Die Dunkelziffer mag weit höher sein. Das Spektrum Betroffener wird dabei immer breiter und schließt zunehmend auch junge Erwachsene, Frauen und Familien mit ein. Mangel an Wohnraum für Geringverdienende wird auch in Wien zu einem Problem, was deutlich macht, wie notwendig inklusive politische Strategien auf dem Wohnungsmarkt für einen immer größer werdenden Teil der Gesellschaft sind. Private und städtische Akteur*innen suchen daher nach neuen Strategien für die Wohnungs- und Obdachlosenhilfe in Wien.
Fonds Soziales Wien
Wichtigster Akteur der Wiener Wohnungslosenhilfe ist der Fonds Soziales Wien (FSW) (➝ Grafik Mama Wien), der inhaltlich und finanziell der Stadt Wien unterliegt und alle sozialen Unterstützungsprogramme verantwortet.[2] Im Gegensatz zu oft kleinteiligen Angeboten anderer Kommunen wird mit dem Fonds eine stadtweite und bedarfsgerechte Strategie angewendet. Die Wiener Wohnungslosenhilfe kooperiert mit circa 30 Partnerorganisationen, wie etwa der Caritas oder der Volkshilfe, die vom FSW finanzielle Mittel erhalten. Fast ein Drittel des für die Wohnungslosenhilfe vorgesehenen Jahresbudgets von 88 Millionen Euro (2019) gehen an die FSW-Tochter Obdach Wien mit ihrem breiten Angebot an Straßensozialarbeit, Notschlafstellen und temporärem beziehungsweise betreutem Wohnen.[3] Für einen Mittelanspruch müssen Klient*innen in der Regel sozialhilfeberechtigt sein, was eine österreichische Staatsbürgerschaft oder einen gleichgestellten Status voraussetzt[4]. Einige wenige Organisationen kooperieren nicht mit dem FSW, um freier agieren zu können.
Aktuell werden die Strategien des FSW gegen Wohnungslosigkeit überarbeitet.[5] Dabei wird die Prävention von Zwangsräumungen als Maßnahme verstärkt in den Vordergrund gerückt. In den 2018 ins Leben gerufenen sogenannten Chancenhäusern, die einen Großteil der Notschlafstellen ersetzten, finden auch Personen ohne sozialrechtliche Ansprüche kurzfristig eine Wohnmöglichkeit. Während des maximal dreimonatigen Aufenthalts wird mit Sozialarbeiter*innen ihr langfristiger Hilfebedarf geklärt. Der Housing-First-Ansatz vermittelt wohnungs- oder obdachlosen Menschen Wohnungen zur Hauptmiete. Sozialarbeiterische Betreuung wird angeboten, ist aber keine Bedingung, denn Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind der Kerns dieses Ansatzes.
neunerhaus und neunerimmo
Das Hilfesystem der Wiener Sozialorganisation neunerhaus basiert auf der Umsetzung der drei Pfeiler medizinische Gesundheitsversorgung, Beratung und Wohnen: Ärzt*innen versorgen Wohnungs- und Obdachlose sowie Nichtversicherte, Angebote wie das neunerhaus Café, und der neunerhaus FC ermöglichen Begegnung und Austausch auf Augenhöhe. Zur Bereitstellung von Wohnungen für diejenigen, die durch die regulativen Zugangskriterien im geförderten Wohnbau durch das Versorgungsnetz fallen, wurde 2017 das Tochterunternehmen neunerimmo gegründet. Dieses akquiriert, vermittelt und mietet Wohnraum und agiert mit sozialen Organisationen und gewerblichen und gemeinnützigen Bauträger*innen als Brücke zwischen dem Sozial- und Immobilienbereich.
Zwischen 2012 und 2015 testete neunerhaus mit Unterstützung des FSW das erste Housing First Projekt in Wien, das wohnungslosen Menschen eigene Mietwohnungen und mobile Betreuung vermittelt. Aufgrund des Erfolgs dieser dreijährigen Testphase ist Housing First heute ein fixer Bestandteil der Wiener Wohnungslosenhilfe: Bislang konnten so über 400 Personen (Stand Juli 2021) Mietwohnungen vermittelt werden (davon 200 Kindern), bei einer Mietstabilität von 94 Prozent.[6]Außerdem bietet neunerhaus in drei Wohnhäusern „Wohnen so normal wie möglich“: Zur Förderung selbstständigen Wohnens wird auf Maßnahmen wie strikte Alkohol- und Haustierverbote verzichtet, die Bewohner*innen haben eigene Schlüssel und Briefkästen und können Besuch empfangen – Praktiken, die in vielen Heimen unüblich sind. Das neunerhaus Hagenmüllergasse zum Beispiel bietet 79 Wohnplätze für Sozial Betreutes Wohnen (SOBEWO) für Männer, Frauen und Paare mit regelmäßiger ärztlicher Betreuung vor Ort und wöchentlicher psychologischer Beratung. Ein multiprofessionelles Team im Haus unterstützt die Bewohner*innen individuell und so lange wie nötig, Ziel ist Empowerment für ein selbstbestimmtes Leben trotz Unterstützungsbedarfs. Das eigens für das Projekt vom Büro pool Architektur zwischen 2012 und 2015 konzipierte Gebäude der wbv-gpa setzt Kommunikation und Begegnung in den Mittelpunkt des Entwurfs: Gangerweiterungen, variierende Treppenläufe und akzentuierte Farbgebung machen die Allgemeinbereiche der sechs Wohngeschosse mit Tischfußballtischen, Sofanischen, Raucher- und Tischtennisräumen zu Interaktionsorten. Das hauseigene Café im Untergeschoss bildet einen quasi-öffentlichen Begegnungsraum ohne Konsumzwang. Von solchen sind besonders armutsbetroffene Menschen sonst oft ausgeschlossen.