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„Pizzeria Anarchia“

Im November 2011 griff die Eigentümerfirma eines Wohnhauses in der Mühlfeldgasse 12 in dem sich in einem Aufwertungsprozess befindlichen Volkertviertel im 2. Bezirk Leopoldstadt, zu einer eher eigenwilligen Maßnahme. Weil drei Mietparteien trotz Einschüchterungen, Sabotagen und Räumungsklagen nicht zum Auszug zu bewegen waren und somit die Umbau- und Verkaufspläne der Eigentümerin durchkreuzten, überließ das Unternehmen einer Gruppe von Punks das Haus für einige Monate zur Zwischenmiete. Sie durften das Gebäude unentgeltlich nutzen, sollten den Altmieter*innen dafür aber das Leben schwer machen, damit die Eigentümerin sie und ihre unbefristeten, günstigen Mietverträge endlich loswerden würde. Dieser Plan ging zunächst allerdings nicht auf.

Die Gruppe verbündete sich innerhalb kurzer Zeit mit den Altmieter*innen gegen die Eigentümerin und blieb. Sie organisierte sich als Kollektiv und veranstaltete in der bis dahin leer stehenden Pizzeria im Erdgeschoss regelmäßig Diskussionsrunden zum Thema Gentrifizierung, Filmabende und eine Volxküche. Im August 2012 erfolgte ein erster Räumungsversuch, der scheiterte. Erst zwei Jahre später wurde die Hausbesetzung auf Grundlage eines rechtskräftigen Räumungsurteils mit einem riesigen Polizeiaufgebot beendet: Neben Wasserwerfern, Panzerwagen und einem Polizeihubschrauber sollen über 1.400 Beamt*innen an der 870.000 Euro[1] teuren Räumung beteiligt gewesen sein. Kurz darauf wurde das Gebäude saniert und um zwei Dachgeschosse aufgestockt. Die Eigentumswohnungen haben mit der Sanierung einen neuen Eingang und damit eine neue Adresse bekommen. In der Holzhausergasse 2 soll nichts mehr an die „Pizzeria Anarchia“ erinnern.[2]

Hetzgasse 8

Für rund 900.000 Euro wurde das seit 1929 in städtischen Besitz befindliche Gebäude im 3. Bezirk als einer von insgesamt 36 „atypischen Gemeindebauten“[3] 2001 veräußert. Den Zuschlag bekam eine Privatstiftung[4], die das Wohnhaus aus der Gründerzeit 2012 für 1,5 Millionen Euro an ein Immobilienunternehmen weiterverkaufte[5]. Jahrelange Maßnahmen zur Bestandsfreimachung, die von Protesten der Mieter*innen und verschiedenen (politischen) Initiativen begleitet wurden, griffen letztendlich. Die Eigentümerin plante die Errichtung eines profitablen Neubaus mit 56 freifinanzierten Wohnungen und begann 2016 mit ersten Abbrucharbeiten, die die Stadtregierung stoppte, indem sie die Hetzgasse 8 zum Teil einer Schutzzone erklärte. Innerhalb solcher Gebiete bedarf es im Sinne des Ensemble- und Stadtbildschutzes für Abrisse und Umbauten besonderer Genehmigungen. Die Bauträgerin ging juristisch dagegen vor, bekam vom Landesverwaltungsgericht und Verwaltungsgerichtshof jedoch nicht Recht. Daraufhin überließ sie das Gebäude trotz Erhaltungspflicht dem Verfall. 2019 wurde das Haus schließlich für 8 Millionen Euro an eine Immobilienfirma weiterverkauft – seitdem ist Stillstand. Im September 2020 besetzte das Kollektiv „Autonomes Zentrum Hetzgasse“ das Haus, wurde aber nach nur wenigen Stunden polizeilich geräumt. Wie die Geschichte der Hetzgasse 8 ausgehen wird, bleibt offen. Laut einem politischen Vertreter soll die neue Eigentümerfirma davon absehen die „wirtschaftliche Abbruchreife“ weiter herbeizuführen[6] – jenes Schlupfloch, das den Abriss von Gebäuden in Schutzzonen ermöglicht, indem per Gutachten nachgewiesen wird, dass eine Sanierung gleich teuer oder teurer als ein Neubau käme. Stattdessen wolle man 2021 mit der Sanierung und dem bereits genehmigten Dachausbau beginnen.

Bauernmarkt 1

Das Oppenheimer’sche Stiftungshaus Zur Brieftaube mit seinem mittelalterlichen Kern und der barocken Fassade wurde 1941 der Stadt Wien geschenkt. Diese verkaufte das denkmalgeschützte Haus im 1. Bezirk in Sichtachse des Stephansdoms, das unter die Kategorie „atypische Gemeindebauten“ fiel[7], im Jahr 2001 für 3,8 Millionen Euro an eine Immobilienentwicklungs-GmbH[8]. Diese löste in einer ersten Phase viele der unbefristeten Mietverhältnisse der 9 Lokale, 3 Magazine, 2 Werkstätten und 21 Wohnungen laut Eigenangabe einvernehmlich. Darauf folgten Jahre, in denen das Gebäude dem Verfall preisgegeben und zahlreiche Prozesse zwischen Bewohner*innen und der Eigentümerin geführt wurden, bis 2016 letztlich alle Mietparteien aufgaben bzw. aufgeben mussten. Nun stand dem Umbau zu einem „Fünf-Sterne-Grand-Hotel mit 75 Zimmern bzw. Suiten auf fünf Etagen“[9] nichts mehr im Wege.

Der Denkmalschutz bereitete der Eigentümerin zunächst noch Schwierigkeiten hinsichtlich der Profitabilität des Gebäudes. Sie forderte die Entlassung aus dem Denkmalschutz, bekam jedoch nur einen Dachbodenausbau durch das Bundesdenkmalamt genehmigt, den sie dann nicht umsetzte. Stattdessen suchte sie zehn Jahre später um die Bewilligung für eine Aufstockung an, wogegen sich sowohl das Bundesdenkmalamt wie die UNESCO klar positionierten. Sie wurden jedoch in höherer Instanz vom Kulturministerium überstimmt, das die teilweise Abtragung des Dachstuhls freigab.[10] Noch ist das Hotel nicht eröffnet, doch die Vertreibung der einstigen Bewohner*innen der Wiener Innenstadt bereits spürbar. Ermittelt man den Wert vom Bauernmarkt 1 mit den derzeitig marktüblichen Kaufpreisen im 1. Bezirk, lässt sich eine Wertsteigerung der Immobilie um das Zehnfache auf rund 35 Millionen Euro berechnen.[11]

1 Erstmals behandelt wurde eines der drei Fallbeispiele von der Autorin in ihrer Diplomarbeit: Sophia Thoma: Spekulierst du noch oder wohnst du schon?: Ein Denkmodell für eine alternative Wohnversorgung in Wien. Diplomarbeit, TU Wien, 2019.
2 „‚Pizzeria Anarchia‘: Räumung um 870.000 Euro“, in: wien.orf.at, 9.10.2014, wien.orf.at/v2/news/stories/2672896 (Stand: 30.4.2021)
3 Michael Matzenberger, Franziska Zoidl: „‚Pizzeria Anarchia‘: Ein Vorhabensbericht und zwei neue Dachgeschoße“, in: derstandard.at, 23.7.2015, www.derstandard.at/story/2000019547028/ein-vorhabensbericht-und-zwei-neue-dachgeschosse (Stand: 30.3.2021)
4Unter die Kategorie „atypische Gemeindebauten“ fallen jene, die nicht von der Stadt Wien selbst errichtet wurden, sondern durch Kauf oder Schenkungen in ihren Besitz gelangten.
5 Bericht des Stadtrechnungshofs Wien, KA – K-14/02, 2002, www.stadtrechnungshof.wien.at/berichte/2002/lang/2-11-KA-III-K-14-2.pdf (Stand: 30.3.2021)
6 Franziska Zoidl: „Hetzgasse 8 verkauft – Luxuswohnungen statt grünem Miethai“, in: derstandard.at, 18.9.2019, www.derstandard.at/story/2000108770411/hetzgasse-8-verkauft-luxuswohnungen-statt-gruenem-miethai (Stand: 30.3.2021)
7 Christian Bunke: „Der privatisierte Gemeindebau“, in: Augustin, 1.12.2020, augustin.or.at/der-privatisierte-gemeindebau (Stand: 30.3.2021)
8 Siehe Anm. 4
9 Bericht des Stadtrechnungshofs Wien (wie Anm. 5)
10 Wien Tourismus: „Neuigkeiten aus der Wiener Hotellandschaft“, in: b2b.wien.info, 11.5.2018, b2b.wien.info/de/presse/wien-presse-info/2018/neue-wiener-hotels-mooons-335248 (Stand: 30.4.2021)
11 Wörtliches Protokoll der Gemeinderatsitzung vom 15.12.2017, S. 69, www.wien.gv.at/mdb/gr/2017/gr-031-w-2017-12-15-069.htm (Stand: 30.3.2021)

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