Auf dem Weg in die Produktive Stadtregion
Den Grundstein legen
Vor allem aber die Sorge vor einem kommenden Strukturwandel, der der erfolgsverwöhnten Region die ökonomische Grundlage entziehen könnte: In diesem Humus wurzelte die Idee für eine IBA in der Region Stuttgart.
Geboren wurde sie 2014 nicht von Planerinnen oder Architekten, sondern bei der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, einer regionalen Einrichtung mit dem Auftrag, den Industriestandort zu sichern. Das Instrument IBA als Versprechen eines Ausnahmezustands auf Zeit, um den Strukturwandel aus einer Position der Stärke zu befeuern. Dies unterscheidet die IBA in der Region Stuttgart von anderen IBAs wie der IBA Emscher Park, die nachträglich Auswirkungen von Transformationsprozessen räumlich zu heilen versuchten, und warf Fragen der Legitimation auf: Braucht eine so reiche und erfolgreiche Stadtregion wie Stuttgart eine IBA?
Getragen wurde die IBA von Anfang an vom Dialog, vom Versprechen, die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, von einem breiten Netzwerk aus Politik und Verwaltungen, Hochschulen und Wissenschaft, Wirtschaft, Kultureinrichtungen, Kirchen, gesellschaftlichen Gruppen. Dem Ja zur IBA, zur Gründung einer IBA-Gesellschaft, ging eine einjährige Vorbereitungsphase voraus. Dieser „Plattformprozess zur Themenfindung für eine IBA“ schaffte es, in der ganzen Region eine spürbare Welle der Sympathie, der Begeisterung, des breiten Engagements für die Idee einer IBA aufzubauen und formte die Grundlage einer Dialogkultur, die sich in den Arbeitsgruppen des IBA-Forums und dem Verein IBA’27 Friends fortsetzt.
Projekte sammeln und verhandeln
Ohne Festlegung auf ein Thema, wohl aber mit einer klaren Haltung zur Zukunft (niedergeschrieben in „zehn Thesen zur IBA’27“ und verdichtet in einem Zielbild) wurde im Herbst 2018 ein offener Projektaufruf gestartet. Diese IBA war nicht als Wettbewerb gedacht, sondern als gemeinsamer Such- und Lernprozess, als Einladung zum Gespräch mit den Einreicher*innen, um herauszufinden, ob ein Konzept oder eine Projektidee einen wirklich ambitionierten Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Region leisten kann.
Vorhaben, die dies erfüllen, sich mit der IBA-Haltung identifizieren und den Diskurs um die Zukunft bereichern, werden in das IBA’27-Netz aufgenommen. Das Netz verbindet Akteur*innen und Vorhaben und dokumentiert die regionale Transformation über zehn Jahre IBA. Es versammelt daher auch Vorhaben, die ohne IBA-Beteiligung entwickelt, im Bau oder sogar schon abgeschlossen sind, wie auch solche, die erst nach dem Ausstellungsjahr realisiert werden und von den Erkenntnissen der IBA lernen wollen.
Aus dem IBA-Netz heraus qualifizieren sich die Ausstellungsprojekte. Dies sind Bauvorhaben, die ein breites Feld der IBA-Qualitäten abdecken, die bis 2027 zumindest in Teilen eine realistische Umsetzungschance haben und deren Träger sich auf eine intensive Zusammenarbeit mit der IBA einlassen. Zur Sicherung der Qualitäten dienen Kooperationsvereinbarungen mit individuellen, projektspezifischen Zielen. Dazu gehören wettbewerbliche Verfahren, Beteiligung jenseits des gesetzlich Notwendigen, Mechanismen zur sozialen und funktionalen Durchmischung, zukunftsfähige Bautechnologien, -materialien und -prozesse sowie Modelle zur langfristigen Sicherung der ökologischen, sozialen und ökonomischen Projektziele im Betrieb.
Themen entwickeln und verorten
Aus der Diskussion mit den Projektträger*innen entwickelten sich die fünf „Themen und Räume“ der IBA’27, die regional verortet und gleichzeitig überregional relevant sind: Das Erbe der Moderne, Orte der Bewegung und Begegnung, Die Zukunft der Zentren, Die Produktive Stadt, Der Neckar als Lebensraum. Sie strukturieren den Diskurs, schaffen Orientierung und sind der rote Faden für die große Erzählung der Bauaustellung. Sie helfen, anhand realer Bauvorhaben spezifische Strategien zu entwickeln, die als allgemeine Prinzipien Eingang in die urbane Praxis finden können. Die Hoffnung ist, dass aus ihnen mit der IBA ein neues Bild der Region Stuttgart entsteht: das Bild einer lebenswerten, zukunftsfähigen, produktiven Stadtregion.
Der Ausgangspunkt ist die grundsätzliche Frage nach dem Umgang mit dem Erbe der Moderne als 150-jährige Epoche der Industriegesellschaft: von den frühindustriellen, teils spektakulären Fabrikarealen, über die Antworten auf die Wohnungsfrage in den 1920er-Jahren bis zur Alltagsmoderne der Nachkriegszeit, die uns überall umgibt. Die Aufgabe ist nun, dieses Erbe in eine postfossile Welt zu überführen und dabei die Fragmentierung der Städte durch die Funktionstrennung und die Wunden der autogerechten Stadt zu heilen.
Die Ausrichtung auf die individuelle Mobilität in der Autoregion Stuttgart und die geografischen Verhältnisse haben dazu geführt, dass die Knoten des öffentlichen Verkehrs oft abseits der Siedlungszentren liegen und kaum Aufenthaltsqualität und soziale Infrastruktur bieten. Diese Orte haben deshalb große Potentiale für die Gestaltung der Verkehrswende. Mehrere Kommunen planen mit der IBA’27 die Aufwertung von S-Bahnstationen zu Orten der Bewegung und Begegnung – zu mehrdimensionalen, dicht genutzten, lebendigen und produktiven Stadtbausteinen.
Ähnliche Qualitäts- und Zukunftsfragen stellen sich auch in den bestehenden Siedlungszentren. Nicht nur der Einzelhandel steht unter Druck, auch die Einkaufszentren werden durch Plattformökonomien und proprietäre Märkte wie Amazon herausgefordert. Für die Gestaltung der Zukunft der Zentren braucht es daher neue Ideen und Konzepte. Die vielen mittelgroßen Städte in der Region stehen ganz besonders vor dieser Aufgabe, die gleichzeitig Potentiale für die Stärkung weniger kommerzieller und mehr kultureller sowie gemeinschaftlicher Funktionen beinhalten, die Identität und Bürgersinn stärken.
Ein zentrales Motiv der IBA’27 ist die Frage nach der produktiven Stadt. Im Gegensatz zu anderen Stadtregionen, die in den letzten Jahren freiwerdende Industrieareale zu Wohnquartieren mit Infrastruktur umgewandelt haben, wird in der Region Stuttgart nach wie vor produziert und es besteht sogar Bedarf nach weiteren Produktions- und Gewerbeflächen. Zusammen mit Veränderungen der Produktionsprozesse, die kleinteiliger und emissionsärmer werden, bieten sich Potentiale für völlig neue produktive Typologien. Aufgrund neuer Produktionsverfahren können Fabriken mit Stadt zusammengebracht werden. Die IBA will zeigen, wie Wohnen und Arbeiten auch zusammenwachsen können, wenn wir unter Arbeit nicht nur Computerarbeit verstehen. Und mit dem Umbau von Gewerbegebieten will die IBA’27 den Beweis führen, dass mit hybriden Gebäudetypologien in den monofunktionalen Strukturen der Sievert’schen Zwischenstadt große Flächenreserven schlummern.
Zwischen diesen Siedlungsräumen, Industrieanlagen und Verkehrsadern fließen der Neckar und seine Zuflüsse. Die eingehegte Wasserstraße ist kaum mehr als Landschaftselement wahrnehmbar und schlecht zugänglich: ein Symbol der von der Industrie gebändigten Landschaft. Dieser produktive Ort soll mit Leben erfüllt, also im besten Sinne Stadt werden, mit übereinandergeschichteten und vernetzten Funktionen durchlässiger sein. Vergleichbar der Emscher bei der IBA im Ruhrgebiet ist der Neckar ein Leitmotiv mit langfristiger Perspektive: Die Requalifizierung des Neckars als Lebensraum, also der großflächige Umbau, wird während der Laufzeit nicht vollendet, muss aber jetzt angestoßen werden, wenn die IBA’27 ein neues Bild der Region entwerfen will.
Bauen und ausstellen
Während der Weissenhof ein radikales Manifest war, das in hohem Tempo umgesetzt wurde (zwischen dem Gemeinderatsbeschluss für die Bauausstellung und ihrer Eröffnung 1927 lag lediglich ein Jahr), sind die IBAs immer mehr zu umfassenden und langjährigen regionalen Planungsprojekten geworden. Das jedoch nimmt ihnen das Spektakuläre und Unmittelbare, das zu einer „Ausstellung“ auch gehört. Eine IBA muss ihrem Anspruch gerecht werden, exemplarische Bauwerke von internationaler Relevanz zu präsentieren, sonst droht dem Format der Bedeutungsverlust. Gegen diese Gefahr stemmt sich die IBA’27 mit allen Kräften.
Wir verfügen allerdings weder über Grundstücke noch über Investitionsmittel. Angesichts der privaten Finanzkraft in der Region und einer regen Bautätigkeit ist dies nachvollziehbar. So sind wir gezwungen, uns in bestehende Planungsabläufe und Projekte einzuklinken. Darin steckt auch eine Chance: Eine IBA, die Schecks verteilt oder selbst baut, läuft Gefahr, mit Geld alle Schwierigkeiten zu übertünchen – und nach der IBA, wenn die Fördertöpfe erschöpft sind, verfallen alle wieder in den Trott der Normalität.
Seit dem Beginn der IBA’27 hat die Dringlichkeit in der Bauwirtschaft zugenommen, sich den grundlegenden Veränderungen und gesellschaftlichen Leitthemen zu stellen: Ressourcenfragen, der Mangel an bezahlbaren Wohnungen und der drohende Klimawandel. In der Realität prallt der „Ausnahmezustand auf Zeit“ jedoch auf ein träges, ängstliches und konservatives Planungs- und Bausystem. Diesen Widerständen muss die IBA’27 beherzt und mit klugem Realismus entgegentreten.
In der Projektarbeit hat sich das gut ausgestattete, interdisziplinäre IBA’27-Team Wissen über Planungsprozesse, innovative Bautechnologien, Kreislaufwirtschaft und Energiekonzepte angeeignet und entsprechende Netzwerke aufgebaut. In den meisten Projekten gelang es, ein internationales Teilnehmerfeld für die Wettbewerbe zu gewinnen. Die IBA mischt sich ein und fordert von den Projektträgern eine radikale Zeitgenossenschaft. Die IBA’27 wird als unbequem und anstrengend wahrgenommen – nicht, weil sie kompliziert oder umständlich wäre, sondern weil sie die schwierigen Fragen nach einer zukunftsfähigen Baukultur immer wieder aufs Neue stellt.
Auf diesem Weg wird sie Projekte verlieren. Sie hat aber bereits in mehreren kleineren Kommunen Großprojekte mitgestaltet, die ohne IBA niemals auf den Weg gebracht worden wären. Und sie hat die 2017 eingeführte Baugebietskategorie Urbanes Gebiet in der breiten Planungspraxis der Region verankert. Die nächsten Jahre der Umsetzung werden zeigen, ob sie nicht nur das Format der Internationalen Bauausstellungen mit neuem Leben füllen kann, sondern auch einen Beitrag für ein neues Bild der Region zu leisten vermag.
Haltung: Das Zielbild der IBA’27 für die Region Stuttgart
„Die Stadtregion Stuttgart ist als produktiver, gerechter und lebenswerter Metropolraum im postfossilen Zeitalter angekommen. Eng kooperierende große und kleine Zentren verbindet eine stadtregionale Identität. Die Menschen beteiligen sich aktiv an der Entwicklung lebendiger Stadträume, in denen sich Wohnen und Arbeiten, Freizeit und Kultur, Handel und Produktion mischen. Eine hohe bauliche Dichte verbunden mit qualitätsvollen Freiräumen sorgt für Nähe und bereichert das Leben. Bezahlbares Wohnen durch solidarische Finanzierungs- und Eigentumsmodelle ist Standard, viel fältige Wohnformen spiegeln gesellschaftliche Wirklichkeit wider. Mobilität ist klima- und stadtverträglich, die Quartiere versorgen sich selbst mit Energie und sind an die Folgen des Klimawandels angepasst. Neue Technologien machen das Bauen effizient und dienen den Bedürfnissen der Menschen. Baumaterialien sind vollständig wiederverwertbar, Bauwerke anpassbar. Sie entstehen für viele Generationen und bereichern mit hoher architektonischer Qualität den Stadtraum.“
* vom IBA’27-Team entwickelt, mit dem Kuratorium diskutiert und vom Aufsichtsrat abgesegnet