Vorlesung V (Montag, 27. November 1978)
Ich möchte in dieser und der nächsten Stunde den Piranesi-Winckelmann-Vergleich fortsetzen, und zwar unter den Fragestellungen, die wir das letzte Mal schon anhand des unterschiedlichen Substanzbegriffes der beiden aufgeworfen hatten. Der Winckelmann’sche Substanzbegriff war mit Naturbildern, insbesondere des Meeres verknüpft. Obschon in der Geschichte der Kunst des Altertums sehr viel von Wuchs oder Gewächs die Rede ist, vegetative Gebilde in den Sprachfiguren eine große Rolle spielen, so ist dort, wenn Winckelmann auf das Schöne in der Kunst oder die Wirkung, die die Kunst macht, und überhaupt die Griechen zu sprechen kommt, immer das Bild des Meeres, der Meerestiefe, der Meeresfläche, des ruhigen Meeres – also einer anorganisch-lebendigen Substanz – für seine Vorstellung entscheidend.