Vorlesung IV (Montag, 20. November 1978)
In der Diskussion über die Zweideutigkeiten des Klassizismus sind wir den Spuren Piranesis gefolgt, ohne den sich einerseits sehr viel von dem, was wir heute Klassizismus nennen, nicht denken lässt, der andererseits zu seiner Zeit als Anti-Winckelmann, dem Theoretiker des europäischen Klassizismus, aufgenommen wurde. Grund genug für uns, nach der substanziellen Differenz zu fragen. Ein weiterer Grund, sich mit Piranesi zu beschäftigen ist, dass er heute für viele sehr modern anmutet, der Rückgriff auf ihn sozusagen auch eine visuelle Aktualität besitzt. Er gilt als Prototyp für die Zerrissenheit des Artisten und seine Carceri d’invenzione als realistische Schilderungen der Psyche – realistischere Schilderungen als die Umrisszeichnungen des Klassizismus, in denen die Reinheit oder das Nichts betont werden. Ich hoffe, wir werden sehen, dass Piranesi uns die Fragen an den Klassizismus deutlicher stellen hilft, nicht nur nach seinen Zweideutigkeiten, sondern nach der klassizistischen Willfährigkeit, nach der Schwäche der klassizistischen Utopie.