Als Student an der Architectural Association London hat er Anfang der 1970er-Jahre die „Berliner Mauer als Architektur“ von beiden Seiten aus dokumentiert und dabei die innerdeutsche Teilung, Kernelement der blockpolitischen Spaltung Europas untersucht. In dem 1993 veröffentlichten Text „Field Trip – A(A) MEMOIR (First and Last…)“ blickt Koolhaas darauf zurück: „Die Mauer führte in meinen Augen alle aufkommenden Versuche einer regressiven Verknüpfung von Form und Inhalt ad absurdum“2, und resümiert: „Ich würde niemals wieder an die Form als primäres Gefäß für Bedeutung glauben.“3
Mehr als vier Jahrzehnte später plant OMA für die Springer Verlagsgruppe mit der Vorgabe, „die Zukunft digitaler Arbeitsbedingungen neu zu gestalten“. Das Gefäß oder der Behälter dafür liegt im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Ost- und West-Berlin. Die Mauer teilte das Grundstück zwischen Schützen-, Linden- und Zimmerstraße und der westlich gelegenen Jerusalemer Straße einst nahezu diagonal, was OMA in seinen Gebäudeentwurf als Grundmotiv aufnimmt. Die Diagonale des damaligen Grenzverlaufs bestimmt nun den Grundriss des 52.000 Quadratmeter Nutzfläche fassenden Baus. Um ein 45 Meter hohes Atrium ordnen sich 11 terrassenförmig angelegte Ebenen an, auf denen sich rund 3.000 Arbeitsplätze verteilen. Die Außenhülle dieses beachtlichen Bauvolumens besteht auf drei Seiten (Osten, Norden und Süden) aus einer Elementfassade mit dunkel getönten Sonnenschutzglasscheiben mit einer Lichtdurchlässigkeit von 58 Prozent. Die nördliche Fassade ist mit opaken, goldfarben-eloxierten Alupaneelen verkleidet und nimmt in ihrer Materialität und Farbgebung Bezug auf das benachbarte Axel-Springer-Hochhaus4 aus den 1960er-Jahren. Das dominierende Gestaltungselement des gesamten Baus ist jedoch eine dem Atrium vorgelagerte, polygonale Fassadenstruktur aus dreieckigen Klarglasscheiben, die die Kubatur des Gebäudes aufzubrechen scheint. Mit dieser leicht wirkenden, aber von einer 270 Tonnen schweren Stahlkonstruktion getragenen, gefalteten Fassade öffnet sich der massive Block nach außen – ein Effekt, der bei Eintreten der Dämmerung verstärkt wird, wenn die getönten Glasscheiben beginnen, Licht durchzulassen und die dahinterliegenden Betonstrukturen freizulegen. So offen, wie das Unternehmen dem Selbstverständnis nach für neue Arbeitsformen ist, so offen soll auch das neue Gebäude sein.5 Die transparente Fassade des Atriums lässt Einblicke in die an neuen Medien orientierte Arbeitswelt zu und ermöglicht von innen – also dort, wo der Blick vorwiegend auf den Bildschirm gerichtet ist – Ausblicke auf den städtischen Kontext.
Für die Ausführungsplanung der „FreeTech-Axel Springer Academy of Journalism and Technology“ wurde mittels BIM-Verfahren ein dreidimensionales digitales Modell generiert.6 In den digitalen Modellen oder den Renderings ist die Abwesenheit von Schmutz bezeichnend. Verunreinigungen von Oberflächen werden bei der Planung meist nicht mit einkalkuliert. Auch Alterungsprozesse oder Spuren von Umwelteinflüssen, die auf den Oberflächen Reaktionen hervorrufen, werden im virtuellen Raum weniger thematisiert. Digital altert nicht.
„Als Staub nimmt der Regen an den Passagen seine Revanche“, schreibt Walter Benjamin im Passagen-Werk.7 Wenn sich bei Benjamin das vom öffentlichen Raum ausgesperrte Wetter in Form von Staub an den Passagen des 19. Jahrhunderts rächt, dann scheinen die Umwelteinflüsse des 21. Jahrhunderts nichts gegen die im Algorithmus berechneten Oberflächen ausrichten zu können. Die Images, die eine zukünftige Präsenz des Bauvolumens simulieren, zeigen keine Abnutzungsspuren, Schmutz oder witterungsbedingte Reaktionen von Oberflächen und Bauteilen aus Glas, Metall und Silikon. Der digitale Raum scheint den konkreten Klima- und Umweltbedingungen gegenüber resistent sein zu wollen.
Das Gebäude ist fotogen: Verschmutzungen oder andere Spuren fallen kaum auf. Die getönten Scheiben, die mit Mustern aus weißen Punktgruppen siebbedruckt sind, tarnen sich gegen Spuren von Schmutz. Sie camouflieren eine durch Regen und mitgeführte Umweltpartikel verursachte Verunreinigung. Aus der Ferne scheinen die Oberflächen des Baus den digitalen Repräsentationen zu entsprechen, nur aus der Nähe betrachtet lassen sich bereits ein Jahr nach Fertigstellung Reaktionen der Fassadenoberflächen auf Schmutz feststellen: In den Fugen zwischen den Profilen der Elementfassade sammeln sich durch Wetter und Regen mitgeführte Emissionspartikel (etwa Straßenschmutz, Reifenabrieb oder irdischer Staub), die mit weiterem Regenfall Schlieren auf den Glasscheiben hinterlassen. Solche Partikelgemenge lagern sich auch zwischen den weißbeschichteten Klemmleisten der Atriumfassade ab und bilden in den spitzzulaufenden Zwischenräumen, in denen das Wasser nicht so leicht ablaufen kann, stehende Pfützen – Lachen, in denen sich die Teilchen verklumpen. Solche Ablagerungen sind schwer und nur manuell zu reinigen. In der Newtonschen Welt, in der alles, was von oben kommt, auch nach unten fällt, sind auch die schräggeneigten, goldeloxierten Fassadenflächen voller Spuren von Vogelexkrementen, die auf Aluminium leicht ätzend wirken.
Ein Mitarbeiter des Wachdienstes, der aus seinem Büro neben der Tiefgarageneinfahrt kommt, findet den Neubau „schick“. Er weiß auch zu berichten, dass sich einige Elemente der Fassade aus dunklem Glas nicht reinigen lassen, da sie nicht zugänglich sind. Zwischen Betonstruktur und der vorgehängten Fassade gibt es an manchen Stellen einen Zwischenraum, der auch für Reinigungspersonal verschlossen bleibt. „Schick muss nicht praktisch sein“, so der Wächter. Für die schwer zu erreichenden Felder der Elementdoppelfassade ist ein 1:1-Modell errichtet worden, um mit Glasreinigungsfirmen zu proben, wie sich die Innenseiten der Scheiben säubern lassen. Herr N., Geschäftsbereichsleiter einer ortsansässigen Gebäudereinigungsfirma, kennt das Modell. Er war bei den Proben dabei und sagt: „Der Raum zwischen Büro und Glas ist extrem eng.“ Generell liege die Problematik der Fassadenreinigung darin, dass die Geometrie den Reinigungskräften besondere Fähigkeiten abverlange.
Die Befahranlage mit Wartungsbühne, die auf dem Dach des Neubaus installiert ist, deckt nicht alle Bereiche der Außenfläche ab. Daher ist die Reinigung nicht ganz ungefährlich; die Mitarbeiter*innen der Industriekletterfirma, die sich von oben abseilen müssen, um die polygonal ausgerichteten Glasscheiben der Atriumfassade manuell zu reinigen, sind ortsgegebenen wie auch situativen Bedingungen von Wind und Wetter ausgesetzt. Nur die vielen Leerfahrten der Wartungsbühne, dem Korb, der an Seilwinden hängt, machen die Reinigungsarbeiten des exklusiven Baus so zeitaufwändig, denn: „Gereinigt wird immer nur von oben nach unten. Und, unten angekommen, können Sie wieder von oben anfangen.“8
Das Gebäude erfordert offensichtlich aufwendige und kostenintensive Wartung, die von der Axel-Springer-Aktiengesellschaft der spektakulären Fassade wegen in Kauf genommen wird. Dies tut sie jedoch nur als Leasing-Nehmerin, denn Springer veräußerte die Immobilie bereits drei Wochen nach Grundsteinlegung für 425 Millionen Euro an den Norwegischen Staatsfonds Norges Bank Real Estate Management.9
Es ist aber nicht nur die Zeit, die es braucht, die Oberflächen des Gebäudes durch Handarbeit in den Zustand zurückzuversetzen, den die digitalen Images vermitteln.
Neben den Kosten geht es auch um eine angewandte Form von Nachhaltigkeit. Im digitalen Labor spielen gegebene Umweltbedingungen eine untergeordnete Rolle: Die Oberflächen, die Screens und die Simulationen einer berechenbar gemachten Welt stehen ebenso konkreten wie komplexen Klima- und Umweltgegebenheiten gegenüber. Die Lücke, die zwischen einem virtuellen Raum und einer materialisierten, eben gebauten Struktur und deren Oberflächen entsteht, wird hier durch manuelle Reinigungsarbeiten überbrückt. Offen bleibt, wie sich die Realitäten der Digits und die der organisch-dynamischen Umwelt vereinbaren lassen.