ARCH+ 229


Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 20-31

ARCH+ 229

Krise 
als 
Strategie – Ängste in 
der Architektur 
seit 1950

Von Cohen, Jean-Louis

Für die Architektur war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts keine besonders ruhige Phase; nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern weltweit, etwa in Brasilien und Südafrika, entfaltete sich die Moderne in Theorie und Praxis und löste Kontroversen aus. Der Streit zwischen konkurrierenden Fraktionen der radikalen modernen Bewegung traf auf Skepsis oder gar offene Feindseligkeit der Fachwelt und Kritik. Bereits 1932 hatte sich in Russland und ab 1933 in Deutschland eine Art von Postmoderne ante litteram herausgebildet, deren Position sich zwar nicht unbedingt durch eine vollständige Unterdrückung der neuen Ideen auszeichnete, sie aber doch in wesentlichen Punkten in Frage stellte. Selbst engagierte Vertreter der Moderne wie André Lurçat oder J. J. P. Oud sahen sich veranlasst, eine Antwort auf diesen Ruf zur Rückkehr zur Ordnung zu finden, etwa in Form von Ouds Shell-Gebäude in Den Haag aus dem Jahr 1938 ( Abb. 1 ).

In meinem Buch Architecture in Uniform habe ich aufgezeigt, dass der entscheidende Faktor für den nahezu weltweiten Siegeszug der Moderne in den Vorbereitungen zum Zweiten Weltkrieg zu suchen ist. Beim Bau der zahlreichen großen kriegsnotwendigen Industrieanlagen wurden neue Planungsmethoden angewandt und neue Gebäudetypologien entwickelt, wie etwa weitspannende Hallen für die Flugzeugproduktion ( Abb. 2 ). Um die Produktivität von Planungsbüros zu erhöhen und Baustellenabläufe zu optimieren, setzten alle kriegsbeteiligten Nationen auf Standardisierung; gleichzeitig weckte die Arbeit an Tarnmustern und Camouflage-Strategien zum Schutz vor dem Luftkrieg wieder Interesse an Farbe und am Pittoresken ( Abb. 3 ).

Der aus Wien stammende, in Kalifornien ansässige Architekt Richard Neutra drückte es so aus: „Neue Industrieanlagen und industrielle Verfahren, neue Produktionsmethoden und Produkte, improvisierte Ersatzstoffe, die zu neuen wertvollen Materialien führten, vor allem aber neue Fertigkeiten und Herangehensweisen waren die positiven Hinterlassenschaften des Krieges.“

Aber der Krieg hatte auch andere Auswirkungen, und auf eine davon wies der renommierte Physiker und Kristallograf John Desmond Bernal 1946 in einer Vorlesung am Royal Institute of British Architects hin. Bernal war an den Vorbereitungen für die Landung in der Normandie beteiligt gewesen und hatte die Druckfestigkeit des Sandes an den Stränden untersucht. Daher war er mit dem während der Kriegsjahre in den USA und in Großbritannien im Militärwesen entwickelten Konzept der Operations Research, dem Einsatz quantitativer Modelle und Methoden zur Entscheidungsfindung, vertraut. Unter dem Titel „Wissenschaft in der Architektur“ diskutierte er zum Beispiel den Umstand, dass Architekten nichts über die Tätigkeit von Frauen im Haushalt wussten. Er sprach sich für einen neuen Forschungsansatz aus, der soziologische Aspekte genauso ernsthaft einbeziehen sollte wie man dies während des Krieges mit technischen Gesichtspunkten getan hatte:

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