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Blick über Sundhausen / Foto: Sto-Stiftung
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„Die Bauwende braucht eine Landwende“ – Ein Besuch in Sundhausen Teil 1

Die IBA Thüringen StadtLand ist fast abgeschlossen. 2012 wurde sie ins Leben gerufen, um den Transformationsprozessen in Thüringen mit Mitteln der Raumpraxis zu begegnen. Mit Marta Doehler-Behzadi, Leiterin der IBA Thüringen, hat ARCH+ bereits 2017 eine Ausgabe zum Thema Stadtland herausgegeben. Anlässlich der 4. Bauhütte für das IBA Projekt Landzentrum im thüringischen Sundhausen, die unter anderem von der Sto-Stiftung und der IBA Thüringen unterstützt wird, traf sie sich zum Gespräch mit ARCH+ Redakteur Sascha Kellermann. Lesen Sie hier das Gespräch mit Ralf Pasel.

Sascha Kellermann: Können Sie zum Einstieg umreißen, von welchen grundlegenden Prämissen die IBA Thüringen ausgeht?

Marta Doehler-Behzadi: Die IBA Thüringen hat bereits eine zehnjährige Geschichte hinter sich, ich persönlich bin 2014 dazugestoßen. Von Anfang an stand das Thema StadtLand auf der Agenda, was ganz konkret mit dem Freistaat Thüringen und seiner Siedlungsstruktur zu tun hat, die stark von ländlichen Räumen sowie sehr kleinen und mittleren Städten geprägt ist. Größere Städte gibt es nur wenige, dafür eine vielfältig strukturierte Landschaft. Die Zukunftsgestaltung einer solchen Region ohne die Kraft einer Metropole zu bewältigen, war die Aufgabe. Dass Thüringen nicht nur eine wunderbare Kulturlandschaft ist, mit Schlössern und Bergen und Tälern, sondern auch ein Transformationsraum, liegt mit Blick auf die DDR-Vergangenheit auf der Hand. Seit 2014 hat das Thema der Transformation zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen.
Wir haben in unserem IBA Zeitraum in Thüringen, wie überhaupt in ganz Deutschland, gesellschaftliche Erschütterungen erlebt. Schon die Entscheidung der Landesregierung für die Durchführung einer IBA wurde unter dem Eindruck der Lehman-Brothers-Pleite und ihrer Folgen mit einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise gefällt. Ein nächster Moment war das Jahr 2015, in dem Deutschland fast eine Millionen Geflüchtete aufgenommen hat. Plötzlich schien es uns, als müssten die Bau- und Genehmigungsprozesse ganz grundsätzlich angepasst werden. Schließlich mussten innerhalb kurzer Zeit Unterkünfte für viele Menschen bereitgestellt werden. Diese Vereinfachung ist damals nicht eingetreten und heute kehrt die Frage mit Wucht zurück.
Der nächste Moment, der uns in Thüringen betroffen gemacht hat, war 2020 die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD. Das war ein regelrechter Schock. Dieses Ereignis ist symptomatisch für das Erstarken rechter Tendenzen in der Bundesrepublik, im Übrigen auch für das Auseinanderdriften von Ost und West. Ich halte das alles für hochgefährlich.
Und spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wird deutlich, dass nicht bloß die Nachkriegsepoche mit dem Zusammenbruch des gesamten Ostblocks und der Kalte Krieg vorüber sind, sondern dass die Nachwendezeit mit ihren Zumutungen für jeden Einzelnen teilweise anarchische Tendenzen und politische Folgen hervorgerufen hat, die wir uns nicht haben vorstellen können.
Zu guter Letzt haben wir in Deutschland und in Thüringen Klimaextreme in Folge erlebt. Alles in allem wird unmissverständlich klar: Wohlstand und die Lebensqualität, wie wir sie genießen, sind nicht selbstverständlich, aber Demokratie und Frieden sind es auch nicht. Noch vor kurzem hätte ich behauptet, dass die Wende zur Nachhaltigkeit Thema Nummer eins auf der politischen Agenda sein muss, nun stehen Krieg, Geopolitik und Sicherheitsarchitektur ganz oben. Die sind freilich mit Energie- und Ressourcenfragen verbunden. Es stellen sich also neue Fragen oder sagen wir: bekannte Fragen stellen sich neu, die haben stets räumliche Implikationen und sind nun im Krisenmodus zu lösen.

 

SK: Die IBA ist für einen Zeitraum von etwa 10 Jahren angesetzt. In diesem Zeitraum haben sich, wie Sie eindringlich beschrieben haben, die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen überschlagen. Ist das Format IBA flexibel genug, um auf solche Entwicklungen zu reagieren?

MDB: Auf aktuelle Entwicklungen kann man als IBA sicher schneller reagieren als beispielsweise behördliche oder Wirtschaftsstrukturen. Die Frage bleibt aber zu diskutieren, ob man rascher über Ziele und Ausrichtungen sowie über neue Formate nachdenken muss oder sie zumindest auch im überschaubaren Zeitraum einer IBA überprüfen und nachjustieren müsste. An sich ist IBA eine agile Struktur. Wir haben zum Beispiel 2016 einen Aufruf gestartet, der an Doug Saunders angelehnt Arrival StadtLand hieß. Da wollten wir Möglichkeiten eröffnen, wie Geflüchtete in kleineren Städten oder sogar in ländlichen Räumen ankommen können. Außerdem haben wir von Anfang an über Fragen des Klimawandels und der Energiewende nachgedacht. Uns war bereits damals klar, dass die Landwirtschaft ein wichtiges Zukunftsthema ist.

Blick aus dem leerstehenden DDR-Konsum in Sundhausen

SK: Wie verläuft die Arbeit der IBA? Wie befassen Sie sich mit gesellschaftlichen Problemstellungen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen?

MDB: Eine IBA ist dann sinnvoll, wenn sie ein wirklich aktuelles und relevantes gesellschaftliches Thema beim Wickel hat, was uns mit dem Thema StadtLand meines Erachtens gelungen ist. Ausgehend von einer Machbarkeitsstudie in der Vor-IBA-Phase erfolgte die Bearbeitung jedoch nicht in einem empirischen Forschungsvorhaben, nicht akademisch, sondern praktisch, in einem Aushandlungsprozess bei der Projektarbeit  mit den verschiedenen Partner*innen. Wir haben bei der IBA 2014 einen Projektaufruf gestartet und versucht, die veränderungswilligen Akteure zu identifizieren, die mit guten eigenen Ideen kommen, wie beispielsweise den Landengel e.V. oder die Stiftung Landleben, und wir haben 2017 angefangen, mit ihnen zu kooperieren. Wir haben uns als IBA also regelrecht ins Feld geschmissen und sind selbst mit heißem Herzen dabei, die IBA Vorhaben mit den Partner*innen umzusetzen. Als IBA sind wir mit unseren Strukturen und Zielsetzungen natürlich sehr viel freier als andere Institutionen. Wir schaffen konkrete Experimentierräume. Es geht uns dabei stets um praktische Veränderung. Nun wollen wir die Erfahrungen aus unserer Projektarbeit verallgemeinern und Empfehlungen formulieren, die an die Fachwelt, an die Politik und die Verwaltung und wichtige Stakeholder gehen.

 

SK: Konnten die Projekte und Ideen der IBA über die Laufzeit hinweg eine Strahlkraft entwickelt und bereits positive Ergebnisse zeitigen?

MDB: Ja, unbedingt. Im nächsten Jahr werden viele Vorhaben fertig sein, aber nicht alle, teilweise sind sie noch im Bau, teilweise sind es langfristige Vorhaben, die sogar erst nach der offiziellen IBA-Laufzeit beginnen, aber jetzt schon konzeptionell vorbereitet werden. Es gibt Erkenntnisse, die wir in Publikationen festhalten und eine Abschlussausstellung in Apolda zusätzlich zur Realausstellung der IBA Vorhaben im Land. Zum Beispiel interessiert uns hier in der Region Seltenrain, wie man das Zusammenleben auf dem Land nachhaltig gestalten kann. Die früher vorhandenen Strukturen der Daseinsvorsorge, der öffentlichen Infrastrukturen und privater Anbieter funktionieren ja nicht mehr wie bisher. Wir brauchen letztlich neue Kooperations- und Governancestrukturen, um ein Zusammenleben in ländlich geprägten Regionen und in der Fläche zu organisieren. Damit gehen Fragen nach neuen Organisationsformen, der institutionellen Verfasstheit von Zweckverbänden, Vereinen, Stiftungen oder Genossenschaften einher. Dabei geht es auch um ein neues Zusammenarbeiten mit den Wirtschaftsvertreter*innen. Hier in der Region handelt es sich beispielsweise um die Agrargenossenschaft Kirchheilingen, die sich in der Stiftung Landleben stark engagiert. Das alles ist durch die Projektakteure, die hier tätig sind, schon weit gediehen. Sie verbinden ihr Engagement mit einer, ich nenne es: institutionellen Klugheit, um die richtigen Strukturen aufzubauen.
Das finden wir auch beim Bahn-Hofladen Rottenbach im Schwarzatal wieder. Dabei gibt die Bahn das Bahnhofsgebäude ab, die Stadt kauft es, eine Genossenschaft von lokalen Wirtschaftsakteuren gründet sich und geht in die Verantwortung, ruft einen Laden ins Leben und übernimmt auch den Betrieb mit Bistro. Der Staat organisiert den Verkehrsknoten neu und fördert das Projekt finanziell. Auf diese Weise entstehen neue Strukturen des Miteinanders und Zusammenarbeitens, die hier erprobt werden. Es handelt sich um eine neue Art von Raumverantwortung und wie man diese organisiert. Und bei all dem interessiert uns auch immer die Frage, wie diese Innovationen auch einen adäquaten gestalterischen Ausdruck finden, zum Beispiel mit den StadtLand:Inseln vor dem Bahn-Hofladen oder den Gesundheitskiosken in Holzbauweise.

 

SK: Welche weiteren Themen und Fragen sind für Ihre Arbeit relevant?

MDB: Eine Frage, die uns stets aufs Neue und seit einigen Monaten verstärkt umtreibt, ist die Standardfrage. Das sieht man sehr deutlich am Eiermannbau in Apolda. Wie verhalten wir uns zu den baulichen, energetischen und denkmalpflegerischen Standards, zu den Gesetzen, Normen und Regelwerken, die in Deutschland unglaublich elaboriert sind und somit vieles kompliziert, langwierig und teuer machen. In der Open Factory im Eiermannbau stellen wir uns in der kooperativen Zusammenarbeit mit der Eigentümerin, der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, aber auch mit der Stadt Apolda, unterstützt durch Bund und den Freistaat, bei jedem einzelnen Schritt des Ausbaus die Frage: Wie wenig ist genug? Was brauchen wir nicht, nicht jetzt, nicht so? Wir experimentieren das „am eigenen Leibe“, da wir als IBA unsere Geschäftsstelle dorthin verlegt haben und den Umbau selbst verantworten. Wir arbeiten in kleinen Gewächshäuschen auf der Fabriketage, um die anspruchsvollen energetischen Fragen glaubhaft lösen zu können. Aber auch andere IBA Vorhaben können von dieser freiwilligen Beschränkung berichten. Denn wenn wir da nicht radikaler herangehen und auf bestimmte Sachen verzichten, kommen wir gesellschaftlich nicht weiter. Das zumindest ist unsere Überzeugung.
Darüber hinaus gibt es planungskulturelle Erfahrungen, weil wir auf andere Art und Weise planen und bauen, fördern und abrechnen, kommunizieren und evaluieren müssen. Wie wir uns auch auf unscharfe Verhältnisse und schrittweises Vorgehen einstellen müssen – so ist es ja fast immer bei der Inkulturnahme von leeren Bestandsbauten, wir nennen das LeerGut – kommt zum Beispiel im Bauhüttenprozess hier in Sundhausen zum Ausdruck. Da werden ganz unmittelbar Entwurf und Handwerklichkeit in einer kleinen Bauaufgabe verbunden. Es gibt rasch sichtbare Ergebnisse, es entstehen neue Verflechtungen zwischen Bauindustrie, Bauhandwerk und architektonischem Schaffen.

Die Gesundheitskioske als Bushaltestelle werden auch als mobile Infrastruktur genutzt, damit die Bewohner*innen der gesamten Region partizipieren können. / © PASEL-K Architects, Berlin und PASEL.KUENZEL ARCHITECTS, Rotterdam

SK: In welcher Weise ist die IBA konkret in der Region Seltenrain involviert?

MDB: Hier arbeiten wir zusammen mit dem Landengel e.V. und der Stiftung Landleben an vier Gesundheitskiosken, gestaltet von PASEL-K Architects aus Berlin. Das ist ein laufendes IBA Projekt, bei dem es um Gesundheitsdienstleistungen geht, für die exklusive Orte im Mikroformat an den Bushaltestellen der beteiligten Gemeinden entstehen. Klimagerechte Holzbauweisen anzuwenden, sind dafür naheliegend. Darüber hinaus gibt es das IBA Projekt Landzentrum, das im leerstehenden Dorfkonsum realisiert wird. Wir haben gemeinsam Machbarkeitsstudien entwickelt unter der Fragestellung, welche Nutzungen dort zusammenkommen sollen und wie man diesen Prozess organisieren, finanzieren und strategisch entwickeln kann. Das Konzept der Bauhütten schreibt die Strategien fort und setzt sie um. So wird der Dorfkonsum minimalinvasiv und unter dem Prinzip der Zirkularität gemeinschaftlich umgestaltet.
Beglückend ist, dass wir auf Projekte in dieser Dorfregion verweisen können, die schon vor der IBA entstanden sind. Zum Beispiel das Wohnprojekt für ältere Menschen hier in Kirchheilingen, Blankenburg und Sundhausen, wo die Stiftung Landleben altersgerechte Wohnhäuser gebaut hat, damit man auf dem Dorf gut alt werden kann und sich aufgehoben fühlt. Wir profitieren als IBA also von den Erfahrungen der Projektakteure, wir tauschen uns intensiv aus, da man aus den Projekten hier viel für eine landesweite Infrastruktur lernen kann. So sehen wir das auch bei der Entwicklung des Landzentrums. Gemeinsam mit den Partner*innen vor Ort und der IBA Thüringen organisiert das Fachgebiet CODE von der TU Berlin die Bauhütten als praxisorientierte Veranstaltungen mit Unterstützung der Sto-Stiftung federführend. Hier lernen alle von allen.

 

SK: Die Ziele der IBA spiegeln sich also auch in den konkreten Problemstellungen vor Ort wider.

MDB: Charakteristikum einer jeden IBA ist es, dass sie wie ein Lotsenboot vorwegfährt. Wir sind ein relativ kleines Team, das in ganz Thüringen arbeitet. Aber die Projekte sollen nach Abschluss der IBA weiter funktionieren, sie sollen Veränderungen nach sich ziehen und die lokale Raumpraxis verändern. Ich finde es bereichernd zu sehen wie sich die Studierenden dieser Aufgabe hier vor Ort angenommen haben und wie sie fast in einem Arbeitsschritt entwerfen und bauen. Hier entstehen Orte und Projekte, die nächstes Jahr, dem Finaljahr der IBA Thüringen, einen Besuch in Sundhausen und in der Dorfregion lohnen.

 

SK: Neben der Abschlussausstellung wird es also ein Programm mit Exkursionen geben?

MDB: Die Ausstellung in Apolda werden wir im Mai 2023 eröffnen. Wir werden sicher ein internationales IBA-Labor und eine internationale Konferenz dazu veranstalten, da viele der Themen nicht nur in Thüringen oder in Deutschland diskutiert werden, sondern internationale Relevanz haben. Der Eiermannbau in Apolda wird nicht nur Ausstellungszentrum sein, sondern ein IBA Projekt, das man 1:1 erleben kann. Wir wollen hier für eine ganze Saison einen lebendigen Debatten- und Aufenthaltsort etablieren. Zusätzlich wird es viele Exkursionen zu und Reiseanlässe an den Standorten der IBA Vorhaben in Thüringen geben. Mit Hilfe der Publikationen wird man sich auch als Einzelbesucher*in gut in Thüringen orientieren können.

 

SK: Wie verlief der Dialog mit den politischen Akteuren?

MDB: Wir haben es bei unserer Arbeit mit ganz unterschiedlichen Akteuren und Ebenen zu tun. Auf der Projektebene gibt es in dem einen Fall beispielsweise eine Wohnungsgesellschaft und die Stadt, in einem anderen Fall die Zivilgesellschaft, die sich als Verein und Netzwerk organisiert. Dann sind wir je nach Konstellation im Austausch mit den Gemeinden und Landräten. Unsere Ergebnisse diskutieren wir schließlich mit der Politik in Thüringen und mit der Fachwelt deutschlandweit, wie der Habitat Unit, mit Interessen- und Fachverbänden oder Akademien. Es geht darum, die richtigen Aussagen an der richtigen Stelle zu platzieren. In der Fachwelt versuche ich, die territoriale Logik in unserer Disziplin zu stärken. Es gibt bereits ein recht gut entwickeltes urbanes Denken, das sich in einer Vielzahl von Programmatiken wie der Leipzig Charta oder auch bei Förderinstrumenten wie der Städtebauförderung, dem Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus etc. niederschlägt. Ein gutes, ineinandergreifendes System. In der Region, also in einem größeren Maßstab und in ländlichen Räumen, haben wir so etwas nicht in dieser Ausprägung. Und das müssen wir entwickeln, vor allem vor dem Hintergrund von Klimawandel und Energiewende. Es wird viel über das Neue Europäische Bauhaus und die Bauwende in der Stadt gesprochen. Aber was wir genauso benötigen ist eine Landwende. Wo sonst kommen die erneuerbaren Energien, die nachwachsenden Rohstoffe her?

 

SK: Welche Bedeutung hat die Aufhebung der Dichotomie von Stadt und Land und das Denken in Regionen, wie Sie es bereits in ARCH+ mit der Ausgabe Stadtland gefordert haben, für die Frage der Nachhaltigkeit? 

MDB: Wenn wir von Stoffströmen und Kreislaufwirtschaft reden, dann funktioniert das nicht mehr in den kommunalen Grenzen. Auch der Klimawandel macht da nicht halt. Unsere Planungsinstrumente sind aber kaum auf große Maßstäbe ausgelegt. Regionale Zusammenarbeit basiert stark auf Freiwilligkeit und passiert erst dann, wenn man gar nicht anders weiter weiß. Die politischen Verantwortungsträger*innen und die Verwaltungsmenschen haben ihre Mandate für die eigene Gemeinde. Somit gibt es wirklich Bedarf, darüber nachzudenken, wie wir die zu lösenden Aufgaben in größeren Systemgrenzen lösen und besser zusammenarbeiten. Selbst die Frage von sozialer und Chancengerechtigkeit wird ja zwischen Stadt und Land dieser Tage immer wieder aufgeworfen und mit dem Argument, wenn nicht dem Vorwurf vom „Abgehängtsein“ verbunden. StadtLand betrifft also auch die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Die IBA Erfahrung in Thüringen zeigt uns, dass die Prozesse weitergeführt werden müssen, an verschiedenen Stellen und wahrscheinlich auch auf angepasste Weise. Denn die Transformation hört nicht auf, im Gegenteil. Unsere Lesson learned ist, dass eine freie Struktur wie die IBA die Funktion eines Spielbeins übernehmen kann – im Verbund mit dem Standbein einer ermöglichenden Politik und Verwaltung. Die Akteure der Veränderung jedenfalls sind das wichtigste soziale Kapital gelingender Transformationsprozesse. Das kann man hier in der Dorfregion sofort verstehen. Sie brauchen Agenten der Veränderung, in Zukunft vielleicht noch mehr als heute.

Der erste Gesundheitskiosk wurde Anfang November 2022 in Urleben eingeweiht. / Foto: Christoph Große