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Vertreter*innen der Stadtökologie, der Umweltbewegung und der Animal Studies befassen sich seit den 1970er- und 80er-Jahren mit Tieren als Stadtbewohnern und fragen dabei auch nach deren Handlungsmacht. In der Architektur und Stadtplanung wird dies bislang nur zögerlich diskutiert, sahen sich beide doch seit der Moderne in Opposition zur Natur. Zwar hat auch in den planerischen Disziplinen ein ökologisches Umdenken stattgefunden, doch der entscheidende Schritt, den urbanen Raum auch als Habitat anderer Spezies anzuerkennen, steht noch aus. Es ist an der Zeit, nicht-menschliche Spezies als Stadtakteure anzuerkennen und daraus neue Ansätze für die Gestaltungspraxis und Raumproduktion zu entwickeln.

Diesen Perspektivwechsel versuchte das Projekt Cohabitation, in dessen Zentrum die Ausstellung Cohabitation: Ein Manifest für Solidarität von Tieren und Menschen im Stadtraum stand, die vom 5. Juni bis 4. Juli 2021 im silent green Kulturquartier in Berlin gezeigt wurde. Dieses Heft versammelt Beiträge der Ausstellung und aus dem daran anknüpfenden Veranstaltungsprogramm und macht deutlich, dass es bei diesem Perspektivwechsel um zentrale gesellschaftspolitische Fragen geht. Denn wie nicht zuletzt die Coronapandemie drastisch vor Augen führt, hängt die Gesundheit des Menschen von den Lebensbedingungen anderer Lebewesen ab.

Das Streben der Moderne nach „gesellschaftlicher Homogenität und Eindeutigkeit“ (Clemens Wischermann) führte nicht nur zur Segregation und Abwertung des „Natürlichen“, sondern auch menschlicher „Anderer“. Nicht ohne Grund bringt die Plünderung der Natur globale Ausbeutungsketten und Ungerechtigkeit unter Tieren wie Menschen hervor. Das Mensch-Tier-Verhältnis neu zu denken bedeutet daher auch, Klassen- und Geschlechterverhältnisse sowie Rassismen in den Blick zu nehmen. Erst dann können wir von Grund auf neue Formen des solidarischen Zusammenlebens in zukünftigen Stadtgesellschaften gestalten und den Planeten als gemeinschaftliches Habitat von Menschen, Tieren und Pflanzen bewahren.

Architektur und Stadtplanung haben bislang nicht-menschlichen Spezies nicht nur wenig Beachtung geschenkt, sondern auch als Hindernisse für Bauprojekte wahrgenommen. Die bildende Kunst hingegen kann auf eine längere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Tier zurückblicken. Eine zentrale Vermittlerrolle im Projekt Cohabitation kam deshalb künstlerischen Ansätzen zu, die neue Denkmodelle und konkrete Zukunftsentwürfe für unsere Städte liefern können. Wie bereits die Ausstellung fächert auch diese Ausgabe die Frage des urbanen Mensch-Tier-Verhältnisses anhand von drei Perspektiven auf. Sie weisen den Weg von der anthropozentrischen Stadt in die künftige Zoopolis.

Anthropocity

Hygienediskurs und Wohnreform am Ende des 19. Jahrhunderts beendeten den engen Zusammenhang zwischen arbeitenden Menschen und Tieren in den Städten. Die Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse zwischen Menschen und Tieren wurden durch räumliche Trennung zunehmend verschleiert: Massentierhaltung und Schlachtfabriken zur Versorgung der explodierenden städtischen Bevölkerung wurden an die Peripherie verlagert.

Die bürgerliche Familie entstand, und mit ihr die Praxis der Haustierhaltung, die eine bis heute gültige Hierarchie etablierte – vom gehegten Heimtier über das Nutztier als Ware bis zum Wildtier als Repräsentanten der ungezähmten Natur. Das städtische Wildtier fiel dabei durchs Raster, galt manchen gar als „entartet“. Die Stadt neu zu denken bedeutet, ihre anthropozentrische Konzeption zu überwinden.

Ecocity

Die Ökologiebewegung half dabei, den Gegensatz zwischen Stadt und Natur aufzubrechen. So etablierte die in den 1960er-/70er-Jahren entstandene Stadtökologie die Anerkennung der Stadtnatur als neue Kategorie. Mit dem Wissen um ökologische Zusammenhänge wuchs jedoch auch das Streben, diese zu kontrollieren. Die Vision künstlich herstellbarer Umwelten und kontrollierbarer Ökosysteme prägt bis heute unsere Vorstellung von der technischen Beherrschbarkeit der Klimakrise. Darüber hinaus dient die Instrumentalisierung und Kapitalisierung von Natur seit Beginn des Kolonialismus auch der Ausübung von Macht über Menschen, die als „Andere“ markiert werden. Ein aktuelles Beispiel ist die Vereinnahmung des Naturschutzes durch rechte politische Akteur*innen, die das Leben von Tieren gegen jenes rassifizierter Menschen ausspielen. Eine wahrhaft ökologische Stadt muss daher auch an der Machtfrage – sowohl jene zwischen den Menschen als auch zwischen den Arten – ansetzen, anstatt lediglich die bestehenden Hierarchien mit einem grünen Schleier zu kaschieren.

Zoopolis

Der Mensch konnte sich nur in der wechselseitigen Beziehung zu anderen Spezies entwickeln. Für diese Erkenntnis haben Theoretiker*innen wie Donna Haraway und Anna Lowenhaupt Tsing in den letzten Jahrzehnten ein neues Bewusstsein geschaffen. Erkennen wir unsere Abhängigkeiten an, brauchen wir neue Politikmodelle, die den Menschen nicht mehr über alle anderen stellen, sondern die Bedürfnisse anderer Lebewesen einbeziehen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Was das für den städtischen Raum bedeuten könnte, wurde bisher nur wenig reflektiert und noch seltener praktisch erprobt. Dabei könnte die Anerkennung nicht-menschlicher Lebewesen als Akteure, die die Stadt aktiv mitgestalten, neue Möglichkeiten eröffnen, Lebensraum jenseits von purer Verwertung, Spekulation und von Nützlichkeitsdenken zu gestalten: als einen Inter-Spezies-Raum, der die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen, Tieren und Pflanzen berücksichtigt und dadurch eine erweiterte Idee von Gesellschaft und lebenswertere Städte für alle ermöglicht.

 

 

Dank

Marion von Osten hat das Projekt initiiert und die Konzeption noch mit uns erarbeitet, bevor sie im November 2020 starb. Mit ihrer Fähigkeit, transversal zu denken, Menschen zusammenzubringen und Disziplingrenzen zu überschreiten hat sie Generationen von Studierenden sowie eine Vielzahl an Kooperationspartner*innen und Wegbegleiter*innen inspiriert. Dafür behalten wir sie in liebevoller Erinnerung und unsere intellektuelle Bewunderung wird bestehen bleiben. Das Projekt Cohabitation und diese ARCH+ Ausgabe sind ihr gewidmet.

Der Kulturstiftung des Bundes danken wir für die Förderung des Projekts sowie für das Vertrauen, das uns unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie angespornt hat. Dank gilt auch der Bundeszentrale für politische Bildung, die die Stadterkundungen und damit das Aufzeigen von realen Räumen der Cohabitation ermöglicht hat. Besonderen Dank möchten wir auch der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa aussprechen, die das umfangreiche Veranstaltungsprogramm Cohabitation Diskurs: Zoopolis Berlin förderte. Und nicht zuletzt sind wir allen Beitragenden der Ausstellung und der Veranstaltungen sowie allen Kooperationspartner*innen, insbesondere Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann und Linda Winkler / silent green Kulturquartier, Rainer Hauswirth / Goethe-Institut Côte d’Ivoire, Ivana Marjanović / Kunstraum Innsbruck, Mira Witte / Museum für Naturkunde Berlin und Katja Aßmann / Spreepark Art Space/Grün Berlin, sowie den Mitwirkenden, besonders Franziska Zahl (Produktionsleitung), Felix Hofmann (kuratorische Assistenz), Jakob Walter (Produktion Veranstaltungsprogramm und Podcast), Barbara Schindler (Kommunikation) und Oliver Klimpel und Till Sperrle (Ausstellungsgestaltung) zu großem Dank verpflichtet. Ihre Beiträge haben das Thema erst zum Leben erweckt. Danken möchten wir auch dem ARCH+ Team, allen voran Nora Dünser und Max Kaldenhoff, Franziska Gödicke und Markus Krieger.

Das Thema Cohabitation wird weitergeführt:

Der Kunstraum Innsbruck hat das Projekt mit zwei Ausstellungen begleitet. Nach Cohabitation: Raum für alle Arten im Frühjahr 2021, findet vom 4. Juni bis 27. August 2022 die Folgeausstellung Cohabitation: Zoopolis in Innsbruck statt.

Im Schau Fenster, Berlin, wird vom 7. Mai bis 5. Juni 2022 die Ausstellung Architectures of Cohabitation gezeigt, die vom Hauptstadtkulturfonds gefördert wird. Dank der Förderung können wir die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete architektonische Ansätze übertragen. In Zusammenarbeit mit Benjamin Foerster-Baldenius, der die neu geschaffene Professur für Cohabitation an der Städelschule übernommen hat, findet am 7. Mai 2022 das Symposium Architectures of Cohabitation in der Floating University in Berlin statt. Architectures of Cohabitationsteht auch im Zentrum des ARCH+ features dieser Ausgabe.

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S. 16–23

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Spezies – Cohabitation ihre gelebte Erkundung

Fahim Amir
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Grußwort

Hortensia Völckers