage hatte. Mit diesem Heft, das 1994 erschien, zeigte Nikolaus eine andere Seite: klare politische Haltung. Ich erinnere mich noch recht gut, wie das Heft entstand: nach dem Besuch von Hans Stimmanns Einführungssymposion im Juni 1993 „Auf dem Weg zu einer neuen Berlinischen Architektur?“, bei dem er sein Programm für seine Zeit als Berliner Senatsbaudirektor abzustecken gedachte und an dem zahlreiche Architekt*innen und Theoretiker*innen teilnahmen, und bei dem zum ersten Mal von der neuen Berliner Einfachheit oder gar dem Preußischen Stil die Rede war, war offenkundig, dass eine Linie überschritten war. In kürzester Zeit entschieden wir, dass wir ein kritisches Heft konzipieren wollen und fanden dafür Mitstreiter wie Heinrich Klotz, Werner Sewing und Philipp, die die neue Berliner Einfachheit scharf attackierten. Für Nikolaus bedeutete dies auch den Bruch mit ehemaligen Kollegen oder Freunden, aber er zögerte nicht. Das Heft sollte klar Position beziehen. Wahrscheinlich hat die Geschwindigkeit, mit der ARCH+ auf die Situation reagierte, einige überrascht; schließlich ist die Zeitschrift ja eher gemächlich im Tempo, weil komplexe Themen Zeit brauchen. Aber man muss nur ältere Beiträge von Nikolaus lesen, um zu verstehen. Im Berliner IBA-Katalog Idee Prozess Ergebnis, der 1984 erschien, warnt Nikolaus bereits in einem Aufsatz „Wende im Städtebau“ vor einem kommenden Kulturkonservativismus, der sich unter dem Deckmantel von Stadtneubau und Stadterneuerung – dem Programm der IBA – breit machen könnte. Nikolaus war immer klar, dass die zivilisationskritischen Stimmen, die es im linken und ökologisch geprägten Spektrum gab und gibt, diesen Kulturkonservativismus befördern und zu einer Allianz mit bürgerlich-konservativen Bewegungen, die von Stadtbaukunst und nationaler Identität träumen, bereit wären. In diesem Aufsatz will sich Nikolaus noch nicht ganz entscheiden; er ist noch vorsichtig optimistisch, dass ein „Städtebau in sozialer Absicht“, der auch das Ästhetische nicht vernachlässigt, mit und nach der Berliner IBA von 1987 gelingen könnte, doch Jahre später zeigte sich, was mit „Kritischer Rekonstruktion“ gemeint sei: wenig Kritisches und viel politisch-symbolische Rekonstruktion von Vergangenheiten, die das nationalsozialistische Erbe übergehen und camouflieren. 

Nikolaus selbst hat mich auf diesen Aufsatz aufmerksam gemacht, durch den man sein wachsames Denken besser versteht. Ich muss gestehen, dass ich ihn vorher nicht gelesen hatte, was auch seiner etwas sperrigen Sprache geschuldet war, die jeden, der Nikolaus kannte, daran erinnert, dass er das Reden liebte und das Schreiben weniger. Das langsamere Tempo des Schreibens war nichts für seine weitgreifenden Gedankensprünge und Schlussfolgerungen. Wie bei Philipp zuvor überließ er mir bei der Heftproduktion die Textredaktion, während er sich über sein Bildscribble beugte und mit schnellen, sicheren Strichen das Layout konzipierte – natürlich damals immer noch auf der Basis von Otl Aichers Vorgaben, die dieser der Zeitschrift großzügig zur Verfügung gestellt hatte. 

Irgendwann passierte es aber dann, dass das modernistische Aicher-Layout punktuell kritisiert wurde. Aber noch passte es gut. Wir produzierten in den 1990er Jahren mehrere Hefte, die die Rolle der modernen Architektur thematisierten, die auf uns selbst zurückspiegelte. Nikolaus und ich wollten beide verstehen, wie technologische und naturwissenschaftliche Entwicklungen die Architektur in neue Richtungen lenken, aber auch Anregungen geben konnten, wir sahen beide im offenen Grundriss von Mies ein Potenzial für eine räumlich-performativ verstandene Architektur, wir mischten uns ein in die Debatte um die „Zweite Moderne“ und nicht zuletzt brachte uns die Art und Weise, wie wir die konzeptionelle Architektur von OMA beförderten, zeitweise den ironischen Spitznamen Rem+ ein. Aber zur selben Zeit faszinierte der französische Poststrukturalismus, der über den Umweg der amerikanischen Debatte bei uns landete. Dieser schien die Architektur aus eindimensionaler Semantik zu befreien, interpretierte sie aber auch fluider, fragiler und mehrschichtiger. Es wurden neue Formate gesucht, diskursiver, hybrider. Das Aicher-Layout, das so flexibel war, fußte zugleich auf klaren Zuordnungen: textdominante Seiten zweispaltig, projektorientierte Seiten dreispaltig, Infoteile vierspaltig. Nun stand es plötzlich zur Debatte. 

Das Ganze war aber ein Prozess, der nicht bewusst gesteuert war. Denn gerahmt und inspiriert wurde er zudem durch zahlreiche Personen, die wir eingeladen, mit denen wir diskutiert oder die wir besucht haben (wie zum Beispiel Joachim Krausse, den wir wieder und wieder als Gesprächspartner für unser Editorial genutzt haben, oder Florian Böhm, der Luft- und Raumfahrt studierte und uns viele Male sowohl inhaltlich als auch praktisch ins digitale Zeitalter verhalf). Aber die inhaltlichen Entscheidungen wurden letztlich im kleinen Kreis getroffen, im Sommer fast immer im Garten, die Familie in der Nähe, dazu mehrere Liter Kaffee und viele Zigaretten, was für manche vielleicht den Charakter eines Idylls gehabt haben mag: eine theoretische Architekturzeitschrift, die gerade so überlebt, weil ein paar Idealisten alles für sie geben. Doch so war es natürlich nicht. 

Für Nikolaus war alles politisch. Das Haus, das sein Vater entworfen hatte und in dem sich damals die Berliner Redaktion im Souterrain befand, erinnerte ihn an seine eigene schmerzliche Vergangenheit, denn das Grundstück im noblen Zehlendorf war Teil einer Wiedergutmachung nach dem Krieg. Seine jüdische Mutter und er als kleines Kind überlebten die NS-Zeit geschützt durch Verwandte und Nachbarn, sein Vater war im Arbeitslager. Seine eigene Entscheidung, eine Berliner ARCH+-Redaktion nach dem Tod des Vaters Anfang der 1980er Jahre in diesem Haus einzurichten und damit zur ursprünglichen Redaktion in Aachen eine zweite aufzubauen, hat zu dem immerwährenden schwelenden Konflikt zwischen beiden Redaktionen beigetragen. Dass Sabine Kraft als Geschäftsführerin und Redakteurin in Aachen saß und die Berliner Stelle nur aus Redakteur*innen bestand, hat zu der ungerechten Rollenverteilung geführt, nach der Berlin immer mehr Hefte verantwortete als Aachen (und damit mehr Ruhm abbekam). Sabines wichtiger Beitrag wurde nie ausreichend gewürdigt. Sie war als Mitdiskutantin in alle Heftthemen involviert. Als ich anfing bei ARCH+, waren tägliche Telefonate zwischen Aachen und Berlin noch üblich. Allerdings tendierte Sabine ebenfalls wie Nikolaus zur unbeugsamen Haltung. Als der Konflikt später in einen unüberwindbaren Graben mündete, geriet ich regelrecht zwischen die Fronten. Weil ich aber mit beiden weiterhin Kontakt halten wollte, habe ich leider irgendwann aufgegeben, zu vermitteln. Denn als Alt-68er, die beide waren, konnten sie nicht anders als ihren persönlichen Streit als politischen Streit zu stilisieren oder zu tarnen – je nach Perspektive. Und genau das verunmöglichte es jedem von beiden, einen Schritt auf den anderen zuzugehen, denn tatsächlich schätzten sie sich. 

Dass das Private politisch sei, gehört zur oft vorgetragenen Erkenntnis dieser Generation, aber als jemand, die seit dem Kindergarten unter anderen von Alt-68ern, die gerade frisch von der Uni kamen, erzogen und ausgebildet wurde, weiß ich auch um die Kehrseite. Es ermöglicht, über das Privatleben von anderen zu verfügen – sozusagen die politisch nobilitierte Version des Gossip. Mit Nikolaus hatte ich ein paar Mal darüber Auseinandersetzungen, aber er war kein Missionar. Deshalb akzeptierte er, wenn ich distanzierter war als er es kannte oder wünschte. Dass ich dennoch Teil seiner Familie sein durfte, dafür bin ich bis heute dankbar. Ich habe seine Kinder groß werden sehen, konnte mit ihnen spielen oder sie zu Ausflügen einladen, und ich habe seine Frau Capers als Freundin gewonnen. Sie alle haben Nikolaus, so schien mir, Halt und Perspektive gegeben, auch weil sie das Haus mit neuen Ereignissen und Bedeutungen füllten. Geschimpft habe ich natürlich auch mit Nikolaus, innerlich und äußerlich, aber im Verlauf der Jahre ist geblieben, dass ich von Nikolaus unendlich viel gelernt habe, so viel, wie von keinem anderen Menschen. Ich wünschte, ich hätte ihm das noch deutlicher gesagt und ich wünschte, ich hätte noch mehr mit ihm diskutiert und gestritten, zum Beispiel über Aldo Rossi, über den wir beide promoviert haben, über die Situation an den Unis und wie man heute Architektur lehrt, oder über die Tatsache, dass wir nicht genug Beiträge über Frauen in der Architektur gemacht haben (sorry, Nikolaus, da hattest Du wirklich einen blinden Fleck, und ich habe nicht genug protestiert). 

P.S.: Einmal kam ich zur Haustür herein, ich war von Capers eingeladen worden, so erinnere ich mich, und mein Blick fiel sofort auf die Tapetentür, durch die man über die Treppe nach unten in das Büro von ARCH+ kam. Dort hing eine bestechende Kohlezeichnung etwa im DIN A5-Format auf einfachem Papier. Es war das Porträt von Nikolaus, mit klaren, sicheren Strichen war sein zuweilen misstrauischer, aber auch offener und neugieriger Blick festgehalten. Es stellte sich heraus, dass die Zeichnung von seinem Sohn Daniel stammte, der damals zehn oder elf Jahre alt und ständig am Zeichnen war. Leider ist die Zeichnung wohl verloren gegangen. Aber in meiner Erinnerung verdichtet sich in ihr das Bild von Nikolaus so klar, wie ich es in vielen Worten nur versucht habe, zu schildern.

Wien, im August 2025

 


Barkow Leibinger

Leitstern und Wegbegleiter

von Regine Leibinger und Frank Barkow

 

Nikolaus Kuhnert war ohne Zweifel ein ganz besonderer Mensch – gebildet, klug und mutig, ebenso fein und scheu. Unsere Erinnerungen an ihn sind professioneller wie auch persönlicher Art und reichen weit zurück. Sie sind geprägt von meinen Erinnerungen an die Studienzeit an der TU Berlin, in der die ARCH+ bereits der wichtigste architektonische Leitstern war. Was Nikolaus für die Entwicklung dieser Zeitschrift und damit für den Architekturdiskurs insgesamt geleistet hat, ist grandios und bleibt unvergessen.

Später hat Nikolaus uns als Architekten begleitet. Voller Ehrfurcht fuhren wir einmal, kurz nach der Bürogründung, zu ihm und Angelika Schnell nach Zehlendorf, weil sie mit uns über einen unserer Wettbewerbsentwürfe sprechen wollten. Nikolaus hatte darin Vielversprechendes erkannt, was für uns einem Ritterschlag gleichkam und am Ende mehr zählte als die eigentliche Platzierung.

Über unsere Kinder, die zur gleichen Schule gingen, sind wir uns später auch in ganz anderem Kontext privat begegnet. Erleichtert hielten wir uns immer aneinander fest, wenn wir uns bei Sommerfesten im Trubel der anderen Eltern fanden und uns (um zu rauchen natürlich) etwas absondern und statt über Schul-Gossip über Architektur unterhalten durften.

Wir trauern mit dem Team der ARCH+, teilen dessen Verlust und wünschen weiterhin so viel Kraft und Geschick, Nikolaus’ Lebenswerk in die Zukunft zu führen.

Stephan Trüby

„SOZIALRAUMLEHRE“ – Ein Nachruf auf Nikolaus Kuhnert
von von Stephan Trüby

 

Mit Nikolaus Kuhnert verliert der deutschsprachige Architekturdiskurs eine seiner zentralen Figuren der letzten drei, vier Jahrzehnte. Niemand hat seit den ausgehenden 1980er-Jahren die architekturtheoretischen Debatten in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf so unnachahmlich indirekte Weise und gleichzeitig so tief geprägt wie der gebürtige Potsdamer. ARCH+-Ausgaben wie „Das Verschwinden der Architektur“ (Nr. 95, August 1988), „ChaosStadt“ (Nr. 105/106, Oktober 1990), „Das Amerikanische Zeitalter“ (Nr. 114/115, Dezember 1992), „Die Architektur des Ereignisses“ (Nr. 119/120, Dezember 1993), „Die Architektur des Komplexen“ (Nr. 121, März 1994), „Wohnen zur Disposition“ (Nr. 134/135, Dezember 1996) oder „Krise der Repräsentation“ (Nr. 204, Oktober 2011) waren kuratorische Meisterwerke und prägten Generationen – auch mich. Viele der Hefte – allen voran „Von Berlin nach Neuteutonia“ (Nr. 122, Juni 1994) – sorgten für monatelange Diskussionen. Trotz seiner Wirkung ist Kuhnert jedoch jenseits von mehr oder weniger kurzen Editorials nur selten als Autor im eigenen Blatt in Erscheinung getreten. Eitles Edelfedertum lag ihm fern. Dies lag daran, dass ihm nach eigenem Bekunden das Reden zwar leichtfiel, die schriftliche Artikulation – für einen Journalisten mehr als ungewöhnlich – jedoch durchaus Mühen bereitete. Was wiederum Gründe hatte, auf die zurückzukommen sein wird. Umso wichtiger erscheint es, auf die wenigen längeren Texte von Kuhnert zurückzugehen, um seine intellektuelle Bedeutung jenseits dessen zu ermessen, was er natürlich auch war: ein ungemein erfolgreicher und zupackender Magazinmacher, dem das Unwahrscheinliche gelang, jahrzehntelang eine von Verbänden, Hochschulen und großen Verlagen unabhängige und dabei inhaltlich ziemlich kompromisslose Architekturzeitschrift zu produzieren.

In den Ausgaben der 1967 an der Universität Stuttgart gegründeten ARCH+ erscheint der Name Nikolaus Kuhnerts zum ersten Mal in dem im Dezember 1972 erschienenen Heft 16, und zwar als Teil der frisch gegründeten Aachener Redaktion. Das erste Heft, für das Kuhnert allein inhaltlich verantwortlich zeichnete, war die Nummer 20 vom Dezember 1973. Darin ging es vor allem um „Die ‚Sanierung‘ des Stuttgarter Westens und ihre Auswirkungen auf den städtischen Haushalt“ (zusammengefasst von Wolfgang Ehrlinger), aber auch um „Städtische Strukturen und Staatsinterventionismus“ (Adalbert Evers) sowie „Das Wohnungsproblem für die unteren Klassen in den USA“ (Hans H. Harms). Das klingt nicht nur marxistisch geprägt, das war es auch. Im Editorial ist unter anderem der Satz zu lesen: „Als Hauptaufgabe einer politisch engagierten Fachzeitschrift, als die wir ARCH+ begreifen, sehen wir Kritik im Sinn einer materialistischen Analyse der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse als Grundlage für die politische Praxis, wie sie von Marx im System der politischen Ökonomie entwickelt worden ist.“ 

Doch in der Folgezeit war es gerade Kuhnert, der den Eigenwert des Architektonischen nicht komplett einer rigiden Politisierung opfern wollte. Vor diesem Hintergrund fing er damit an, sich mit dem italienischen Kontext im Allgemeinen und der „Architettura Razionale“ von Aldo Rossi im Besonderen zu beschäftigen. Eine aus der Architektur kommende Auseinandersetzung mit Gesellschaft, so wurde ihm dadurch klar, kann ohne eine Auseinandersetzung mit Bauwerken kaum Glaubwürdigkeit erlangen. Unter dem Eindruck der Ausstellung Rational Architecture, die 1975 in Peter Cooks Art Net Gallery stattfand, machte sich Kuhnert daher auch in Deutschland für eine „Tendenzwende“ stark; allerdings für eine der besonderen Art: die Distanz hält zu postmodernen Sperenzchen. Im September 1975 erschien entsprechend die ARCH+ 27 mit dem legendären, zehnseitigen „Tendenzwende?“-Editorial, das unter Mitwirkung von Kuhnert einen neuen Ton in der deutschen linken Architekturszene anschlug: Eine selbstkritische „Revision“ sei vonnöten! Die ARCH+ sei „zu sehr eine Zeitschrift von linken Intellektuellen für linke Intellektuelle“ geworden! Wie in Italien müsse man offen sein für „explizit politisch gezielt[e] Versuche einer Erneuerung der Architektur“! Das Blatt sei nicht allein als Zeitschrift von Sozialisten für Sozialisten zu verstehen, sondern als eines, das „all der praktischen und theoretischen Kritik“ eine Plattform bietet, „die sich dagegen sperrt, sich in die Verhältnisse zu fügen“! Man forderte eine „breiter[e] Orientierung“ und eine „Pluralität der Meinungen“! Damit lancierten die reformistischen Aachener eine handfeste Attacke gegen die mittlerweile auch existierende und deutlich revolutionärer gesinnte Berliner Fraktion um Klaus Brake, Helga Fassbinder und Renate Petzinger, die eine gewerkschaftliche Orientierung sowie die Interessen lohnabhängiger Architekt*innen ins Zentrum ihres Kampfes stellen wollten. 1977 publizierten sie mit Pauken und Trompeten ihre „Austrittserklärung“, mit der sie sich vehement dagegen wandten, die ARCH+ in den „Kontext bürgerlicher Existenzvorstellungen“ zu verschieben. Auch kritisierten sie die „journalistisch mehr oder minder geschickt verbrämte platte Reproduktion unmittelbarer Erfahrungen“ – und meinten damit etwa „Situationsberichte aus Bürgerinitiativen“. Wie Pitbulls standen sich bei dem Streit Sozialismus resp. Kommunismus auf der einen und ein „antiautoritär“ sich wähnender Linksliberalismus auf der anderen Seite gegenüber. Als wir am IGmA der Universität Stuttgart in den Jahren 2019 und 2020 im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Geschichte der ARCH+ die Kontrahent*innen von damals interviewten, wurde schnell deutlich, wie tief die Wunden bei allen Beteiligten noch Jahrzehnte später aufklaffen, zumal der „Radikalenerlass“ die Fronten zusätzlich verhärtet hatte. Die Gespräche sind teils bis heute nicht zur Publikation freigegeben, fast 50 Jahre nach dem Disput.

Zur selben Zeit, als der innerlinke ARCH+-Konflikt mit der „Austrittserklärung“ öffentlich wurde, saß Kuhnert an seiner stark vom italienischen Kontext geprägten Dissertation Soziale Elemente der Architektur: Typus und Typusbegriff im Kontext der rationalen Architektur, die von Gerhard Fehl und Manfred Speidel begutachtet und 1979 verteidigt wurde. Das viel zu selten gelesene Buch sollte man zu Rate ziehen, wenn man den freilich prekären, aber dennoch bis heute andauernden Erfolg der ARCH+ besser verstehen will. Denn darin schlägt der Autor eine Art Mittelweg zwischen der Scylla einer spätfunktionalistischen, planungsemphatischen Architekturvergessenheit und der Charybdis einer entpolitisierten Baukultursuche ein. Kritisch schreibt er über die (Stuttgarter) Frühphase der ARCH+: „Über Architektur war nur noch in Form von sozialwissenschaftlichen Abhandlungen zu reden. Sie selbst aber verstummte.“ Gleichzeitig wendet er sich aber auch gegen den „‘linke[n]‘ Konservatismus“ des Kommunisten Rossi, der eine an sich unterstützenswerte „Architektur der Stadt“ ständig auf ihre „idealtypischen Ursprünge“, auf ein „Wesen der Baukunst“, auf Urhütten etc. zurückführen glaubt zu müssen.

Statt auf Rossi und seinen „fatale[n] Schluss“ einer Autonomie der Architektur setzt Kuhnert auf einen anderen italienischen Kommunisten-Architekten, nämlich Carlo Aymonino, der im Unterschied zu fast allen anderen an „Typologie“ interessierten Italienern eben nicht irgendwelche Ursprungsvisionen von Raum beschwört, sondern dessen Gebrauchsfähigkeit im Sinne einer „Sozialraumlehre“ betont. Aymonino wird für den ARCH+-Redakteur zur entscheidenden Leitfigur für „eine ansatzweise progressive Linie“, mit der er einerseits einer „Renaissance der Architektur“ Tribut zollt, andererseits aber die Gefahr der Archetypik und des mythischen Denkens vermeidet, die die dominanten Spielarten des typologischen Entwerfens für konservative Umarmungen so attraktiv macht. Das Interesse für eine typologisch inspirierte „Sozialraumlehre“ dürfte der tiefere Grund dafür sein, dass Kuhnert im Unterschied zu so gut wie allen Anderen, die in den 1970er-Jahren aus der BRD Richtung Italien blickten und dort den Neorationalismus aufsogen, mit fortgeschrittenem Alter eben nicht bei der Kritischen bzw. Unkritischen Rekonstruktion oder beim New Urbanism landete.

Kuhnerts Losung, sich mithilfe von ebenso sozial wie Architektur-interessierten italienischen Kommunisten von deutschen Linksradikalen loszusagen, die an Architektur eher uninteressiert waren, entpuppte sich als geeignete Formel für die ARCH+ der kommenden Jahrzehnte. Gemeinsam mit seiner Aachener Kollegin Sabine Kraft (1945-2016) stellte er fortan die nötige Geländegängigkeit einer irgendwie links sich wähnenden Publizistik in neoliberalisierten Zeiten unter Beweis, inklusive zeittypischer Greentech- und Starchitecture-Heften – die heute manch Jüngeren ferner sein dürften als die Berliner „Austrittserklärung“ von 1977. Und doch ist – wenngleich der Name Aymonino fast komplett verschwand – die „Sozialraumlehre“ der Post-„Tendenzwende“-ARCH+ immer präsent; auch in der – trotz Mitwirkung von Diedrich Diederichsen – vielleicht liberalsten ARCH+-Ausgabe der Nuller Jahre: der in Kooperation mit dem IGmA entstanden Nr. 171 mit dem Titel „Pop, Ökonomie, Aufmerksamkeit“ aus dem Jahre 2004.

Damit begann für den Verfasser auch die enge Zusammenarbeit mit der Zeitschrift. Kuhnerts „Sozialraumlehre“ wird – auch wenn der Begriff als solcher gar nicht fällt – besonders deutlich im zweiten großen publizistischen Werk, das er uns neben seiner Dissertation hinterlässt: seiner unter Anspielung auf Rossis Wissenschaftlicher Selbstbiografie publizierten Architektonische Selbstbiografie, die 2019 anlässlich seines 80. Geburtstags als ARCH+ 237 erschien, mitten in unserem ARCH+-Forschungsprojekt. Wer eine paradigmatische westdeutsche intellektuelle Biografie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Bereich Architektur kennen lernen möchte, sollte dieses packend geschriebene und ebenso informative wie berührende Dokument inhalieren; ich halte sie in ihrer Kombination aus panoramatisch erzählter Zeitgeschichte und Idiosynkrasie für eine der stärksten ARCH+-Ausgaben überhaupt. Kuhnerts relative Zurückhaltung als Schreibender – seine ans Bauchrednerhafte grenzende Bereitschaft, andere für „sich“, also die ARCH+ sprechen zu lassen – entlädt sich hier förmlich ins Gegenteil. Und offenbart dabei ihren traumatisierten Kern: „Heute ist mir klar, dass ich aufgrund meiner Herkunft in vielem angstgesteuert war und ich mich dementsprechend verhielt. Ich konnte mich immer nur vermittelt äußern.“ Damit spielt er auf seine jüdische Identität an – und die Tatsache, dass er, seine jüdische Mutter und sein katholischer Vater den Nationalsozialismus nur durch Zufall überlebten. Sein Großvater mütterlicherseits, Robert Gumpert, wurde 1942 in Theresienstadt ermordet.

Vor diesem Hintergrund erscheint Kuhnerts Entscheidung, sich „vermittelt“ etwa auch und vor allem durch Julius Posener zu artikulieren, umso zwingender. Mit dem Berliner Architekturhistoriker jüdischer Herkunft, dem die zionistische Bewegung das Leben rettete, machte er zwischen 1979 und 1983 insgesamt fünf ARCH+-Ausgaben. Ihr Verkaufserfolg legte die Basis für die ökonomische Unabhängigkeit des Magazins auch im Sinne eines Davon-leben Könnens, und 1983 wurde Kuhnert der erste bezahlte Redakteur des Blattes: „Posener hatte uns aus der linken Selbstisolation herausgeholt.“ Im hohen Alter fing Kuhnert noch an, Hebräisch zu lernen. Gerade heute, wenn der Antisemitismus wieder aus allen möglichen politischen Richtungen mit Macht in die Gesellschaft kriecht und antjüdische Straftaten weltweit explodieren, wäre sein Vermittlungsgenie dringender denn je vonnöten. Nikolaus, Du fehlst schon jetzt. Es war mir eine große Ehre.

 


Matthias Sauerbruch

Die Erweiterung des Horizonts

von Matthias Sauerbruch

 

Als ich am Ende der 70er Jahre mein Architekturstudium antrat, schien sich die Architekturszene in Berlin selbst außer Betrieb genommen zu haben. Wichtige Leitfiguren wie Ludwig Leo, Hardt-Walther Hämer hatten sich mehr oder weniger aus der aktiven Architekturpraxis zurückgezogen, O. M. Ungers hatte die Stadt im Zorn in Richtung USA verlassen, und die verbleibende Mehrheit der (ohnehin schwächelnden) West-Berliner Szene schien in der Introvision zu verharren.

Für mich kam die Befreiung von dieser bleiernen Zeit in Form eines DAAD-Stipendiums und dem Umzug zur AA. London schien wie ein Sehnsuchtsort, denn in der empiristisch-pragmatischen Tradition angelsächsischen Denkens erblühte zu der Zeit dort eine Vielzahl individueller „Theorien“: vom radikalen Historismus der Gebrüder Krier über die narrativen „storyboards“ von Koolhaas und Zenghelis oder technische Visionen von Cook und Herron, Salter und anderen bis hin zu den poetisch-formalen Obsessionen von Zaha Hadid oder Daniel Libeskind. Die Praxis (und die Gedanken) schienen befreit, und es herrschte Freude an der Diversität, dem intellektuellen Wettbewerb, an der Debatte und am geistigen Austausch.

In Berlin hatte ich nur wenige gefunden, die den intellektuellen Kahlschlag, der mit der „68-Revolution“ einhergegangen war, und die darauf folgende Armut in der Debatte mit der notwendigen Distanz sehen konnten. Nikolaus Kuhnert war mir seit meinen frühesten Berliner Studententagen ein Leuchtturm. Er zog den methodischen Zweifel affirmativen Glaubenssätzen vor. Er war ein leidenschaftlicher Denker und Autor, getrieben von großer Neugier auf alles Neue, Spekulative. Obwohl er offensichtlich dem kritischen Geist seiner Generation verpflichtet war, ging es ihm immer auch um die Erweiterung des Horizonts. ARCH+ begann ja als eine Sammlung von Artikeln, die aus internationalen Veröffentlichungen zusammengetragen, übersetzt und somit der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden waren. Es war der gelungene Versuch, Grenzen zu erweitern, neue Felder zu erschließen. Die Materialsammlung trat bald in den Hintergrund zugunsten eigener Essays und Recherchen sowie der konstruktiv-kritischen Betrachtung zeitgenössischer Praktiken. Die ARCH+-Hefte sind fast ausnahmslos noch heute Meilensteine der deutschen und internationalen Debatte. ARCH+ war ein Leitmedium auf dem Weg durch die Postmoderne, und die Redaktion lieferte die kritische Begleitung des Nachwendebooms und der damit einhergehenden opportunistischen Wende von der wohlfeilen Kapitalismuskritik zum willfährigen Neoliberalismus. Auch in der Dokumentation von Texten wie den Vorlesungen und Schriften von Julius Posener, Oswald Matthias Ungers, Bruno Taut oder etwa Klaus Heinrich hat sich ARCH+ außerordentlich verdient gemacht.

Wenn man Nikolaus traf, dann schien er immer in Gedanken; man hatte den Eindruck, dass er bereits das nächste Projekt im Kopf hatte, während er mit dir noch das letzte besprach. Er hatte sich der Sache total verschrieben (buchstäblich ohne Rücksicht auf Verluste) und mit seinem unabhängigen, inquisitiven Geist hat er um ARCH+ herum eine Gemeinde von interessierten und engagierten Menschen gesammelt, die heute den von ihm begründeten Geist replizieren und weitertragen. Philipp Oswalt, Angelika Schnell, Susanne Schindler und natürlich Anh-Linh Ngo seien genannt. Im Gegensatz zu Ungers, der auch im „Exil“ noch eine Jüngerschaft unterhielt, die in Berlin eine Art von Schule begründete, versuchen Nikolaus‘ Mentees, sich nicht als Ideologen zu verstehen, sondern sie wurden von der offenen, intelligenten und kritischen Denkweise angesteckt. Als wichtigster Kopf hinter ARCH+ hat Nikolaus Kuhnert die deutsche Architekturdebatte enorm bereichert. Wir sind ihm zu Dank verpflichtet und werden ihn sicherlich vermissen.

Susanne Schindler

Erinnerung an Nikolaus Kuhnert
von Susanne Schindler

 

Ich begann im Sommer 2001 die tägliche S-Bahn-Reise vom Hansa-Viertel nach Schlachtensee. Ich trat die Nachfolge von Angelika Schnell als Redakteurin in der Berliner Redaktion von ARCH+ an, mit und bei Nikolaus Kuhnert. 

Ich hatte einige Ausgaben der Bauwelt als Gastredakteurin mitverantwortet und vor meinem Architekturstudium an der UdK Berlin in den USA studiert: Das schien mich in Nikolaus‘ Augen für diese Aufgabe zu qualifizieren. Für mich war das Angebot spannend genug, um Büropraxis aufzuschieben und die transatlantischen Komplikationen meiner Beziehung mit Axel Kilian ein paar weitere Jahre zu ertragen.

Die von Angelika mitaufgegleiste Wittgenstein-Sobek-Ausgabe war in ihren letzten Zügen, die gelayouteten Seiten ausgebreitet auf dem Teppichboden, als die Nachricht der Flugzeuge, die in den New Yorker World Trade Center gesteuert wurden, von oben, aus dem Wohnzimmer, wo Nikolaus und Capers und ihre Kinder lebten, nach unten ins Souterrain drang.

Diese Momentaufnahme steht symbolisch für meine Zeit bei der ARCH+: das Ende der US-Vorherrschaft in der inhaltlichen Ausrichtung der Zeitschrift, die sich inmitten verstrickter beruflicher und persönlicher Welten vollzog. 

Eines meiner Ziele für die Zeitschrift war – lange vor jenem 11. September – sie loszulösen von der Idealisierung der amerikanischen Architekturtheorie und stattdessen hinzuschauen und -hören, was vor Ort passierte, sei es in Berlin, Hamburg oder Leipzig.

Dazu gehörte es, Nikolaus mit Autorinnen zusammenzubringen, deren Nachrichten auf dem Anrufbeantworter er sonst ignoriert und irgendwann gelöscht hätte, oder ihn auf partizipative Initiativen aufmerksam zu machen, die er vermutlich als naiv abgetan hätte. Im Gegenzug eröffnete er mir, etwa auf den Fahrten im roten Renault, die Vorgeschichte vermeintlich neuer Ideen. (Computer in der Architektur gab es schon in den 1960ern.) Oft ging es um die politischen Verflechtungen von Personen und Institutionen, mit denen wir es zu tun hatten. (Mein Interesse am West-Berliner Architekten Fritz Bornemann, über den ich parallel zu meiner Arbeit bei ARCH+ ein Buch herausgab, konnte er nicht verstehen. Er ordnete ihn dem Establishment zu.) 

Mit Nikolaus zu diskutieren, streiten, lachen, und dabei auch Deutsch zu lernen war fantastisch. „Malochen“ war das, was wir da im Souterrain machten. „Sauklaue!“, rief er, wenn er die eigene Handschrift nicht mehr lesen konnte.

Wir waren uns nicht immer einig, was ins nächste Heft kommen sollte. Nikolaus durchleuchtete Menschen stets in gleichem Maße intellektuell und emotional: Für ihn war die fachliche Leistung einer Person nicht zu trennen von ihrer Biografie. Wenn er jemandem misstraute, aus welchem Grund auch immer: keine Chance. 

Doch mit den beiden Ausgaben zu “Off-Architektur”, die  Ende 2003 erschienen, hatte ich das Gefühl, den Fokus der Redaktion etwas auf das Hier und Jetzt gerichtet und neuen Stimmen Gehör verschafft zu haben.

Zu diesem Zeitpunkt entschied ich, meiner transatlantischen Beziehung eine Chance zu geben und Berlin in Richtung USA zu verlassen. Zweieinhalb Jahre mit Nikolaus Hefte zu machen, hatten in mir das Vertrauen gefestigt, dass sich Theorie und Praxis, Berufliches und Persönliches verbinden lassen.

Dabei hatte Nikolaus ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen, auch zu mir. Ich glaube, es war ihm unklar, ob er das Fortbestehen meiner Beziehung mit Axel unterstützen wollte. Auf jeden Fall bekam ich zwischen Souterrain und Wohnzimmer immer wieder zu hören, dass Kinderkriegen nicht unendlich möglich sei. Oder ob er an einem feministischen Ideal der späten 1960er-Jahre festhielt, das er an starken, scheinbar selbstgewählt kinderlosen Frauen festmachte. 

Diese Ambivalenz äußerte sich auch in der räumlichen Distanz zu Mitherausgeberin Sabine Kraft, die in der Aachener Redaktion arbeitete. Sabine war konzeptionell und in der Geschäftsführung existenziell für ARCH+, und doch könnte man das Verhältnis zwischen den beiden bestenfalls als Sparringpartnerschaft beschreiben. Schirin-Taraz-Breinholt hatte in Aachen zeitgleich wie ich in Berlin als Redakteurin begonnen. Wir kamen uns oft vor wie Vermittlerinnen zwischen zerstrittenen Eltern.

Dieses Frühjahr habe ich Nikolaus zuletzt gesehen. Er war kurz zuvor von einem Krankenhausaufenthalt nach Hause zurückgekehrt. Er saß im Garten, allerdings nicht mehr unter der Pergola um die Ecke, sondern unmittelbar vor der Wohnzimmertür. Die grob gefaltete FAZ, eine halbleere Kaffeetasse und Zigaretten waren wie immer in greifbarer Nähe. Auch die Unterhaltung war wie vor zwanzig Jahren: Berufliches und Persönliches gingen fließend ineinander über. Fragen nach dem gerade erschienenen Buch wechselten ab mit Erkundungen nach Axel und den Kindern, dem Leben in den USA, dem Wohlergehen meiner Mutter. Alles war wie immer, nur etwas langsamer.

Es war allerdings das erste Mal, dass ich Nikolaus in Tränen erlebte. Er sprach von seinem Vater, seiner Mutter und deren Vater und den unmöglichen Entscheidungen, die sie im Nationalsozialismus  treffen mussten, aber ebenso nach Kriegsende. Es ging um Geschäftsverluste, Missverständnisse, Entfremdung. Die Tränen – so deute ich sie heute – waren aber nicht nur angesichts der Grausamkeit dieser Zeit. Sie flossen auch angesichts der Unmöglichkeit, an den Menschen, die uns geprägt haben, sowie an ihrem Wissen, das uns mit einer sonst nicht zugänglichen Vergangenheit verbindet, festzuhalten.

Als ich später vernahm, dass er sich im Krankenbett von Fanta und Falafel ernährte, musste ich lachen. Am Lachen werde ich festhalten. Und an den Tränen.

 


Martin Luce

Meine private Universität
von Martin Luce

 

Nikolaus Kuhnert war ein Türöffner. Mit seinem Kleinwagen fuhren wir gelegentlich kreuz und quer durch Berlin, um Persönlichkeiten zu treffen. Ich war gern dabei. Die Gespräche wurden für mich zu einer Art Initiation in die Berliner Architektur- und Kulturszene.

Während meines Wirkens in der Berliner Redaktion erlebte ich Nikolaus Kuhnert als das, was er für mehrere junge Menschen war, die an seiner Seite arbeiten durften: eine private Universität. Nikolaus war dabei ein geduldiger, wenn auch manchmal verschrobener Mentor. Er lehrte nicht explizit, sondern durch sein Beispiel: die Unbestechlichkeit des Urteils, die Treue zu den eigenen Prinzipien trotz aller Widrigkeiten. Dafür bin ich ihm dankbar.

In Folge eines Beitrags für den Wettbewerb „Shrinking Cities“ (Heft 173) startete ich bei ARCH+. Der erste Eindruck vom Redaktionskeller in Berlin-Zehlendorf war ernüchternd: muffig und dunkel. Konzentriertes Arbeiten zwischen klemmenden Regaltüren (verstopft durch Bücher), Artefakten und Zeitschriftenbergen war eine gewisse Herausforderung. Aber Nikolaus machte aus diesem Ort einen intellektuellen Kosmos, der meine tägliche Pendelei aus Kreuzberg zu einer Freude machte.

Die durch den Redaktionsstandort bedingte tägliche Begegnung mit der Familie Kuhnert und Nachbarn, die anlasslose Vermischung von Beruflichem und Privatem, habe ich sehr genossen. Wie vertrauensvoll die Umgebung war, merkte ich erst, als ich zu einem Familienfest in die Synagoge eingeladen wurde.

Mit der Teilnahme von ARCH+ am Zeitschriftenprojekt der Documenta 12 erfolgte für mich eine wichtige Phase, um die Geschichte der Zeitschrift tiefgreifender verstehen zu lernen. Nikolaus scribbelte dafür täglich die Querbeziehungen aller Hefte, Autoren und Diskurse auf Papier. So ergab sich über mehrere Monate ein morgendlich aufwühlender Monolog über wiederentdeckte Vergangenheitsfetzen und neue Zusammenhänge.

Die immerwährenden Diskussionen um die Zukunft der Zeitschrift gehörten zum Redaktionsalltag. Ich glaubte, dem Verlag mehr wirtschaftliche Stabilität verschaffen zu können. Nikolaus ließ gewähren, auch wenn seine Skepsis gegenüber dem ökonomischen Optimismus der Jüngeren unübersehbar war. Mein Scheitern zeigte sich im Kleinen in folgender Situation: Ich hatte für Nikolaus ein Flugticket gebucht für die Rückreise Venedig-Berlin. Als wir einchecken wollen, stellt sich heraus, dass ich sein Ticket für das falsche Jahr gebucht hatte – das vermeintlich günstigere. Nikolaus hat auf eigene Kosten ein überteuertes Ticket nachgekauft, und kein Wort über mein Missgeschick mehr verloren. Das Nächste, was er sagte, handelte bereits wieder von Architektur.


Christian Berkes

Erinnerung in Cover und Körper
von Christian Berkes

 

Mit viel Dankbarkeit und etwas Wehmut erinnere ich mich an meine Zeit in der ARCH+ Redaktion in den Jahren zwischen 2008 und 2010. Sie befand sich damals noch in Nikolaus’ Elternhaus in Zehlendorf, bevor das Berliner Team über den Zwischenstopp in den KW in die Gewerbebaugruppe am ehemaligen Blumengroßmarkt zog.

Bereits einige Zeit vorher war ich der Zeitschrift ARCH+ begegnet. Das Projekt Shrinking Cities mit dem kribbelbunten Cover war ein Ausgangspunkt meines ersten Diploms in Kassel bei Philipp Oswalt. Auf der documenta 12, in der von ARCH+ kuratierten Ausstellung The Making of Your Magazines, konnte ich selbst heften, stempeln und falten (Clip, Stamp, Fold hieß der Beitrag von Beatriz Colomina zur Geschichte der Kleinen Zeitschriften der 1960er-70er Jahre). Die zugehörige apricotfarbene Ausgabe – mit der liegenden, praktisch nackten Frau ohne Gesicht („Great American Nude“ von Tom Wesselmann von 1966) – lag auf dem WG-Schreibtisch, als ich mich bewarb. 

Bis heute hängt neben dem Küchentisch meiner Eltern in Thüringen die kleine Postkarte mit dem Motiv der Ausgabe Stadtarchitektur São Paulo. Ein dynamischer Körper, der sich schattenrissartig unter einer Autobahnbrücke in seinen Schlag lehnt. Im Rahmen der Urban Age Südamerika-Konferenz im Jahr 2008 haben wir als Redaktionsteam diese Boxschule und viele andere Gebäude und Orte in São Paulo besucht. Hier und da mussten wir auf Nikolaus und Dieter Läpple warten. Beide kamen an keiner Süßigkeit vorbei. Der Fotograf Tuca Vieira erzählte uns von seinen Vorfahren und führte uns zu einem Marktstand. Dort wurden verschiedene Sorten frischen Tabaks zu dicken Rollen gewickelt. Es roch süßlich nach Palmenblättern. Nikolaus und Ernst Gruber entlockte dies eine wunderbar ansteckende, kindliche Freude. Kurz darauf entschied sich Nikolaus, noch einmal umzukehren, um seiner Tochter eine dieser riesigen, bunt glänzenden Comic-Taschen mitzubringen.

Mit der gelben Ausgabe Entwurfsmuster bin ich bei der ARCH+ angekommen. Auf ihr ist eine Figur zu sehen, die am ganzen Körper ornamenthaft tätowiert ist. Im Nachhinein wurde dieser Figur die Scham übermalt. Nikolaus räumte mir viel Freiheit in der redaktionellen Arbeit an dieser Ausgabe ein. Nicht nur, um an Artikeln zu arbeiten, aber auch, um solche Zusammenhänge zwischen Architektur, Körper und Sexualität besser nachvollziehen und verstehen zu lernen. Es war die Zeit, als Meiré und Meiré gerade die Neugestaltung der ARCH+ verantworteten, den fetten Schriftzug mit Pluszeichen sowie die Futura zurückholten und stark auf flächige, collageartige, körperhafte Covermotive setzten.

Vielleicht rührt es auch daher, dass meine Erinnerungen an Nikolaus zuerst Erinnerungen an einen Menschen, seinen Körper und an Bewegungen im Denken und im Raum sind. Nach meinem (sicher schüchternen) Vorstellungsgespräch brachte mich Nikolaus im Auto zum S-Bahnhof Mexikoplatz – dorthin, wo es den besonders guten Kaffee gab. Diesen großen Körper in diesem kleinen, klapprigen Auto sitzen zu sehen, war an sich schon unterhaltsam und gab dem gut situierten Zehlendorf einen angenehmen Schuss Pragmatismus.

Das Auto war ihm lieber, aber wenn wir denn mal zum Essen liefen oder bei anderen Gelegenheiten zu Fuß unterwegs waren, dann war sein Gang meist leicht stockend. Man könnte auch sagen: tapsend; eine kleine Verzögerung erweckte den Eindruck, als ob er bei jedem neuen Schritt erst bestimmen muss, wie es weitergeht. Seine Präsenz war insgesamt von einer sympathischen Ruppigkeit durchzogen. Die wehenden weißen Haare strich er oft hastig zwischen dem Ziehen an der Zigarette zurück. Das erschien mir immer als eine funktionale Geste, fast so wie andere Personen „äh“ als Füllwort einfügen. Es könnte aber auch ein kurzer Moment zur Prüfung der eigenen Gedanken gewesen sein. Dass ihm dieser Gestus eine gewisse Ausstrahlung verlieh, war ihm sicher bewusst. Wenn er rauchte, dann knisterte es förmlich. Die Finger und der stopplige Schnauzbart waren leicht vergilbt. Das Einziehen und Ausstoßen des Rauches wurde von einem trocken schmatzenden Geräusch begleitet. Mit Daumen und Ringfinger griff er zwischendurch kurz an seine Zunge, um kleine Tabakreste zu entfernen. Er rauchte seine Zigaretten ohne Filter, die Glimmstängel wurden vor dem Anzünden leicht auf die Schachtel geklopft.

So stand er dann in der Außentür des kleinen, dunklen Souterrain-Büros, das er sich mit Anh-Linh teilte. Mit Cappuccino und Zigarette. Traf man ihn dort an, bot das eine gute Gelegenheit, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Einmal nahm er mich mit rüber zum schwarzen Regal, wo die alten ARCH+ Ausgaben lagerten, kramte, zog ein Heft heraus und erklärte mir, wie sie früher die Zeitschrift aufgebaut, zusammengeschnipselt, geklebt und kopiert hatten. Ein für mich kaum mehr vorstellbarer physischer Aufwand. Gleichzeitig wachte hier ein tiefes Erfahrungswissen, wenn es um grafische Zusammenhänge, räumlich-konzeptuelle Verknüpfungen und verlegerische Grundsätze ging. Dieses Wissen ließ Nikolaus immer in die Gestaltung der Ausgaben einfließen, besonders auch in das Design der Cover. Ich begriff langsam, dass die Cover keine bloßen Abbildungen sein sollten, sondern noch vor der ersten gelesenen Zeile den Auftakt einer komplexen (architektur-)theoretischen Erzählung markierten.

Das typografische Cover der ersten siebenundzwanzig Ausgaben sollte mit dem Heft Istanbul wird Grün unvorhergesehen zurückkehren. Es gab eine intensive Diskussion in der Redaktion um das bereits gedruckte, grau irisierende Cover, das ein Bild Erdoğans (auf dem Bild noch Bürgermeister Istanbuls) mit grün eingefärbter türkischer Nationalflagge zeigen sollte – was rechtliche Folgen hätte haben können. Um der verlegerischen Verantwortung gerecht zu werden, die Kritik an der politischen Instrumentalisierung der Religion durch Erdoğan trotzdem zu äußern und die (türkischstämmigen) Mitarbeitenden zu schützen, wurde es im letzten Moment zurückgezogen. Man entschied sich für ein rein typografisches, mattgraues Cover-Zitat und markierte damit gleichsam aktiv eine Einschränkung. Das führte damals zu keiner öffentlichen Diskussion, steht für mich aber bis heute beispielhaft für das große Themenbewusstsein und Feingefühl, mit dem die Redaktion politische Herausforderungen annimmt.

Und all dies geschah aus diesem dunklen Untergeschoss heraus, wo Nikolaus an seinem mit Artikeln, Notizen, Büchern und Zeitschriften übervollen Schreibtisch selbst wie ein glänzender Fels im rauschenden Strom der Zeit saß. Er war immer für einen Verweis, eine Parallele oder ein Zitat gut. Manchmal konnte das zunächst beliebig wirken, bis man die Zusammenhänge verstand und die Größe des inneren Spiegels erahnte, in den Nikolaus blickte. Seine Arbeit an Texten, Darstellungen, Gesprächen, Bildern und Verknüpfungen war immer auch eine Arbeit an einer inneren Erklärung und Verortung. Diese Arbeit hatte etwas sehr Körperliches und beinahe Handwerkliches. Das wurde mir klar, als ich seine bildlichen Entwürfe für die Heftlayouts sah. Sein zeichnerisches Durcharbeiten von Texten habe ich mir abgeschaut. Er scheute nie davor zurück, in Texte hineinzuschreiben, Wichtiges zu unterstreichen oder über Seiten hinweg Bezüge per Kulistrich herauszustellen. Diese handschriftliche Form des Denkens und Bewertens findet sich passenderweise auch auf dem Cover der Ausgabe Haus der Zukunft mit den IBA-Hamburg-Wettbewerben wieder.

Nikolaus war die prägendste Person meines frühen Berufslebens, und die ARCH+ führte mir zum ersten Mal eine Form des Arbeitens vor Augen, die ich mir auch für mich vorstellen konnte. Dazu gehörten in dieser Zeit neben Nikolaus natürlich auch Anh-Linh und die anderen Kolleg*innen: Anna Birkefeld, Cornelia Escher, Ernst Gruber, Carolin Kleist, Anne Kockelkorn, Christina Lenart, Elizaveta Mosina und Nicole Opel. Wir saßen in unterschiedlichen Konstellationen zusammen in diesem offenen Raum im EG, direkt neben der kleinen Küche. Wenn Nikolaus hinaufkam, um sich an der Kapselmaschine einen Kaffee zu machen, konnte man sich zwischen Tür und Angel – siehe Schwellenatlas – kurz den Poststrukturalismus zusammenfassen lassen. Ich habe das geliebt, weil Nikolaus solche Interessen immer bedingungslos aufgriff. Er positionierte sich fragend, erzählend und neugierig, nie voraussetzend, prüfend oder kleinmachend.

Mit seiner ungefragten Direktheit konnte er Menschen auch vor den Kopf stoßen, oder irgendein Thema stieß bei ihm auf Desinteresse. Aber man konnte sich immer sicher sein, dass er aus seinem Wissen, seinem Unwissen und seinem Desinteresse keinen Hehl machte. Er war ein großartiger Lehrer und ein intellektuelles Vorbild, vielleicht ohne es sein zu wollen. Ich glaube, dass das Erklären ihm auch deshalb entgegenkam, weil er damit sozial sein konnte, ohne privat werden zu müssen. Denn er zeigte sich selbstverständlich aufgeklärt, aber ich denke, dass es ihm nicht immer leichtfiel, Privates zu teilen – abgesehen von seinem Haus, in dem wir alle saßen! Vor der Garage spielte ich mit seinem kleinen Sohn. Im Wohnzimmer stießen wir mit seiner Frau Capers auf die Wahl Barack Obamas an. Rückblickend bewundere ich genau diese räumliche Selbstverständlichkeit sehr und kann kaum fassen, wie cool es eigentlich war, dort mit dem Duo Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo am Projekt ARCH+ zu arbeiten. Eure Haltungen, Denkformen und Kritikverständnisse bleiben für mich formativ – darin, wie ich meinen Verlag ausrichte, wie ich als Editor mit Texten und Autor*innen umgehe, wie ich theoretische Fragen und gestalterische Aufgaben bearbeite und wie ich als Teamleiter und Lehrer an der Hochschule auftrete.

Mit Nikolaus haben wir einen klugen, eigenwilligen und liebenswürdigen Menschen verloren. Das macht mich traurig, und ich bin in Gedanken bei seiner Familie.

Intellektuelle Unabhängigkeit war eine Frage des Überlebens

Die Reise zur ARCH+-Redaktion in Zehlendorf fühlte sich jedes Mal wie ein Stück Nach-Hause kommen an. Das Einfamilienhaus in den grünen Vororten Westberlins, die Details der freundlich brutalistischen Wohnarchitektur aus den 1950er-Jahren, die Kacheln und Glasbausteine waren mir ebenso vertraut wie das bilderstürmende Selbstverständnis der 1968er-Generation: Eine Elterngeneration, die von den Konflikten und der Gewalt der Nachkriegszeit in das Selbstvertrauen der Boomjahre hineingewachsen waren. Tatsächlich beantwortete Nikolaus auf einer privaten Party der 2000er-Jahren die Frage, wer er denn sei, mit einem lapidaren: „Ich bin der Großvater.“ 
Die erste Begegnung mit Nikolaus war jedoch von Misstrauen geprägt:  Mit meinem Abschluss von der Ostberliner Kunsthochschule Weißensee konnte er genauso wenig anfangen wie mit dem assoziativen Zugang zur Architektur, den ich von dort mitbrachte. Meine Mitarbeit bei Bauwelt und Baunetz konnten diese scheinbare Ausbildungslücke aus seiner Sicht nicht schließen. 
Im Zehlendorfer Keller wendete sich das Blatt. In der ARCH+ typischen Intensität der kritischen Auseinandersetzung um Architektur, dem immer wieder neuen Umdrehen von Heftkonzepten entstand ein Dialog, der angetrieben war von Nikolaus’ enzyklopädischem Wissen um deutsche Architekturdebatten seit den 1970er-Jahren. Lesen war wie Atmen. Nikolaus Anspruch, sich intellektuell und materiell anzueignen, was für ein Thema relevant sein könnte, erklärte die überquellenden Regale, deren Ordnung sich nur ihm selber erschloss. 
Mit Blick auf wackelige Bücherstapel erzählte er von der ärgerlichen Eigenschaft Werner Oechslins, wenn dieser vor ihm durch Antiquariate gejagt und nur noch Restposten übrig gelassen habe. Das Rennen um den Wissensvorsprung war von ungebremster Neugier angetrieben, die Bedingungen egal welchen Themas zu verstehen: sei es die Digitalisierung von Entwurfs- und Bauprozess oder die urbanen Transformationen von Megastädten wie Mumbai und Sao Paulo. 
Zugleich ging es darum, mit einem Denken über Architektur als Kulturprojekt denselben über die Profession hinausreichenden Einfluss wie die Kulturzeitschrift Lettre International zu erreichen. Intellektuelle Unabhängigkeit war eine Frage des Überlebens: auf ihr gründete sich Nikolaus’ Freude, Konventionen, Hierarchien und ökonomische Notwendigkeiten zu ignorieren, wie etwa die Begrüßung von Heft-Sponsoren mit einem vom Kinderfüttern joghurtverschmierten T-Shirt. 
Zwei Jahre später war meine Zeit bei der ARCH+ zu Ende: Kurz vor Abflug nach Sao Paulo zusammen mit der Redaktion erhielt ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch für eine Assistenz am gta der ETH Zürich, dem Architekturtheorie-Lehrstuhl von Laurent Stalder. Dass das eine wichtige Perspektive bieten würde, war Nikolaus klar, und er sprang in die Rolle des Coachs. „Du brauchst ein Thema“. Er schlug Shadrach Woods’ Systemdenken sozialer Relationen vor, stellte einen Stapel Bücher auf den Tisch, erzählte mir einen Abend lang vom Scheitern der Mailänder Triennale von 1968, und wie sich aus beidem zusammengenommen eine Diss konstruieren ließe. 
Tatsächlich klappte es mit der Züricher Stelle. Das Selbstvertrauen dafür nahm ich auch aus dem Zehlendorfer Keller mit. Ich promovierte jedoch nicht über Shadrach Woods, sondern über die Pariser Wohnungsbauten Bofills, was für Nikolaus, den Diskurstreiber, unverständlich blieb. Erst als sich Jahre später die Wut über den Verrat der Postmoderne langsam in Rauch auflöste, wurde die Frage nach der Monumentalisierung des Wohnungsbaus im Zusammenspiel mit dem In-Frage-Stellen der Kleinfamilie als Thema akzeptabel. 
Als ich Nikolaus zum letzten Mal Ende Juli dieses Jahres traf, waren Nähe, Neugier und Anteilnahme sofort wieder da. Er wollte alles genau wissen. Ich erzählte ihm von meinem Forschungsvorhaben des genossenschaftlichen Wohnungsbaus in der longue durée, woraufhin er an Fernand Braudel erinnert werden wollte. Als ich die schwierige Rolle des Architekturprojekts im Wohnungsbaudiskurs unter Geographen und Soziologen erwähnte, empfahl er mir, Tafuris‘ Buch über das Rote Wien zu lesen. Dann monierte er das späte Kommen: „Lange her, dass du das letzte Mal da warst.“ 
Im Vorfeld hatte mich seine Frau Capers gebeten, ihm eine Packung Pall Mall mitzubringen – die normalen, nicht die light. Geraucht hat er am Ende nicht, aber der Abschied war vergnügt: „Viel Glück mit dem Roten Wien“ und: „Alle Chancen für Dich!“ Was bleibt sind seine Lebendigkeit und Neugier, sind Aufmerksamkeit und die Suche nach Wissen, gepaart mit Zerstörungslust, wo Überkommenes im Weg lag. Was bleibt, ist die ambivalente Hoffnung der Moderne: Mit der Kraft der Architektur, in ihrer Rolle als Kulturprojekt, eine Verbesserung der Verhältnisse zu erreichen.

Ausgewählte Nachrufe, die in anderen Publikationen und Plattformen erschienen sind, sind hier verlinkt.

Claas Gefroi

Liebes Redaktionsteam der ARCH+,
 
ich möchte Euch mein Beileid aussprechen angesichts des Todes von Nikolaus Kuhnert. Ich weiß, dass sein geistiges und publizistisches Erbe bei Euch in guten Händen ist und freue mich darüber, dass Ihr es auf so kluge Weise in die Zukunft führt. Ich habe auf meinen Social-Media-Kanälen bei Facebook und Bluesky ein paar Zeilen geschrieben, die ich Euch auf diesem Wege zukommen lassen möchte:
 
Nikolaus Kuhnert, der langjährige, prägende Redakteur, Autor und Mitherausgeber der ARCH+, ist tot. Ich habe ihn 2003 kennengelernt, als ich mit vielen anderen Aktivisten zu einer Konferenz über Off-Architektur eingeladen wurde. Ich habe ihn dort und auch später erlebt als einen immer unglaublich neugierigen, reflektierten und politischen Journalisten, der das Denken und Schreiben über Architektur und Stadt auf höchstem Niveau betrieb und dem vor allem die soziale und gesellschaftliche Dimension von Planung unglaublich wichtig war. Und diese gesellschaftliche Relevanz und politische Dimension von Architektur, Stadtplanung, Urbanismus ist vor allem auch durch ihn das prägende Thema der ARCH+ geworden. Seine Haltung, dass Planung etwas für die (für alle!) Menschen tun muss, das mehr ist als Räume zur Aufbewahrung zu schaffen, ist heute, in Zeiten der Wiederkehr eines sinnentleerten Bauwirtschaftsfunktionalismus einerseits und einer reaktionären Zurück-zur-Stadt-des-19.-Jahrhundert-Ideologie, vollständig marginalisiert und dennoch notwendiger und relevanter denn je. Und deshalb fehlt Nikolaus Kuhnert schon jetzt sehr. Adieu und Danke für alles.
 
Herzliche Grüße
 
Claas Gefroi

 


Stephan Becker & Gregor Harbusch

Der Unabhängige

von Stephan Becker und Gregor Harbusch

 

„Seine beeindruckende Lebensleistung besteht jedoch nicht nur darin, über Jahrzehnte hinweg unter oft schwierigen ökonomischen Bedingungen eine theorieorientierte Zeitschrift publiziert zu haben. Sondern auch, immer neuen Generationen von Student*innen immer wieder neue Räume für ein kritisches Denken über Architektur und Stadt eröffnet zu haben. Kritik war für ihn kein Buzzword, Theorie kein selbstverliebtes Nachdenken im Elfenbeinturm, was ihn antrieb war ein echtes Interesse an den Dingen.“

Den ausführlichen Nachruf der beiden ehemaligen Mitarbeiter von ARCH+ können Sie auf BauNetz nachlesen.

 

Wolfgang Bachmann

Ein Nachruf 

von Wolfgang Bachmann

 

„Die Erscheinungsweise ist mir eher als unregelmäßig in Erinnerung. ARCH+ kam, wenn es etwas zu einem Thema zu sagen gab. Viele Hefte galten sofort als politisches Dossier der laufenden Ereignisse. Sie diskutierten das Planen, Bauen und Wohnen in einem größeren Kontext. Wir Redakteure bei der „Konkurrenz“ verfolgten diese journalistische Ambition mit einer Mischung aus Kollegenneid und der Genugtuung, dass wir uns selbst nicht mehr um diese Inhalte zu kümmern brauchten, weil das der Verlagsleitung und der Anzeigenakquise nicht gefallen hätte.“

 

Den ganzen Nachruf auf Marlowes lesen

 

Bart Lootsma

Eine Würdigung 

von Bart Lootsma

 

Jetzt ist Nikolaus Kuhnert gestorben. Anh-Linh Ngo hat einen sehr schönen Nachruf geschrieben, dessen Bedeutung eigentlich die eines Nachrufs übersteigt. Und das ist auch richtig. Nikolaus Kuhnert war einer der einzigartigsten und bedeutendsten Architekturkritiker und -Herausgeber der letzten Jahrzehnte. Wer mit dem Herausgeben von Architekturzeitschriften vertraut ist, versteht, was das bedeutet. Deutsch ist vielleicht die meistverbreitete Sprache in Europa, trotzdem ist das Sprachgebiet sehr klein, um eine Architekturzeitschrift funktionieren zu lassen. Dass ARCH+ dann auch noch eine radikal unabhängige und kritische Zeitschrift ist, mit einer inhaltlichen Tiefe, die weltweit auch in Englisch kaum zu finden ist – nur vielleicht bei kleineren Zeitschriften, die nur ein paar Jahre existieren – ist eine unglaubliche Leistung. Ich bin froh, dass ich Nikolaus noch kennengelernt habe und auch mehrmals in dem merkwürdigen, finsteren, fast unterirdischen Redaktionslokal mit ihm war, zugebaut mit Bücherregalen. In dem Haus, das gebaut wurde als Kompensation für das, was seine Familie im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Da haben wir dann draußen geraucht und geredet. Aber in diesem Keller kamen die ganzen großen Debatten der Welt zusammen und wurden zusammengefasst für die deutschsprachige Welt. Für mich – und das ist für mich als international agierender Niederländer (meine Art, unabhängig zu bleiben) leichter zu sagen als für die, die ARCH+ fast selbstverständlich vom Studium an im deutschen Kontext wahrnehmen – ist Nikolaus Kuhnert einer der absolut Großen. Und gleichzeitig einer der normalsten und menschlichsten. Ich bin aber auch froh, dass gerade Anh-Linh Ngo ARCH+ weiterführt, inhaltlich und geschäftlich. Das bleibt eine Riesenleistung, und das kann nicht genug betont werden. Bitte unbedingt lesen – die Zeitschrift und den Nachruf.

Der Text erschien am 21.8.2025 auf Facebook

 


Eduard Kögel

Architekturkritik als Werkzeug
von Eduard Kögel

 

„Die Schwerpunkte der in der Arch+ geführten Debatten machen in der Rückschau deutlich, dass die Redaktion kontinuierlich immer wieder scheinbar randständige Themen, Personen und Aspekte einer sich ändernden Berufspraxis in den Fokus rückte und damit die Debatte über den Tellerrand der engen Fachgemeinde hinaustrug. Nikolaus Kuhnert und die Arch+ waren damit oft etwas vor der Zeit und warfen dabei wichtige Fragen auf, die den Kern des kulturellen Selbstverständnisses betrafen und in die gesamte Gesellschaft wirkten.“

Der Nachruf erschien auf german-architects.com


Anh-Linh Ngo / taz

Architekt und Aufklärer
von Anh-Linh Ngo

 

„Besonders streitbar trat Kuhnert in den 1990er-Jahren auf, als nach der Wiedervereinigung in Berlin über die Baupolitik gestritten wurde. Hans Stimmanns „kritische Rekonstruktion“ und seine Hinwendung zum Neohistorismus kritisierte er als gefährliche Geschichtsklitterung: ästhetisch rückwärtsgewandt, politisch identitär aufgeladen, ökonomisch nützlich für die Finanzialisierung der Stadt.“

Der Nachruf erschien in der taz vom 27.8.2025


Marietta Schwarz

Architektur als soziales und politisches Anliegen
von von Mariette Schwarz / Anh-Linh Ngo

 

„Marietta Schwarz: Ich kann mich erinnern, dass ich Sie ab 2004 eigentlich bei jeder Berliner Architekturveranstaltung, auf der ich war, in der Nähe von Nikolaus Kuhnert gesehen habe. Und Sie haben ja auch einmal in einem Essay in der ARCH+ geschrieben, dass es ein unsichtbares Band zwischen Ihnen gab, das Sie zusammenhielt, obwohl Sie doch so unterschiedlich waren. Können Sie dazu noch etwas sagen – was machte diese Kollegenschaft aus?

Anh-Linh Ngo: Ich glaube, das war eine bestimmte emotionale Nähe, ohne dass wir jetzt kumpelhaft gewesen wären. Das sind wir beide vom Charakter her nicht. Diese Nähe ergab sich vielmehr aus dem gegenseitigen Verständnis, das wir durch die enge Zusammenarbeit entwickelt hatten. Und nachdem ich von seiner Kindheit gehört hatte, davon, wie er die NS-Zeit überlebt hat und wie ihn das geprägt hat … Er beschrieb das auch als eine Übersensibilisierung für die eigene Umgebung. Etwas fast Idiosynkratisches, würde ich sagen: dass man immer auf der Hut war, immer Gefahr sah. Und diese Sensibilität hat dazu geführt, dass er auch die Architekturdebatte ganz anders gesehen hat.
Und bei mir war das ähnlich. Ich bin als Flüchtlingskind, als Boatpeople, damals nach dem Vietnamkrieg nach Deutschland gekommen und wäre beinahe im Südchinesischen Meer ertrunken. Und irgendwie hat uns das verbunden – dieses Wissen darum, was es heißt, für etwas einzustehen. Und auch, was es bedeutet, wenn die Demokratie als Grundlage unserer Gesellschaft bedroht ist. Denn dann geht es letztlich auch darum, dass unser Leben bedroht ist. Und das ist etwas, das man im Persönlichen fast körperlich gespürt haben muss, um es wirklich nachvollziehen zu können.“

Auszug aus dem Radiointerview, das am 21.8.2025 in Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt wurde.