ARCH+ 225: Legislating Architecture – Gesetze gestalten!

The issue is also available in English

Gesetze haben eine materielle Form. Das ist das vordergründige Thema dieser Ausgabe. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich Baugesetze und Bauordnungen genauso wie Hygiene- und Sicherheitsvorschriften und das Steuerrecht in Architektur und Stadt manifestieren. Jeder praktizierende Architekt, jede Stadtplanerin kann davon ein Lied singen. Meist ist es kein Liebeslied, das dann gesungen wird – noch nicht einmal eines von enttäuschter Liebe. Das Recht wird vielmehr als Gegner angesehen, der die Freiheit der Architektur beschränkt und gute Architektur verhindert – ein Gegner, gegen den man ankämpfen muss. Die Disziplin ist voll von Anekdoten, die von den Absurditäten von Baurecht und Bauordnungen handeln.

Aus dieser Perspektive wird der rechtliche Rahmen als externes System verstanden, das der Praxis a priori Zwänge auferlegt, die es zu unterminieren, zu brechen, zu vermeiden oder zu missachten gilt. Die Architektin ist in dieser Erzählung die Heldin, die mit schlauer List in den Kampf gegen eine vielköpfige Hydra zieht, der, sobald ihr ein Kopf abgeschlagen wird, zwei Köpfe nachwachsen. Ein vergeblicher Kampf also. Und ein unpolitischer Kampf obendrein. Denn das Recht als etwas der Disziplin Äußerliches zu betrachten bedeutet, in der Tradition des obrigkeitlichen Denkens gefangen zu bleiben, in der es nur ein binäres Handeln gibt: das Recht entweder als gottgegeben hinzunehmen und brav zu befolgen oder den Trickster zu geben, der dem System ein Schnippchen schlägt.

Beide Haltungen sind unpolitisch. Beide akzeptieren das System je auf ihre eigene Weise. Darauf weist Rem Koolhaas in der ihm eigenen Diktion hin, wenn er im privaten Gespräch mit Arno Brandlhuber, mit dem wir dieses Heft gemeinsam konzipiert haben, sagt: “I would say a political program is more important than new rules or replacing rules with other rules.” Wie jedoch können Architektinnen ein politisches Programm entwickeln? Ist das überhaupt möglich, ohne gleich ein politisches Manifest schreiben zu müssen? Ein erster hinreichender Schritt wäre die Einsicht, dass sich durch die rechtlichen Bedingungen Machtstrukturen in die baulichen Strukturen einschreiben.

Diese Publikation unternimmt den Versuch, die immanente Bedeutung gesellschaftlicher Regelungssysteme in Bezug zur Architektur herauszuarbeiten. Ihren Ausgangspunkt hat sie in dem filmischen Beitrag von Arno Brandlhuber und Christopher Roth für die 15. Architekturbiennale in Venedig 2016. Der Film zeigt Zusammenschnitte von Gesprächen, die die beiden mit einer Reihe von Architekten zum Thema „Legislating Architecture“ geführt haben, die hier in voller Länge abgedruckt sind. In Kooperation mit Arno Brandlhuber und Tobias Hönig hat ARCH+ das Thema jedoch viel weiter ausgearbeitet. Mit dem doppeldeutigen deutschen Untertitel „Gesetze gestalten!“ soll zudem betont werden, dass Architektur nicht nur durch Regelungen bestimmt wird, sondern auch selbst Regelungen erzeugt.

Nach einem einführenden Teil arbeiten wir anhand von Fallstudien heraus, wie durch Gesetze die gebaute Umwelt und die Architekturpraxis geprägt werden. Warum haben Städte ein bestimmtes Aussehen? Wie können sich Architektinnen und Planer Vorschriften wie Bauordnungen oder Bebauungspläne als proaktive Instrumente und Entwurfswerkzeuge aneignen statt sie als Hindernis zu betrachten? Wie können wir die Auseinandersetzung mit Regularien als kreatives Unterfangen verstehen – „das heißt nicht als Restgröße, so als käme Kreativität trotz der Regeln vor, sondern als aktive Kraft, deren Kreativität innerhalb der Regeln zu suchen ist“, wie Nick Beech im Ausblick dieser Ausgabe schreibt?

Im zweiten Teil untersuchen wir das Phänomen aus der entgegengesetzten Blickrichtung und fragen, inwiefern durch Gestaltung Gesetze produziert werden. Die Argumentationslinie ruft dazu auf, die Gestaltung von Regeln als integralen Bestandteil der architektonischen Praxis zu begreifen. Können Architektinnen maßgeblich daran mitwirken, die Rahmenbedingungen ihrer eigenen Praxis selbst zu schaffen? Können wir eine selbstbewusste Architektur skizzieren, die den Status quo in Frage stellt, in dem sie als Katalysator für eine Neuaushandlung der Verhältnisse dient?

 

 

Inhaltsverzeichnis

Thema

3-4

Kostenloser Download

Editorial: Legislating Architecture – vom Grund zum Horizont

5-8

Bildessay

9-13

Legislating Release / Release Legislation

14-21

Bildessay

22-29

Keine Macht ohne Kontrolle

30-34

New York – Fallstudien

36-39

Los Angeles – Fallstudie

40-45

Lernen von Ed Ruscha

46-47

Las Vegas – Fallstudie

48-51

St. Louis – Fallstudie

52-55

Buenos Aires – Fallstudie

56-57

Tokio – Fallstudie

58-61

Tiflis – Fallstudie

62-65

Paris – Fallstudien

66-75

Paris: Niemandes Zuhause – die Legislative Erfindung des Stadtbildes

76-79

London – Fallstudien

80-83

Wer sich wie ein Idiot benimmt, muss dafür auch die Verantwortung tragen!

84-87

München – Fallstudie

88-91

Berlin – Fallstudie

92-96

Berlin: Den Schuss gehört?

97-101

Berlin: Eine neue Gründerzeit?

102-107

Berlin: Mehr Stadt – Was soll das denn bitte heissen?

108-109

GESETZE GESTALTEN

110-113

Bauen in der sogenannten Flüchtlingskrise: Zum Verhältnis von Verordnung, Recht und Ethik

114-115

Das Primat des Staates – Bauregelwerke in den USA

116-121

Ein Legislativer Raum namens Schweiz

122-127

Dagegen sein ist immer leicht

128-137

Normen und Nebenwirkungen

138-143

Ausblick auf eine hybride Urbanität

144-146

Gartenheim

147-149

Handbuch Verfahrensfreie Bauvorhaben Berlin

150-155

Berliner Remise – Wachstum nach Innen

156-159

Sanfter Exot

160-165

Haus mit Seeblick

166-173

Das Kleingedruckte im Werk von Arno Brandlhuber

174-175

GESETZE GESTALTEN!

176-181

7+1: Über die Gestaltung der Gemeinde Monte Carasso // Casa Flavio Guidotti, Case Fratelli Guidotti, Casa Stefano Guidotti

182-185

Wo jeder Kubikmeter zählt – über das Mezzanin-Loft in Brooklyn

186

Rechtsweg ausgeschlossen

188-195

Prishtina, oder warum Legalisierung wichtig ist

196-203

Das Phänomen Maifinito

204-207

Recetas Urbanas: Strategien für subversive Aneignung

208-210

Aus dem Instrumentarium der Regulierung

Zeitung

214-215

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In Erinnerung an Klaus Novy

215-216

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Wohnreform und Selbsthilfe Klaus Novys Vermächtnis

216-217

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Abermals: Zur Aktualität des Genosseschaftsgedankens

218-221

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Sabine Kraft, 23. Juli 1945 – 23. Mai 2016

222

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20 Jahre Klaus-Novy-Preis

222

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Rezension: Architektur der Stadt

Features

225-248

ARCH+ features 50: Erica Overmeer on Brandlhuber+

Thema

300-309

Kostenloser Download

Selected English Article Available ONLINE: Letters on Legal Architecture

310-315

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Selected English Article Available ONLINE: The San Francisco Bay Area in Three Legal Codes

316-317

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Selected English Article Available ONLINE: Houston – Land Use In The Unzoned City

318-321

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Selected English Article Available ONLINE: The Highrise Typology In São Paulo, Case Study

322-325

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Selected English Article Available ONLINE: Legislation of the Sea: Spatializing a New Urban Realm

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