ARCH+ 229


Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 112-121

ARCH+ 229

Die Materialität des Sozialen

Von Studio Anna Heringer /  Hiller, Christian /  Ngo, Anh-Linh

Anna Heringer im Gespräch mit Christian Hiller und Anh-Linh Ngo

ARCH+: Als wir die Recherche zu unseren Vietnam-Heften gemacht haben, waren wir überrascht, dass in den Gesprächen mit den Kollegen dort Dein Name immer wieder fiel. Die sozial engagierten Architekten nannten Dich als Vorbild. Du stehst für eine neue Praxis des gesellschaftlichen Engagements, die nicht nur persönliche Erfüllung bringt, sondern auch, und das ist Teil der Faszination, zum internationalem Erfolg führen kann. Wie hast Du selbst Deinen Weg zu dieser alternativen Praxis gefunden?

Anna Heringer: Während meiner Studienzeit dominierte eine ganze andere Richtung den Architekturdiskurs: Zaha Hadid, Peter Eisenman oder SuperDutch. Die ich übrigens auch fleißig zu kopieren versuchte. Aber irgendwann fehlte mir die Sinnhaftigkeit: Ich wollte Architektur aus der Wertschöpfung der lokalen Ressourcen und Potentiale schaffen. Dieses Architekturverständnis habe ich an der Kunstuniversität Linz von Roland Gnaiger vermittelt bekommen. Dort wurde eine Mischung aus seinem vorarlbergisch geprägten, dezidiert pragmatischen und einem künstlerisch-kreativen Ansatz gelehrt. Auch die Wertschätzung lokaler Baustoffe, allen voran Holz, und der ganzheitliche Ansatz Vorarlbergs haben Gnaigers Lehre geprägt. Das Konzept und der Mehrwert eines Gebäudes für die Bevölkerung vor Ort waren dabei genauso wichtig wie seine Ästhetik.

ARCH+: Du bist mit Bauten in Entwicklungsländern bekannt geworden. Wie kam es dazu?

AH: Ich war am Ende meines Studiums sehr frustriert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, in einem normalen Büro zu arbeiten. Ich wollte Ästhetik und Formales mit ökologischen und sozialen Komponenten vereinen, was mir damals nicht gelang. Obwohl ich meine Leidenschaft für die Entwicklungszusammenarbeit schon gleich nach dem Abitur entdeckte, spielte das Bauen in Entwicklungsländern im Studium noch keine Rolle. Erst eine Freundin, die bei der Aga Khan Foundation arbeitete, hat mich auf den Aga Khan Award for Architecture aufmerksam gemacht. Der Award zeichnet Projekte in Entwicklungsländern aus und war meine einzige Referenz in dem Bereich. 

Ich habe nicht mitbekommen, dass Dietmar Steiner zu dieser Zeit bereits mit seinen Ausstellungen über Rural Studio oder S2arch entsprechenden Bewegungen eine Plattform gab.  Als ich im Frühjahr 2004 das Diplom machte, hatte das Team der TU Wien unter der Leitung von Peter Fattinger, Sabine Gretner und  Franziska Orso gerade das erste der beiden Sozialgebäude im Township Orange Farm in Südafrika gebaut. Zu Beginn des Studiums fühlte ich mich als totale Einzelgängerin, erst am Ende begegneten mir diese Tendenzen. Dann folgte die Veröffentlichung von Schlüsseltexten von Dietmar Steiner und die Ausstellung Bottom Up. Bauen für eine bessere Welt über Südafrika im Architekturzentrum Wien. Innerhalb von zwei, drei Jahren entstand ein Rückhalt für diese Thematik, die zuvor ein absolutes Nischendasein geführt hatte. In Linz manifestierte und verankerte sich diese Haltung im Studio BASEhabitat, das ich gemeinsam mit Roland Gnaiger und Clemens Quirin aufgebaut und geleitet habe. Mittlerweile schwappt diese Bewegung von den österreichischen auch auf die deutschen Universitäten über.

Lehm als missing link

ARCH+: Neben Roland Gnaiger arbeitest du auch mit Martin Rauch zusammen. Wie kam es zu Eurer Kooperation?

AH: 2003, kurz vor meinem Diplom, habe ich an einem Lehmbau-Workshop von Martin teilgenommen, der damals Lehrbeauftragter  in Linz war. Das war für mich eine absolut entscheidende Erfahrung. Als ich den Lehm in der Hand hatte, fand ich den missing link zwischen der Entwicklungszusammenarbeit und der Architektur. Mir wurde bewusst, dass Lehm mein Material ist: Er verbindet das Soziale, das Ökologische, eine faire Wirtschaft mit einer unglaublichen Ästhetik und Schönheit.

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