Gefühlige Architektur
Im Jahr 2002, zum Höhepunkt des boomenden Flagler Countys, stellt Bauunternehmer Claus Peter Roehr der Stadt Palm Coast sein neues Bauprojekt vor: das European Village. Ein Resort, das aus einem Hotel, Shops, Restaurants, Wellness- und Sportanlagen bestehen und über Subunternehmer*innen und Anleger*innen finanziert werden soll. Jede Hotelsuite und jedes Ladenlokal kommt in Privatbesitz und wird weitervermietet, 50 Prozent der Einnahmen streicht Roehr selbst ein.13 Der unique selling point für Investor*innen und Besucher*innen gleichermaßen soll dabei die Architektur und das versprochene europäische Flair sein. Roehr, selbst aus Deutschland nach Florida ausgewandert und mit einer Mexikanerin verheiratet, schildert in einem Interview von 2006: „Es ist eine Lovestory. Meine Frau, Silvia, und ich haben unsere großartigen Heimatländer vermisst, so wollten wir einen Ort schaffen, an dem man Freundschaften schließen kann. Wir möchten die Gefühle der Menschen ansprechen.“14
Zu Architektur geronnenes Lebensgefühl sollte hier gebaut werden, und so sieht das endgültige Development Agreement unter Punkt 3.4.B. auch abstrakte „Architectural Standards“ vor: „ Für alle Gebäude […] sind europäische Baustile zu verwenden. “15 Dem Papier ist eine Anlage beigefügt, die Beispiele der „zu verwendende[n] Fassadentypen“ zeigt: Skizzen eines gepflasterten Innenhofs umgeben von niedrigen Häuser mit spitzen Giebeln und bunten Markisen, mit Namen wie „Le Café“ und „Boulangerie“, im Hintergrund hohe Palmen und dichtes Grün.16 Hier geht es nicht um präzise architektonische Details, sondern darum, das Gefühl eines mediterranen Marktplatzes in den Subtropen zu vermitteln. Gastronomie und Handel sollen dieses Reenactment forcieren, so schreibt Roehrs Konzept die Vermietung an eine kuratierte Auswahl von Gewerbetreiber*innen vor: eine französische Crêperie und ein französischer Käseladen, ein deutsches Puppengeschäft und ein deutscher Esoterik-Shop, ein italienisches Restaurant und ein Schweizer Fondue-Restaurant.
2006 eröffnet das European Village, um den neuen kaufkräftigen Bewohner*innen und Gästen von Palm Coast ein immersives Shopping-, Dining- und Urlaubserlebnis zu bieten. Doch der Zauber währt nicht lange. Nach dem Boom kam die Krise.17 Roehr kann mit dem Projekt nicht halten, was er versprochen hat, seine Investor*innen verschulden sich im Zuge der Finanzkrise, seine Partner*innen klagen wegen verzögerter Deadlines, die Ladenlokale stehen leer, die Besucher*innen bleiben aus, Roehr zieht sich aus dem Projekt zurück.18 Die bunten Fassaden, die elegantes Flair und eine belebte Atmosphäre versprochen hatten, werden zu einer Kulisse der Enttäuschung.
Nachdem die gröbsten Verluste der Finanzkrise 2016 überwunden scheinen, erfindet sich das European Village in Kooperation mit der städtischen Verwaltung und unter Leitung der Planerin Ida Meehan noch einmal neu. Die Fassaden bleiben, doch am Konzept wird intensiv geschraubt: Die einst strengen Nutzungsvorgaben weichen einem offeneren Konzept. Statt sich der artifiziellen Rekonstruktion eines Modell-Europas zu verschreiben, stehen nun zeitgenössische Trends und der Geschmack der Besucher*innen im Vordergrund. Anstatt der von Roehr gewünschten französischen Käseläden und Schweizer Fondue-Restaurants ziehen indische, vietnamesische und japanische Restaurants ein und locken damit ein neues, jüngeres Publikum.19 Das Angebot des künstlichen Dorfs wird zugänglicher, sein Sortiment internationaler und eklektischer, seine Fassaden und sein Name wahren jedoch weiterhin den europäischen Schein.
Ähnlich wie in den Resorts von St. Augustine nur wenige Kilometer entfernt und hundert Jahre zuvor ruft das European Village auch heute die Sehnsucht nach fernen Orten wach, die zugleich Teil der eigenen Geschichte sind. Im European Village kumulieren dabei zweierlei Vergangenheiten, jene der spanischen Eroberung des kolonialen Floridas und jene des Tourismus der Jahrhundertwende, der erneuten Entdeckung und kommerziellen Erschließung der Region. In dieser Dopplung der Fremd- und Selbstinszenierung verankert sich das European Village schließlich auch in seiner Lokalgeschichte. Die 2006er-Version einer American Riviera im European Village ist letztlich kein Verweis auf den vermeintlich distinktionsträchtigen, alten Kontinent Europa selbst, sondern eine Referenz an ein bereits mehrfach vermitteltes und transformiertes Bild davon im Flagler County, „the American Italy“20. Ob 1887 oder 2006: Die architektonische Übersetzung eines Fernwehs lässt sich zu beiden Zeitpunkten von den Fassaden ablesen, in der symbolhaften Deklination ihres Vokabulars. Die Schauseiten der Gebäude werden mit Stuckaturen und Ornament zu Kulissen; ein Karneval der Kulturen, eine Reise im eigenen Land. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Mittel und Medien des European Village sind simpler und abstrakter als jene der Resorts von St. Augustine, sie sind offensichtlich maschinell und seriell hergestellt, sind eindeutig als Zitat erkennbar. Waren für das Dekor des Ponce de Léon italienische Kunsthandwerker*innen beauftragt worden, so ist es im European Village nicht die Kunst, sondern die Technik, welche die Fassaden formt und antikisiert.21
Trotz dieser Gemeinsamkeiten scheint Flaglers Versprechen vom Europäischen Luxus mit Roehrs European Village am Ende wenig zu tun zu haben. Nicht nur in den unterschiedlichen Gestaltungsprinzipien der historischen und des zeitgenössischen Resorts manifestieren sich neue Vorzeichen, unter denen Fassaden heute gelesen werden, auch die Klassenunterschiede ihrer Nutzer*innen könnten größer nicht sein. Versprachen Flaglers Hotels in St. Augustine Prestige und kulturelle Distinktion für einen Geldadel, der sich am aristokratischen Reichtum seiner Vorfahren aus Europa orientierte, lädt das European Village die direkten Nachbar*innen aus den Dienstleitungs- und Mittelstandunternehmen der Planstadt ein, die nur fünf Straßen entfernt arbeiten und die längst Teil einer globalisierten, und mit Byung-Chul Han gesprochen, „hyperkulturellen“ Gegenwart geworden sind. „In der Hyperkultur werden unterschiedliche Formen oder Stile aus unterschiedlichen Orten und Epochen in ein Hyperpräsens ent-fernt. Dieses hyperkulturelle Nebeneinander löscht die Aura aus, die vom besonderen Hier, vom einmaligen Ort und von einer besonderen Zeit und Geschichte ausginge. [...] Kulturen lösen sich aus ihrem örtlich-geschichtlichen Eingebettetsein, ja aus ihrer Geworfenheit. Die ent-orteten, ent-auratisierten Kulturen sind nicht einfach Wiederholungen ohne jede Authentizität. Sie erreichen ein anderes Sein, eine andere Realität, die gerade in ihrer Auralosigkeit glänzt.“22
Während Bauten wie das Ponce de Léon und deren visuelle wie rhetorische Inszenierung sich beständig an der Aura ihres spezifischen Orts, seiner Geschichte und Authentizität nährt, lösen sich im European Village im Nebeneinander von italienischem Balkon und indischem Restaurant alle Netzwerke der Zugehörigkeit auf. Beide, sowohl die mediterrane Architektur als auch die südostasiatische Gastronomie, performen nicht länger die essentialistische Echtheit einer Kultur, sondern ihre bewusste Imitation und kollektive Imagination. Sie sind das perfekte Setting für moderne Tourist*innen, wie von Dean MacCannel 1989 in seiner Analyse einer „new leisure class“ beschrieben: „eine frühe postmoderne Figur, entfremdet, aber auf der Suche nach Erfüllung in ihrer eigenen Entfremdung.“23 Diese hyperkulturelle Gleichzeitigkeit des European Village bildet sich aus den bis zur Baudrillard’schen Referenzlosigkeit potenzierten Schichten ihrer Vorlagen sowie der Abstraktion, Profanität und Serialität seiner Gestaltungselemente. Gerade diese technische Wiederholung der immer selben Zitate bildet dabei jedoch das Muster einer eigenen, neuen Stilgeschichte, die in ihrer Austauschbarkeit unverkennbar bleibt.