Unbeirrt hat er sein Bild von der Stadt, von Berlin, mit spektakulären Zeichen im Stadtraum gezeichnet, beschrieben und darüber geredet. Drei Beispiele. Sein Elevator am Gleisdreieck, mit dem er die vier Linien der U- und S-Bahn fußläufig, aber fast im Himmel, verbunden hat. Seine Filmstadt am ehemaligen Hotel Esplanade am Potsdamer Platz – hochaufragende Glasarchitektur, riesige Hallen für die Studios, linear aufgestellt und von allen Seiten einsehbar – sollte Berlin zur Europäischen Filmhauptstadt machen. Die Schaubühne sollte vom Hallesche Ufer in einen Theaterneubau über den aufgelassenen Yorckbrücken umziehen.
Städtebau war für Reidemeister „von Anfang an Aufriss. Nicht flächendeckende Planung, sondern das Setzen von Punkten, das Ziehen intensiver Linien, vom Punkt zur Linie, zum Raum... Historische Augenblicke und ganz besondere Kombinationen von Orten“ sind für ihn die Ausgangpunkte seiner Entwürfe. Die Stadt war für ihn kein in der Zeit gewachsener Kosmos, wohl eher das Ergebnis politischer und gestalterischer Absichten und Notwendigkeiten, Abbild der jeweiligen Machtverhältnisse. Reidemeister wollte diesem Steinhaufen Stadt ordnend mit Architektur, mit Landmarken zentrieren. Oft aber stehen diese Monumente architektonischer Phantasie wie gestrandete Schiffe im Häusermeer der Städte. Einen sinnstiftenden Zusammenhang stellen sie in der Regel nicht her, sie bleiben bewundernswerte Unikate.
Reidemeister hat die ordnende Kraft der monumentalen Architektur der Moderne überschätzt. Die Polis der Antike, die mittelalterliche Stadt, die Handelsstadt der Hanse, die aristokratische Barockstadt und auch die Stadt der industriellen Großkonzerne waren jeweils funktionale und ästhetische Abbilder der jeweiligen Machtverhältnisse. Die je Herrschenden haben sich ihre Stadt gebaut.
Reidemeisters Hoffnung mit seinen Entwürfen, mit seinen Zeichen, der Stadt der Demokratie eine Mitte und öffentliche Orte zu schaffen, fand keinen Widerhall. Die Türen, die er öffnen wollte, blieben für ihn und uns alle verschlossen.
Von Reidemeister bleibt: Er ließ sich nicht beirren in seinem Träumen von einer Stadt, in der sich die Linien der Bewegung in Architektur, nicht nur in Straßen, wohl aber in Zeichen bündeln, die den Menschen Identität geben. Das Besondere an Reidemeisters Entwürfen ist, dass sie über die Linien, die zu seinen Kreuzungspunkten führen, Öffentlichkeit herstellen. Den Elevator am Gleisdreieck hätten jeden Tag tausende benutzt und erlebt. Die Filmstadt mitten am Potsdamer Platz hätte die Illusionsschmieden in den Alltag des städtischen Lebens eingebunden und die Schaubühne über den Yorckbrücken hätte all die Kraftfahrer, die unter ihnen hindurch brettern, an die Kraft der Worte und der Gedanken erinnert. Mit der berufsbildenden Schule in Sassnitz auf Rügen gelang es Reidemeister dann 2001 diese Öffentlichkeit für Schüler und Lehrer in einer Raumhalle als Gelenkpunkt der Schule, als Versammlungsort und Aula herzustellen.
Wir sind dankbar für seine Träume.
Derek Walcottt hat diese unbestechliche Menschenkraft, die Reidemeister gelebt hat, die er against all odds immer wieder mobilisiert hat, auf den Begriff gebracht: „… wenn ich irgendeiner göttlichen Krankheit Nahrung gegeben hätte, wie Keats im ewigen Rom oder Tschechow auf Jalta, etwas das den salzigen Geruch von Schweiß mit der Lanzettenspitze meiner Feder schärft, ging meine Gabe auf in einer Art Offenbarung, wie die Hand einer Wolke, die sich überm Meer dreht: Je geballter sie wird, desto mehr ändert sich das Licht – Wolken fleckig wie Tafelsilber, Blätter die weiter versuchen mein Leben auf einen Nenner zu bringen“.
Reidemeister hat mit den Lanzettenspitzen seiner Stifte an dieser Offenbarung gearbeitet, mit ihnen seinem Leben Sinn gegeben. Wir sind traurig, dass wir unsere streitbaren Gespräche nun alleine führen müssen.