ARCH+ 229

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Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 146-147

ARCH+ 229

ARCHITEKTUR IST: THEORIE

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Parallel zu den utopischen Architekturen und der Studentenbewegung der 1960er-Jahre  formierte sich die kritische Architekturtheorie, um als Vermittler zwischen der Architektur auf der einen und dem kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs auf der anderen Seite zu fungieren. Zentrale Bezugspunkte für die 1967 gegründete ARCH+ waren in der ersten Phase Kybernetik und Systemtheorie. Ausgehend von einer umfassenden Gesellschaftstheorie sollten planerisches Handeln und architektonische Praxis auf eine rationale Grundlage gestellt werden.

Einen anderen wissenschaftlichen Zugang fand der Strukturalismus: Ausgehend von Erkenntnissen der Linguistik und Anthropologie suchte er mit Prinzipien wie jene der polyvalenten Form, der individuellen Interpretation und des Gebrauchs sowohl den Funktionalismus als auch den Formalismus zu überwinden. Im Mittelpunkt standen Mitbestimmung der Nutzer*innen sowie Nutzungsoffenheit im Gegensatz zur funktionalen Festlegung der Form ebenso wie der neutralen Hülle. Mit Bauten von Aldo van Eyck, Herman Hertzberger, Candilis-Josic-Woods oder der japanischen Metabolisten wurden diese Theorien manifest. Eine Gegenströmung zum Strukturalismus bildete die Postmoderne, die in den 1960er-Jahren aufkam. Sie entstand aus dem Versuch, der Architektur ein neues theoretisches Fundament zu geben, welches aus der Disziplin und deren Geschichte heraus erwächst. Während die Planungstheorie noch an einem funktionalen Architekturverständnis festhielt, reklamierten Theoretiker wie Aldo Rossi ein autonomes Wissen der architektonischen Form.

Spätestens mit Paolo Portoghesis Architekturbiennale in Venedig von 1980 trat die Postmoderne als Stil den globalen Siegeszug an. In Reaktion darauf entstand in der Folgezeit schließlich der Dekonstruktivismus, der aus der Beschäftigung mit der neueren Systemtheorie wie Chaostheorie oder der Theorie komplexer Systeme unvorhersehbare und nichtlineare Raumkonfigurationen ableitete, die der zeitgenössischen Gesellschaft entsprechen sollten. Ihre skulpturalen Architekturen entfernten sich sowohl von der funktionalen Moderne als auch von der formalen Postmoderne. Doch heute sehen sich die verzerrten Raumstrukturen der Dekonstruktivisten demselben Vorwurf wie die Postmoderne ausgesetzt: Theoretische Konzepte seien allzu schnell zu einem formalen Stil erstarrt.

Gegenwärtig hat der Architekturdiskurs die metatheoretische Ebene verlassen und widmet sich wieder zeitaktuellen gesellschaftlichen Problemstellungen. Bei der Beschäftigung mit der Wirklichkeit, fundiert durch die Architektur- und Theoriegeschichte, geht es nicht mehr darum, eine ideologische ‚Wahrheit‘ zu theoretisieren, sondern darum, aus der konkreten Beobachtung heraus einen gesellschaftlichen und politischen Zugang zur Welt zu erschließen.  

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