Vorlesung III (Montag, 13. November 1978)
Ich hatte das letzte Mal gesagt, dass wir für die Architektur eine zusammenfassende Formel noch nicht gefunden haben – wie wir etwa in Bezug auf die Musik von der Wiedereinsetzung des Triebwesens in der italienischen Oper gesprochen haben, von der Wiederauferstehung des Fleisches in der Malerei seit der Renaissance oder von der Gattungsstimme des Artisten als Opfer in der Lyrik. Wir haben bis jetzt eine solche Formel noch nicht bestimmt; wir stehen noch immer in der Schwebe zwischen der Totalveranstaltung des NS einerseits, der liberal-bürgerlichen lebensreformerischen Veranstaltung des durch Karl Friedrich Schinkel verkörperten preußisch-berlinischen Klassizismus andererseits und dem, was über Friedrich Gilly auf Schinkel gewirkt hat, das jedoch eine viel unmittelbarere Wirkung auf die NS-Architektur zu haben schien als in der Transformation durch die Schinkel’sche Klassik, nämlich der französischen Revolutionsarchitektur. Anlässlich dieser Erkenntnis wollten wir auf ein gemeinsames Drittes für Schinkel und jene Gattungsarchitektur – die sogenannte französische Revolutionsarchitektur – zurückgehen, nämlich auf Piranesi, wobei Piranesi wie ein Nadelöhr ist, durch das die bisherige Bautradition hindurchgeht, obschon er selber so gut wie nichts gebaut hat – bis auf den Umbau für Santa Maria del Priorato auf dem Aventin.