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Ein leerstehender Konsum aus DDR-Zeiten wird in Sundhausen Stück für Stück zum neuen Landzentrum. / © Sto-Stiftung
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„Das hässliches Entlein im Dorf“ – Ein Besuch in Sundhausen Teil 2

Ein leerstehender Konsum aus DDR-Zeiten im thüringischen Dorf Sundhausen wird im Rahmen eines Design-Build-Projektes von Studierenden unter der Leitung von Ralf Pasel zur neuen Ortsmitte umgenutzt. Über die praxisorientierten Workshops – die Bauhütten – und die Entwicklung der Design-Build-Bewegung sprach er mit ARCH+ Redakteur Sascha Kellermann.

Sascha Kellermann: Herr Pasel, Sie sind Architekt, lehren als Professor an der TU Berlin und gleichzeitig sind Sie als Stiftungsrat bei der Sto-Stiftung für Architektur zuständig. Wie ist das Design-Build-Projekt „LEERGUT“ in Sundhausen zustande gekommen?

Ralf Pasel: Zu diesem Projekt kam es über die Kontakte und Netzwerke in den umliegenden Dörfern. Wir sind in der Gegend Seltenrain mit unserem Büro PASEL-K Architects schon seit mehreren Jahren aktiv und arbeiten im Kontext der IBA-Thüringen an den sogenannten Gesundheitskiosken, einer sozialen Infrastruktur für die ganze Region. Und auch hier in Sundhausen soll ein kleiner gemeinschaftlicher Sozialraum entstehen, der von der Dorfkämmerin für Sprechstunden genutzt werden kann – also eine Art Schnittstelle zwischen Hausarztpraxis und Treffpunkt für die zunehmend alternde Bevölkerung. Letztere leidet insbesondere in ländlichen Gegenden unter dem Problem der Einsamkeit. Deshalb müssen gemeinschaftliche, soziale Orte geschaffen werden, an denen Menschen in geselliger Weise zusammen kommen zu können.

 

SK: Warum haben Sie sich entschieden, speziell diesen leerstehenden Konsum umzunutzen?

RP: Wir haben festgestellt, dass wir nicht in allen Gemeinden einen Gesundheitskiosk errichten können, sondern dass es immer wieder Situationen gibt, wie hier in Sundhausen, wo es an zentraler Stelle im Ort Leerstand gibt, also genau dort, wo wir den Gesundheitskiosk planen würden. Es wäre schwer nachvollziehbar, wenn man nun einen Neubau gegenüber hinstellen würde. Doch wie lässt sich so ein leerstehendes Gebäude reaktivieren? Mit dem kleinen Budget eines Gesundheitskiosks wäre das gar nicht machbar. So kam die Idee auf, eine Kooperation mit meinem Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion an der TU Berlin ein Design-Build-Projekt zu entwickeln. In unserem Fachgebiet CODE betreiben wir die Design-Build-Projekte schon lange in ganz verschiedenen Kontexten und an ganz verschiedenen Orten der Welt, aber nun sind wir das erste Mal in Thüringen. Eine übergeordnete Forschungsfrage lautet stets: Wie kann man den Design-Build-Prozess und die gesammelten Erfahrungen in den hiesigen Kontext rückübertragen. Und dieses Projekt hat förmlich danach geschrien, diesen Gedanken umzusetzen. So ist ein wahres Lehrformat für die Studierenden, aber auch ein Lernformat für alle Beteiligten in dieser speziellen Akteurskonstellation dabei entstanden. Es geht letztlich nicht nur um den Gesundheitskiosk, sondern darum, den Bestand und den Ort zu reaktivieren.

 

SK: Wie sieht die spezielle Akteurskonstellation aus, auch in Abgrenzung zu anderen Projekten?

RP: Die Konstellation ist insofern speziell, dass zum einen die Kommune ganz direkt über den Bürgermeister und die Verwaltung involviert ist, aber auch verschiedene Akteure der Zivilgesellschaft wie Vereine und Stiftungen, etwa die Stiftung Landleben, der Landengel e.V. oder die Sto-Stiftung beteiligt sind. Die beiden erstgenannten Partner sind Akteure, die im Bauprozess normalerweise wenig oder nur im Hintergrund auftreten. Die Sto-Stiftung fördert ja sowohl Projekte im Bereich der Architektur als auch des Handwerks. Doch wurden diese Bereiche bisher nur bedingt zusammengeführt. Hier eröffnete sich jedoch die Möglichkeit, diese Schnittstelle einmal exemplarisch auszuformulieren. Vielleicht leitet sich sogar ein zukünftiges Förderformat ab, wo beides zusammendacht wird. Weiterhin ist das Projekt ein Reallabor für die Studierenden, die vom Konzept bis zur Werkplanung und den Genehmigungsfragen alles machen, inklusive der Ausführung Hands-on auf der Baustelle. Das sind essentielle, architektonische Ausbildungserfahrungen, die alle einmal gemacht haben sollten, die Architektur studieren. Wie kompliziert ist es beispielsweise, zwei Balken an einem Träger anzuschließen? Und im Umkehrschluss ist es für das Handwerk hilfreich, die praktische Ebene, in der es verhaftet ist, zu verlassen und Einblick in die konzeptionelle Ebene zu erhalten, um das eigene Gewerk als Teil eines größeren Gefüges zu verstehen.

SK: Sie haben mit dem Büro PASEL-K Architects, Ihrem Lehrstuhl CODE und der Sto-Stiftung ganz verschiedene Werkzeuge an der Hand, mit denen Sie passgenau auf die Projekte reagieren können. Liegt in der Abkehr vom klassischen Architektenbüro und in der Hinwendung zu flexiblen Arbeitskonstellation die Zukunft der Architekturpraxis?

RP: Ich muss gestehen, dass dies ein großes Privileg ist und eher die Ausnahme darstellt. So ein Projekt wie hier in Sundhausen wäre unter wirtschaftlichen Erwägungen gar nicht denkbar, geschweige denn marktfähig. Aber ist es deshalb unrelevant und weniger wichtig für die Menschen? Man denkt hier vor Ort schließlich schon seit 2004 über die Umnutzung dieses Konsums nach, hat es aber nicht geschafft, ein sozial tragbares Projekt daraus zu entwickeln. Und das zeigt, dass es immer wieder Projekte und Themen gibt, wie beispielsweise die Frage der Leerstandsentwicklung, aus der sich gesellschaftlich-räumliche Perspektiven ableiten lassen, die aber nicht unbedingt kommerziell verwertbar sind. So etwas kann man mit dem Lehrstuhl kompensieren und ein architektonisches Forschungsprojekt daraus entwickeln. Dabei stellt sich natürlich die Frage nach der Schnittstelle. Wie weit geht das eine Projekt? Wann fängt das andere an? Um genau zu sein, haben die Gesundheitskioske nichts mit dem Konsum hier in Sundhausen zu tun und wir als Architekturbüro haben nichts mit dem Konsum zu tun. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber dieses sektorale Denken, das im ländlichen Raum problematisch werden kann, sollte man dahingehend aufgeben, dass sich über die Synergie der verschiedenen Formate vieles leichter umsetzen lässt. Das ist es, was wir hier versuchen: über die Projekte an den anderen Orten dieses hier mit aufzufangen. Wir nutzen das Know-how vor Ort, die gleichen Handwerker*innen, wir beziehen uns auf die Zahlen aus den anderen Projekten. Aber hier stellen wir ein Freiwilligen-Projekt auf die Beine, dass auch viel lokales Potential aktivieren kann. Das ist das Besondere.

 

SK: Sprechen wir einmal ganz konkret über das Projekt. Können Sie den Entwurf und die Eingriffe beschreiben?

RP: Der grundlegende Ansatz sieht vor, das Gebäude auf Zeit zu bespielen, wir probieren also gar nicht erst, den Bestand zu grundsanieren. Das hätte ökonomisch und bautechnisch wenig Sinn. Dieser alte Konsum besteht aus einer ganz einfachen Gebäudehülle mit einem einschaligen Mauerwerk, einem Kaltdach und verfügt noch nicht einmal über eine richtige Fundamentierung. Es ist also ein Gebäude, das man normalerweise nicht erhalten würde. Allein die Trockenlegung der Umfassungsmauern wäre immens aufwendig. Also haben wir alle nichttragenden Wände herausgebrochen und hölzerne Einbauten im Haus-im-Haus-Prinzip entwickelt, die den Raum neu strukturieren und durch ihre Gestaltung eine angenehme Begegnungs- und Arbeitsatmosphäre schaffen. Diese Einbauten sind in den leeren Bestandsraum hineingestellt, ausreichend isoliert und getrennt beheizbar, was für die Kommune sehr wichtig ist, um keine überflüssigen (Energie-)Kosten zu haben. Der größere der Einbauten soll als Beratungsraum für die Dorfkümmerin dienen, der kleinere der Bürgermeisterei. Durch große Schiebeelemente lassen sich die Räume für verschiedene Nutzungen trennen und zusammenschließen, große Veranstaltungen sowie das Arbeiten in drei getrennten Räumen ist somit möglich. Eine weitere Intervention ist die runde Bühne, halb drinnen, halb draußen, die einerseits für kleinere Veranstaltungen im Innenbereich genutzt werden kann, aber auch für größere Events im Freien, wie beim Weihnachtsmarkt. Die Bühne selbst ist dabei die Schwelle zwischen innen und außen. Wir haben uns gedanklich einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren als Experimentierphase gesetzt, in der sich Menschen vor Ort die Räume selbst aneignen können. Es gäbe räumliches Potential sowohl für kleinere Startups oder Zweigstellen für einen Friseur, Zahnarzt oder Ähnliches.

 

SK: Eine grundlegende Frage scheint hier aus dem Umgang mit alltäglichem Bestand zu kommen. Wie geht man mit einem Bestand um, der nicht denkmalgeschützt ist?

RP: Dieses Gebäude ist eigentlich das hässliche Entlein im Dorf und trotzdem kann man mit diesem Bestand arbeiten und muss ihn nicht abreißen. Wir können einerseits energetisch und ressourcentechnisch vor dem Hintergrund der Klimakrise argumentieren, aber auch baukulturell und bauhistorisch. Schließlich ist das Gebäude Zeuge der DDR-Vergangenheit, der wir jetzt eine neue Zeitschicht hinzufügen. Außerdem ist das Gebäude eine enorme Raumressource, an bester Stelle mitten im Ortskern. Die Aufgabe besteht im Prinzip darin, diesen Raum als Nutzfläche verfügbar zu machen und für unterschiedliche Nutzungen zu aktivieren, ohne dass ein kommerzieller Zwang dahinterstehen muss.

 
 
 

SK: Wie lange werden Sie das Projekt vom Lehrstuhl oder vom Büro aus weiterbegleiten?

RP: Da wir vom Büro aus mehrere kleine Projekte in der Gegend verantworten, werden wir auch den Konsum im Auge behalten. Diese ganzen Projekte erhalten ihre Sinnhaftigkeit ja gerade dadurch, dass sie ein regionales Netzwerk aus vielen kleinen Projekten bilden. Wir werden es aber auch vom Lehrstuhl aus begleiten. Der Seitenflügel und die Bushaltestelle sind beispielsweise Themen, die wir in den kommenden Semestern bearbeiten können. Die Design-Build-Projekte sind nie darauf angelegt, ein halbes Jahr vor Ort zu sein und dann zu verschwinden. Wir arbeiten stets ergebnisoffen.

 

SK: 2013 hat sich Dietmar Steiner, der verstorbene Gründungsdirektor des Architekturzentrums Wien, in ARCH+ 211/212 „Think Global, Build Social“ eingehend mit der Geschichte der Design-Build-Bewegung auseinandergesetzt. Wie würden Sie die Entwicklung dieses Ansatzes in den vergangenen Jahren beschreiben?

RP: Er wandelt sich im Moment sehr stark. Bei diesen Projekten geht es stets auch um einen interkulturellen Austausch. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie ändert sich die Perspektive. Zum einen nehmen wir nun – teils notgedrungen – zunehmend regionale Projekte in den Blick. Doch diese Veränderung zeigt sich auch im Problembewusstsein der heutigen Studierendengeneration zu den akuten Klimafragen, zum Beispiel die logistische Frage, wie kommen die Studierenden zu einem Projekt auf einem anderen Kontinent, wenn Fliegen keine Option ist? Die positive Folge ist, dass sich auf diese Weise nun auch wieder das Bewusstsein für die lokalen Aufgabenfelder schärfen.

 
Foto: Christoph Große
 
 

Projektpartner

TU Berlin, CODE | Entwerfen und Baukonstruktion, Prof. Ralf Pasel
Veldacademie Rotterdam mit TU Delft, Niederlande, Prof. Otto Trienekens
TU Wien, Prof. Ute Schneider
PUC Santiago de Chile, Prof. Renato D’Alencon
Bauhaus-Universität Weimar, Prof. Sigrun Langner und AG TUN Textil & Nachhaltigkeit, Katrin Steiger, Anne Marx
Stiftung Landleben/Landengel e.V., Christopher Kaufmann, Frank Baumgarten
Gemeinde Sundhausen, Bürgermeister Christopher Kaufmann
 Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen, Dr. Marta Doehler-Bezhadi, Kerstin Faber

Sto-Stiftung, Till Stahlbusch, Ralf Pasel, Gregor Botzet