Vorlesung VIII (Montag, 18. Dezember 1978)
In der heutigen Stunde will ich ein Stück weit den Begriff des Erhabenen einführen, den ich bis jetzt gebraucht hatte, ohne ihn näher zu bestimmen oder ihn von dem des Schönen zu unterscheiden. Man könnte versucht sein zu sagen, dass Johann Joachim Winckelmann das Schöne und Piranesi das Erhabene ausgearbeitet hätten. So simpel ist es natürlich nicht. Trotzdem steht fest, dass Winckelmanns berühmte Schrift über die Geschichte der Kunst des Altertums, also sein Hauptwerk, als eine Ausarbeitung des Kanons der Schönheit – genauer gesagt der von den griechischen Antiken zu lernenden Schönheit – weitergewirkt hat. Auf der anderen Seite hat – unter bestimmten Voraussetzungen, die wir uns nachher noch näher anschauen wollen – nichts so sehr die bildliche Anschauung des Erhabenen geprägt wie Piranesis Veduten von Rom.