Vorlesung I (Montag, 30. Oktober 1978)
Was ist noch präsent von dem Stoff, mit dem wir uns im vergangenen Semester befasst hatten, nämlich den Schinkel’schen Architekturen und Architekturentwürfen und Architekturfantasien? Was ist noch präsent vom Klassizismus der Schinkelzeit? Diese Frage ist keine uns kunsthistorisch interessierende, sondern sie steht auf einem bitteren Hintergrund: Die klassizistische Utopie der Ästhetisierung des Lebens als eine Dimension der Lebensrettung bzw. Lebensreform ist in einer unerwarteten und jedenfalls vom Klassizismus so nicht gewollten und doch mit ihm immer wieder in Verbindung zu bringenden Weise eingelöst worden, insofern die Ästhetisierung nicht mehr nur Architekturfantasie war, sondern als Totalveranstaltung des Lebens im NS mit einem Mal die entscheidende Manipulationsdimension geworden ist.