ARCH+ 227: Vietnam – Die Rückkehr des Klimas

Das vorliegende Heft, das unseren Vietnamfokus abschließt, konstatiert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Herausforderungen des Klimas. Statt klimatische Probleme konventionell technisch zu bearbeiten, löst die junge vietnamesische Architektengeneration sie kreativ mit architektonischen Mitteln. Im Gegensatz dazu hat der erste Band ARCH+ 226 Vietnam – Die stille Avantgarde das Augenmerk auf eine sich derzeit vollziehende, einschneidende Wende gerichtet, die das soziale Engagement der Architektur zum Ausgangspunkt einer Neufundierung der Disziplin nimmt. Damit sind die zwei global relevanten Tendenzen benannt, die wir am Beispiel Vietnams behandeln: Neben dem sozialen Bauen eröffnet das klimagerechte Entwerfen der Architektur den Weg zu einer neuen gesellschaftlichen Relevanz.

Allerdings bergen beide Tendenzen auch Gefahren: Bei den Ansätzen im ersten Band muss man sich vor einem kulturellen Determinismus hüten. Und ebenso ist bei der Herleitung der Architektur aus den klimatischen Bedingungen im zweiten Band Vorsicht vor einem klimatischen Determinismus geboten. Letzterer neigt dazu, alle kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse bis hin zu sogenannten „Volkscharakteren“ auf das Klima zurückzuführen. Doch neben weiteren Faktoren wie sozialen Einflüssen dürfen wir auch den aktiven Einfluss des Menschen auf seine Umwelt nicht außer Acht lassen. Spätestens mit den anthropogenen Veränderungen des Klimas stellt dieses keinen „quasi zeitlosen, vereinheitlichenden Rahmen historischer Entwicklungen“ mehr dar, sondern ist „zu einer dynamischen Größe geworden, die weder über einen stabilen Rhythmus noch über ein gesellschaftlich klar eingegrenztes Wirkungsfeld verfügt“, wie Sascha Roesler im einleitenden Essay konstatiert. Der menschengemachte Klimawandel hält sich nicht an hergebrachte territoriale Grenzen. Auch die Einteilung in ein „natürliches“ Außenklima und ein „künstliches“ Binnenklima sei, so Roesler weiter, mit der Schaffung des anthropogenen „Stadtklimas“ obsolet: „Das epistemisch ausschlaggebende Untersuchungsobjekt ist nicht mehr das isolierte Einzelgebäude, sondern das Quartier oder gar die Stadt […]. Die Stadt löst das Gebäude als jene Innenraum konstituierende Sphäre ab, die thermisch und hinsichtlich des Komforts durch Architekten konzipiert werden muss.“

Die Erkenntnis, dass wir nicht mehr nur Häuser, sondern den Stadtinnenraum bewohnen, führt zu einem echten Paradigmenwechsel. Beispiele dafür sind das House for Trees von Vo Trong Nghia Architects in ARCH+ 226 oder das Saigon House von a21studio in dieser Ausgabe. Deren Ansätze zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinen kontinuierlichen, abgeschlossenen Innenraum mehr besitzen, sondern die Funktionen in separaten Volumen untergebracht sind. Das Aufbrechen der Form aktiviert die Zwischenräume und führt zu komplexeren Beziehungen zwischen den individuellen und gemeinschaftlichen, den privaten und öffentlichen Bereichen, zwischen innen und außen, künstlich und natürlich.

Die Aufhebung dieser Gegensätze erlaubt es, die Architektur „als Teil einer politischen Ökologie der Stadt neu zu denken“, wie Roesler in Anlehnung an Bruno Latour argumentiert. Gleichzeitig können wir dadurch der Gefahr entgegenwirken, dass die Rückkehr des Klimas in die Architekturdebatte in eine regressive Bewegung mündet, die die moderne Lebenswirklichkeit mit ihren vielfältigen Ansprüchen negiert.

 

Inhaltsverzeichnis

Thema

1-2

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Editorial

6-15

Die Wiederkehr des Klimas – Urbane Kulturen der Belüftung in Südostasien

18-19

HDB Insights

20-27

Klima und Kultur – Bruno Tauts Konzept eines „natürlichen Bauens”

28-39

Exkurs: Kambodscha

40-49

Die Geschichte(n) des Unabhängigkeitspalastes in Saigon

50-59

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HTA+Pizzini Architects: In Situ

60-63

HTA+Pizzini Architects: You are Here

64-71

a21studĩo: A21 house – Nhà a21

72-75

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a21studĩo: Pagoda – Chùa đá

76-87

a21studĩo: Saigon House – Nhà Sài Gòn

88-95

a21studĩo: The Chapel – Nhà nguyện

96-105

a21studĩo: The Nest – Nhà tổ chim

106-107

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Architektur als natürlicher Prozess

108-115

LVHQ: F-Coffee – Quán cà phê ở Đồng Hới

116-121

LVHQ: O-House – Nhà ở Đô Lương

122-123

Vielfalt der Regionen – Monotonie der Stadt

124-133

Tropical Space: Termitary House – Nhà Tổ Mối

134-143

Tropical Space: LT House – Nhà ở Long Thành

144-152

Tropical Space: Terra Cotta Studio – Đất nung Studio

153-157

Nishizawa Architects: Katzden Architec Factory – Nhà xưởng Katzden Architec

158-167

S+Na.: Anh House – Nhà chị Anh

168-179

Sanuki Daisuke Architects: Apartment in Binh Thanh – Nhà căn hộ ở Bình Thạnh

180-189

Sanuki Daisuke Architects: Hem House – Nhà trong hẻm

190-193

Bauen in Vietnam – Ein Erfahrungsbericht

194-201

vn-a: Katholische Kirche in Kadon – Nhà thờ Ka Đơn

202-205

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ARCH+ uncovered

Features

207-222

ARCH+ features 57: Klimagerechtes Bauen in Vietnam

Thema

Doppelseite

236

Online-Artikel: Neue urbane Ökologien – Der Edge Space in vietnamesischen Städten

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