ARCH+ 229


Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 7-19

ARCH+ 229

50 Jahre ARCH+: Projekt und Utopie

Von Kuhnert, Nikolaus /  Becker, Stephan /  Herresthal, Kristina /  Ngo, Anh-Linh

Anh-Linh Ngo: ARCH+ wurde 1967 an der Universität Stuttgart gegründet. In ihren Anfängen war das Leitbild der Zeitschrift die Entwicklung einer Planungstheorie auf der Basis entscheidungslogischer Konzepte, der Systemtheorie und der Semiotik. Du hast damals in West-Berlin gelebt und gehörtest noch nicht zur Redaktion. Welche Themen waren hier für Dich wichtig? Nikolaus Kuhnert: Bevor ich Redaktionsmitglied von ARCH+ wurde, habe ich in Berlin als Architekt gearbeitet, zuerst mit Andreas Reidemeister, später allein. Ich habe an Wettbewerben teilgenommen und Einfamilien-häuser gebaut, darunter Haus Göhr, Haus Niendorf und Haus Kamphoff. Durch ein Flugblatt bin ich auf den Argument-Club an der FU Berlin gestoßen und habe mich dann dort engagiert. Dazu muss man erwähnen: West-Berlin war damals durch die Studentenbewegung geprägt. Die Stadt war ein eigenartiges Biotop, einerseits seit 1961 eingemauert, andererseits Schlupfloch, um der versteinerten Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik unter Adenauer zu entfliehen, deren Eliten in Politik und Wirtschaft zu großen Teilen noch aus dem Dritten Reich stammten. In diese Situation brachen die Studenten mit ihren öffentlichen Regelverletzungen und Provokationen ein. Die Intellektuellen begannen sich zu politisieren. ALN: Wie habt Ihr die Politisierung mit dem Fachdiskurs verbunden? NK: Im Rahmen der Kritischen Universität, die 1967 an der FU Berlin gegründet wurde, habe ich an der TU ein Seminar mit dem Titel Architektur und Gesellschaft organisiert, aus dem die so genannte Planer-Flugschrift hervorging. Wir folgten dabei Jürgen Habermas und beschäftigten uns mit den neuen Metawissenschaften, also mit Systemtheorie und Kybernetik, und suchten sie nach Entscheidungsmodellen zu differenzieren. Auch wenn wir dies zu jener Zeit gar nicht wahrgenommen haben, waren wir eigentlich von den gleichen Gedanken fasziniert wie die ARCH+ in Stuttgart, nämlich der Reformierbarkeit der Gesellschaft durch Rationalitätssteigerung. ALN: Die Stuttgarter Phase der ARCH+ wird meist als apolitisch angesehen, weil sie sehr fachspezifisch ausgerichtet war und eine Verwissenschaftlichung der Architektur anstrebte. Man orientierte sich dabei stark an den Diskursen in den USA. Ihr kommt aus dem politisierten Zusammenhang Berlins und endet trotzdem auf der gleichen Ebene der Planungstheorie. Interessanterweise berühren sich die beiden Tendenzen also dort. NK: Die ARCH+ verstand sich in ihrer Stuttgarter Anfangszeit explizit als politische Fachzeitschrift. Um diese Phase zu verstehen, muss man den gesellschaftlichen Zusammenhang der BRD berücksichtigen. Es ging darum, aus der autoritär strukturierten Gesellschaft der Bundesrepublik nach 1945 eine demokratische Gesellschaft zu entwickeln, die auf dem Rationalisierungsfortschritt der Amerikaner basiert. Die ARCH+ war damals explizit Teil der demokratischen Reformbewegung. Nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke im April 1968 differenzierte sich die Studentenbewegung aus – in radikale und in reformerische Bestrebungen, als deren Teil auch wir an der Rationalisierung der Gesellschaft arbeiteten. Beispielhaft in diesem Zusammenhang ist die Diplomarbeit von Marc Fester, die 1971 in ARCH+ 12 veröffentlicht wurde, weil sie, Habermas folgend, eine kommunikative Theorie des Planens und Bauens entwirft. Hinzu kommt, dass wir das Neue ersehnten, die Freiheit und Offenheit für gesellschaftliche Veränderungen. Doch solche allgemeinen Begriffe waren schwierig in Architektur zu übertragen. Das Neue blieb diffus, das Gefühl war nicht in architektonischen Begriffen deklinierbar, also haben wir uns in Abstrakta geflüchtet. ALN: Darauf reagiert die Redaktion und schreibt 1970 in ARCH+ 11 explizit, dass die Hefte nun praxisorientierter werden sollen. Welche Folgen hatte das? Und wann tratet Ihr als Vertreter der zweiten Generation in die Redaktion ein? NK: Um 1972 wurde ich von Christoph Feldtkeller angesprochen, der Redaktion beizutreten, und ich holte Günther Uhlig, Marc Fester, Adalbert Evers und Sabine Kraft hinzu – wir bildeten nun die Aachener Redaktion. Die Redaktion wurde außerdem um eine West-Berliner Fraktion um Klaus Brake, Helga Fassbinder und Renate Petzinger erweitert. Günther, Marc und ich arbeiteten damals am Assistenten-Pool der RWTH Aachen. Dieses neue Gremium war von der Lehrstuhlstruktur unabhängig und hatte die Aufgabe, das Grundstudium zu reformieren. Wir konzipierten das Grundstudium als Einführung in die Gesellschaftswissenschaften und zwar als ‚Kapitalschulung‘. Das Studium sollte nicht mehr als Einzeldisziplin verstanden werden, sondern in Kooperation mit den Sozialwissenschaftlern und Stadtplanern durchgeführt werden. Die Reform der Hochschule klinkte sich in den Zug der allgemeinen Reformierung der deutschen Gesellschaft ein. Richtungweisend für die Zeitschrift und die weitere Redaktionspolitik war 1973 das Editorial zu ARCH+ 20. Es definierte die ARCH+ als politisch engagierte Fachzeitschrift und setzte die Stadt-teilarbeit und die Berufspraxis des Architekten als Themen. Wir banden also zwei Fragen der Studentenbewegung an die redaktionelle Politik. Damit fing die Publikationsstrategie an, praktisch-politisch zu werden. ALN: In der Zeit entstanden viele Hefte über die Ausbildungsreform, aber auch zum Selbstverständnis der Architekten, etwa ihre Rolle im Klassenkampf. In der nächsten Phase orientierte sich die Zeitschrift neu – hin zu den sozialen Bewegungen und zu Fragen der Partizipation. Es scheint, dass hier die Kämpfe der Redaktionspolitik thematisch ausgetragen wurden. NK: Innerhalb der Redaktion fand eine Fraktionierung statt in eine antiautoritären Bewegung, zu der sich die Aachener zählten, und in eine orthodoxen Interpretation des Marxismus durch die DKP-nahe Berliner Gruppierung. Die Frage nach dem Selbstverständnis der Architekten wurde zu einem der Scheidepunkte zwischen der Berliner und der Aachener Fraktion. Diese Frage wurde in jener Zeit kritisch in dem Sinne, dass in den 1950er-Jahren in der BRD einerseits die bürgerliche Gesellschaft rekonstruiert und andererseits mit der Modernisierung der kapitalistischen Gesellschaft im folgenden Jahrzehnt die Arbeiterbewegung systematisch transformiert wurde. Dies führte zu einer Neudiskussion dessen, wer das Subjekt der Geschichte ist. Die Berliner hielten daran fest, dass die Arbeiterbewegung das klassische Subjekt sei, und damit auch am entsprechenden Organisationsmodell. Man glaubte, zukunftsfähig zu werden, wenn sich die Intellektuellen, wie auch die Architekten, gewerkschaftsmäßig organisierten. Deswegen gab es die Hefte zum Thema des lohnabhängigen Architekten. Wir, die Aachener, fokussierten uns auf die neuen sozialen Bewegungen, einerseits auf die Hochschularbeit und andererseits auf die Stadtteilarbeit als neue Protestformen, in denen wir die Möglichkeit sahen, in die Gesellschaft einzugreifen.

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