Im Jahr 2023 veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung am KultKiosk Hafenmund in Duisburg eine Diskussion mit dem provokanten Titel „Kultur-Orte: Die Trinkhalle als letzte demokratische Bastion?“. Die These lautet, dass gerade der Kiosk zu den wenigen verbliebenen Orten in der Stadt gehört, an denen Menschen „jenseits von Klasse und Schicht“1 aufeinandertreffen. Er steht exemplarisch für das, was Ray Oldenburg Ende der 1980er-Jahre als Dritten Ort (auch Third Place) beschrieben hat: ein Ort zwischen Zuhause (Familie) und Arbeitsplatz (Kolleg*innen), niedrigschwellig, kommunikativ und offen für nachbarschaftliche Gemeinschaft.2 Diese Deutung war auch zentral für die von der Stadtforscherin Marie Enders initiierte Aufnahme der Trinkhallenkultur in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahr 2021.3 Die Trinkhalle (auch Bude, Büdchen oder Kiosk) – nicht zu verwechseln mit den Spätis in Berlin oder den Frankfurter Wasserhäuschen als Infrastruktur städtischer Nahversorgung – erscheint darin als symbolisch aufgeladener Sehnsuchtsort einer vom Verschwinden bedrohten Nachbarschaftlichkeit und als Gegenbild zur anonymen Großstadt.