Die Stadt der Moderne produktiv wenden
In der Ausgabe 244 Wien – Das Ende des Wohnbaus (als Typologie) haben wir daran erinnert, dass „die funktional-räumliche Trennung, die sich historisch im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise herausbildete, […] von Beginn an zu Lasten der sozialen und kulturellen Kohäsion der Stadt [ging]. Von den ökologischen Folgen, die immer deutlicher zu Tage treten, ganz zu schweigen.“ Daraus haben wir die Forderung abgeleitet: „Wenn die Trennung von Arbeit (Produktion) und Wohnen (Reproduktion) eine Voraussetzung für die kapitalistische Produktionsweise bildet, kann die Architektur nur einen Beitrag zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel jenseits der vordergründigen Verbesserung der Wohnverhältnisse leisten, indem sie diese Trennung aufhebt! Sie muss den Wohnbau in der Form, in der wir ihn als ausschließende Typologie seit Beginn der Moderne betreiben, beenden. Sie muss Wohnen als gesellschaftliche und damit städtische Funktion begreifen.“
Ähnlich hatte die Frauenbewegung im Gefolge von ’68 diese Argumentation zum Slogan „Wohnen ist Arbeiten“ verdichtet. Wie die Ausgabe 246 Zeitgenössische feministische Raumpraxis verdeutlichte, stellten die Feministinnen damit vor allem das Produktionsparadigma der Moderne infrage. Im Kapitalismus wird die Reproduktionsarbeit privatisiert und der häuslichen Sphäre zugeordnet, was unter dem Strich zu einer Externalisierung von Kosten führt – meist zu Lasten von Frauen.
Dieser diskursive Hintergrund bietet uns die Gelegenheit, in der vorliegenden Ausgabe zur „Produktiven Stadt“ bewusst auf den Bereich der „Produktion“ zu fokussieren. Die Schärfung der Diskussion um die Stadt als produktives Feld geschieht im Kontext der IBA’27 StadtRegion Stuttgart mit der dortigen spezifischen industriellen Basis. Statt von einer Zukunft ohne Arbeit zu träumen, die unter den gegebenen Umständen folgenlos bleiben muss, erkennen wir in der dezentralen Neuverteilung von Arbeit im Raum reale gesellschaftliche Chancen. Schließlich liegt gerade darin, so der Soziologe Nick Kratzer im Interview, „eine riesige Gelegenheit und auch eine riesige Gestaltungsaufgabe“.
Und wir entgehen damit auch dem antimodernen Impuls, der sich immer einschleicht, wenn wir die Auswüchse der Moderne kritisch reflektieren, wie das ARCH+ features mit Arbeiten des IGmA an der Universität Stuttgart vor Augen führt. Es geht hier explizit nicht um ein Zurück zur sogenannten Europäischen Stadt der Vormoderne. Denn „die Stadt der Zukunft ist gebaut“, so der Appell Andreas Hofers, Intendant der IBA’27, in dieser Ausgabe. Damit ist nicht nur im ökologischen Sinne ein Aufruf zur Transformation des Bestehenden gemeint. Vielmehr handelt es sich um die radikale Anerkennung der Eigenlogik und damit auch der Schönheit der modernen Stadt, die sich gerade durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auszeichnet. Befreit von der Last, aufs Neue die „Stadt der Zukunft“ zu entwerfen, können wir endlich die Inwertsetzung und Aneignung der Zwischenräume, der Bruchstellen, der ungeliebten Infrastrukturen angehen und damit die Stadt der Moderne produktiv wenden.
Für die kollegiale und produktive Zusammenarbeit im Rahmen der Gastredaktion danken wir dem Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA), insbesondere Stephan Trüby und Leo Herrmann. Der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) gilt unser besonderer Dank für die anregende und vertrauensvolle Kooperation, allen voran Andreas Hofer, Karin Lang, Tobias Schiller und dem gesamten Team der IBA’27. Auch dem ARCH+ Team, insbesondere Sascha Kellermann für die Projektleitung, gebührt großer Dank für die Umsetzung des wichtigen Debattenbeitrags.