Vorlesung X (Montag, 15. Januar 1979)
Wir sind mitten in der Verhandlung des Zivilisationsbegriffs und seiner Darstellung bei Piranesi einerseits und andererseits der Interpretation von Kunst und Kunstwerken in ihrem Verhältnis zur Natur, die von der klassizistischen deutschen Tradition in einer Geschmackssphäre angesiedelt wird. Beide ästhetische Grundschriften Immanuel Kants – Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen und Kritik der Urteilskraft – gehen in ihrer Theorie von den Geschmacksurteilen und dem Gefühl des Schönen und Erhabenen bereits auf Urteile Johann Joachim Winckelmanns zurück, die rasend schnell zu Allgemeinplätzen geworden sind. Wenn bei Kant das Problem der Kritik der Urteilskraft, soweit sie das Schöne und das Erhabene betrifft, eines des Geschmacksurteils ist, ist es gar nicht von Winckelmanns Geschmacksbegriff der Kunst getrennt zu denken. Winckelmanns berühmte kleine Schrift, mit der er Weltruhm erlangte, nämlich die Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, beginnt lapidar mit den Worten „Der gute Geschmack“: