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© Sara Constanca
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„Terra“ – 6. Architektur-Triennale in Lissabon

Eine Ausstellungsrezension von Felix Hofmann

Im Anthropozän sind weltumspannende ökologische Zusammenhänge – samt ihrer lokalen Auswirkungen – in die Domäne der Gestaltungsfragen gerückt[1]. Auch Architekt*innen sind in ihrem Kompetenzbereich angesprochen. Nicht allein wegen des Architekturbestands, der einen erheblichen Anteil an den gegenwärtigen Krisen hat. Sondern auch weil klar ist, dass die Erde – verstanden als Lebensraum – dringend reparaturbedürftig ist.

Diese Erkenntnis liegt auch der diesjährigen Triennale in Lissabon zugrunde, die den vieldeutigen Titel Terra trägt. Auf Portugiesisch und Latein bedeutet er Boden, Land sowie übergeordnet unseren Heimatplaneten Erde. Der Kontext, den die Triennale setzt, ist relational und substanziell rückbesinnend zugleich: alles Irdische hängt miteinander zusammen, alles ist irdisch[2]. Diese Architekturschau versteht sich als „call to action“[3], als ein Aufruf zum Handeln gemäß einer terrestrischen Architekturethik, so wie Stephan Trüby sie mit Bezug auf Bruno Latour festhält – also als ein kollektives Terrestrisch-Werden als einzig sinnvolle Alternative zur selbstmörderischen Erhitzung des Planeten[4]. Die vielen losen Fäden in Diskurs und Praxis sollen zum neuen Koordinatensystem verknüpft werden und ein neues Denken und Handeln ermöglichen.

Kaputte Städte

1755 wurde Lissabon von einem Erdbeben fast gänzlich zerstört. Das Ausmaß der Katastrophe war so unfassbar, dass sie den Glauben an die göttliche Ordnung der Dinge aus den Fugen brachte und der aufkommenden Philosophie des Rationalismus Vorschub leistete. Nicht alleine Gott beziehungsweise diejenigen, die ihn erzürnt hatten, wurden verantwortlich gemacht, sondern bürokratische und politische Behäbigkeit sowie eklatante Baufehler[5]. Die städtische Struktur der Baixa von Lissabon ist maßgeblich durch die Erfahrung des Erdbebens bestimmt. Der Bezirk wurde nach der Katastrophe fast komplett wieder aufgebaut, dieses Mal jedoch erbebensicher mit einem streng geometrischen Straßennetz.

Diese Vulnerabilität städtischer Agglomerationen – vor allem des Globalen Südens – sind Thema von retroactive, einer der vier Ausstellungen der Triennale. Als Broken Cities bezeichnen die Kurator*innen der Teilausstellung im MAAT, Loreta Castro Reguera und Jose Pablo Ambrosi, jene urbanen Räume, die nur unzureichend infrastrukturell erschlossen, überbevölkert und unterversorgt sind; und somit besonders empfindlich gegenüber den sich mehrenden Katastrophen. Bereits jetzt lebt ein Drittel der Menschheit in informellen Siedlungen, die jenseits des Zutuns von Stadtplanung oder Architekt*innen entstehen. Tendenz steigend. Gestalter*innen werden hier aufgefordert, mit retroaktiven Infrastrukturen in den beschädigten Bestand einzugreifen, um dessen Bewohner*innen „ihr Gefühl räumlicher Würde und Zugehörigkeit wiederzugeben“[6]. Beispielhaft werden hier Case Studies von sieben NGOs und Initiativen sowie zehn Architekturbüros hervorgehoben, etwa das Platzprojekt Tapis Rouge von EVA (Emergent Vernecular Architecture) Studio in Carrefour-Feuilles, Haiti oder die Raumparasiten des venezolanischen PICO COLLECTIVO. Im Mittelpunkt stehen die Nutzer*innen und deren Bedürfnisse – Architekt*innen treten als Prozessinitiator*innen auf und ihre Autorschaft an die Communities ab. Betont wird die intersektionale Anschlussfähigkeit solcher Projekte; die hier zugrunde gelegten Themen wie Migration, Grundbesitzverhältnisse, gewalttätige Konflikte und Vulnerabilität können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. So wie das Erdbeben von Lissabon überfällige Glaubenssätze erschütterte, werfen die derzeitigen – und die zukünftigen – Krisen grundlegende Fragen unseres Seins auf und lassen Zusammenhänge in Erscheinung treten, die viel zu lange außer Acht gelassen wurden.

Im Kreis

In Laufweite zur ersten Ausstellung, in einer ehemaligen Tiefgarage, der Garagem Sul im Centro Cultural de Belém, spielen Bauteile – nicht Gebäude – die Hauptrolle. In Abkehr von linearen Modellen schlägt die zweite Teilausstellung Cycles, kuratiert von Pamela Prado und Pedro Ignacio Alonso, stattdessen eine Hinwendung zu einer materiellen Kultur der Kreisläufe vor. Architektur wird hier in ihre Bestandteile zerlegt, um an Hand dieser scheinbar banalen Artefakte die Produktionsbedingungen – im Rahmen einer „global operierenden Extraktionslogik“[7] – und deren Konsequenzen für „Berge, Flüsse, Wälder, Einwohner*innen“[8] zurückzuverfolgen. Im Untertitel dieser Teilausstellung wird Bezug auf die Arbeit Ilya Kabakov’s The Man Who Never Threw Anything Away (The Garbage Man) aus dem Jahr 1988 genommen, dessen Kunstfigur – der Garbage Man – Abfälle sammelt und mit größter Sorgfalt katalogisiert[9]. Ihm ähnlich tun es etwa die hier ausgestellten Bellastock und BC architects & studies & materials, die die wirtschaftlichen, logistischen, aber auch formalen Implikationen der Wiederverwendung gebrauchter Bauteile und -materialien erforschen. Eine große Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, immerhin stammt ein Drittel des Mülls der Industriestaaten aus der Bauwirtschaft[10]. Recycled werden dabei auch gängige Vorstellungen von Abfall: Die Grenzen zwischen Schutt und Ressource, zwischen Abbruch und Materiallager verfließen.

Stille Visionen

Visionaries die dritte Teilausstellung von Anastassia Smirnova und SVESMI im Culturgest fragt nach Visionär*innen der Gestaltung von heute. Die Kurator*innne sind sich der Kritik an den aus der Vogelperspektive entscheidenden Expert*innen und den verhängnisvollen Kehrseiten der großen Eingebungen der Moderne wohl bewusst. Dennoch werden hier Visionär*innen als unabdingbare Voraussetzung für Veränderung hin zu neuen Normen angeführt: „Fraglich, ob wir ohne sie den nächsten Tag noch erleben werden“[11] Die hier gezeigten Visionen reichen vom städtischen Maßstab – Auroville von Roger Anger und Anupama Kundoo – bis zur „Smallest Living Unit“ – einem Bett, entworfen 1971 von Bruno Marini. Doch geht es verhältnismäßig introvertiert und bescheiden zu. Statt umfassender Masterpläne werden Rückzugsorte präsentiert: vom Bett, über die Höhle (Ca’n Terra von Ensamble Studio) zum Kloster (Roosenberg Kloster von Hans Dom Van Laan). Was als Auslaufen der utopischen „grand projects“ der Moderne verstanden werden kann[12], ist vielleicht auch als eine Neubewertung der Handlungsmacht, Zuständigkeit und Verantwortung von Architekt*innen zu verstehen.

Wer gestaltet die Welt?

Hierfür spricht auch die vierte Teilausstellung der Triennale im MNAC: Multiplicity, von Tau Tavengwa und Vyjayanthi Rao unter dem Motto „Der Großteil der Welt baut selbst – ohne Architekt*innen“ kuratiert. Die Ausstellung will Anstoß geben, den westlichen Architekturkanon zu Gunsten situierten Wissens sowie informellen und gemeinschaftsbasierten Praktiken zu überholen. Vorgestellt wird etwa das während der Pandemie gewachsene Foodsharing-Projekt Community Fridges. Die von ansässigen Communities betriebenen Kühlschränke sind öffentlich zugänglich und werden über Geld- und Lebensmittelspenden befüllt, um Nahrungsunsicherheit und Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Ein weiteres Projekt ist die Initiative der Mohalla Clinics, die sich im Großraum Delhi flächendeckend und kostenlos um medizinische Versorgung kümmern.

Eine weitere Lektion, die Multiplicity vermittelt, ist die Erkenntnis, dass insbesondere lokale Initiativen und Projekte unabdingbar zur Bewältigung der globalen Herausforderung sind. An Hand derer „soll untersucht werden, wie die Architektur sich selbst, ihre Methoden und ihr Selbstverständnis verändert und wie sie sich zunehmend der globalen Komplexität stellt, während sie zugleich danach strebt, ihre Relevanz über ein traditionell enges Verständnis hinaus zu bewahren.“[13] Was für Folgen hat es für die Architektur, wenn sie terrestrisch werden soll? Vor den künstlerischen Anspruch muss die entwerferische, strategische und taktische Methode treten. Die Debatte um die Autonomie der Architektur wird in diesem Zusammenhand ad acta gelegt. Architekt*innen sollen und können gar nicht mehr anders, als immer gleich die ganze Welt mit zu gestalten.

Die sechste Ausgabe der Architektur-Triennale Lissabon, die vom portugiesischen Duo Cristina Veríssimo und Diogo Burnay (CVDB) als Chefkurator*innen verantwortet wurde, läuft noch bis zum 5. Dezember an verschiedenen Orten in der portugiesischen Hauptstadt.

© Hugo David
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© Sara Constanza

[1] 2020 ermittelten Forscher*innen des Weizmann Institute of Science in Rehovot, dass die anthropogene Masse –  die vom Menschen hergestellten Dinge – inzwischen die Biomasse übersteigt. Ein Großteil der Masse entfällt auf Beton – der bei seiner Herstellung etwa 8 Prozent der globalen Treibhausgasemission ausmacht –, gefolgt von Kies, Ziegelsteinen, Asphalt und Metallen. Siehe Emily Elhacham, Liad Ben-Uri, Jonathan Grozovski et al.: „Global human-made mass exceeds all living biomass“, in: Nature 588, S. 442 – 444. 2020 https://doi.org/10.1038/s41586-020-3010-5 (Stand: 14.11.2022)

[2] So verwies beispielsweise der kürzlich verstorbene Soziologe Bruno Latour darauf, dass die Bewohnbarkeit des Planeten Erde von der dünnen, oberflächennahen Erdschicht, dem Wasser und lebenden Organismen darin und darauf, abhängt und forderte einen terrestrischen Turn; mehr Bodenständigkeit. Vgl. Bruno Latour: Das terrestrische Manifest, Berlin 2018

[4] Stephan Trüby: „Terrestrische versus libertäre Ethik“, in: Die Architekt 1/2022

 http://derarchitektbda.de/terrestrische-versus-libertaere-ethik/ (Stand: 14.11.2022)

[5] Rüdiger Suchsland: Als ob der jüngste Tag gekommen sey, https://www.heise.de/tp/features/Als-ob-der-juengste-Tag-kommen-sey-3403480.html (Stand: 14.11.2022)

[6] https://2022.trienaldelisboa.com/en/evento/retroactive-2/ (Stand: 14.11.2022. Übersetzung aus dem Englischen: ARCH+)

[7] Charlotte Malterre-Barthes im Text zum Projekt Material World: https://www.charlottemalterrebarthes.com/research/critical-thinks-seminars/material-world/  (Stand: 14.11.2022. Übersetzung aus dem Englischen: ARCH+)

[8] Ebd.

[11] https://2022.trienaldelisboa.com/en/evento/visionaries/ (Stand: 14.11.2022. Übersetzung aus dem Englischen: ARCH+)

[12] Ana Jeinic: „Neoliberalism and the crisis of the project … in Architecture and beyond“, in: Ana Jeinić & Anselm Wagner (Hrsg.): architektur + analyse 3: Is There (Anti-)Neoliberal Architecture?, Berlin 2013, S. 64 – 77

[13] https://2022.trienaldelisboa.com/en/evento/multiplicity/ (Stand: 14.11.2022. Übersetzung aus dem Englischen: ARCH+)