ARCH+ 229

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Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 126-127

ARCH+ 229

ARCHITEKTUR IST: MATERIAL

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Die Jahre des Wirtschaftswunders waren in den Industrienationen von einem nahezu bedingungslosen Fortschrittsglauben und dem Einzug der Technik in die Haushalte geprägt. Die Industrialisierung des Bauens schritt voran, bestimmendes Baumaterial der Nachkriegsmoderne wurde der Beton. Er sollte bis auf Weiteres die Gestaltung der Häuser und Städte prägen. In den 1960er-Jahren formierten sich junge Studios wie Haus-Rucker-Co, Coop Himmelb(l)au oder Archigram, die den modernistischen Konventionen utopische Visionen entgegensetzten. Kunststoffe, High-Tech-Materialien und nahezu immaterielle Luftgebilde bestimmten ihre architektonischen Konzepte.

Mit dem Bericht Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome 1972 und der ersten Ölkrise 1973 setzte ein Bewusstsein für die Endlichkeit der Rohstoffe ein. Ökologie wurde damit zu einer Frage des Materials und des sparsamen Umgangs mit Ressourcen. Auch ARCH+ vollzog zu dieser Zeit eine ‚Tendenzwende‘ – weg von den abstrakten Theorien der ersten Hefte hin zu konkreten Fragen der Architekturproduktion. Boden, Ortsbezug, Nachhaltigkeit und Material wurden bis dahin als ‚konservative‘ Themen angesehen, die nun mit einer Reihe von Heften politisiert und für die linke Theoriebildung nutzbar gemacht wurden.

Wie ökologisches und sozial nachhaltiges Bauen durch optimierten Material­einsatz gelingen konnte, zeigten exemplarisch die geodätischen Kuppeln von Richard Buckminster Fuller oder die biomorphen Architekturen von Frei Otto. Eine andere Variante, den Materialaufwand zu reduzieren, bot die Rückbesinnung auf die historische Stadt. Statt Abriss und Neubau nach den Prinzipien der funktionalen und autogerechten Stadt förderte die Behutsame Stadterneuerung den ressourcenschonenden Erhalt und die Weiterentwicklung des Baubestands. Das Aufkommen der Umweltbewegung in den 1980er-Jahren rückte ursprüngliche Bauweisen mit natürlichen, nachwachsenden Rohstoffen wie Holz und Lehm ebenso wie Konzepte des Selbstbaus wieder in den Fokus.

Mit der Globalisierung entstanden ab den 1990er-Jahren spektakuläre Gebäude, die unter großem Materialeinsatz erbaut werden und häufig keine Rücksicht auf negative ökologische Nebeneffekte nehmen. Gleichzeitig wurden mit dem wachsenden Bewusstsein für den Klimawandel ökologisches Bauen und die entsprechende Ertüchtigung des Bestandes zu einer politischen Aufgabe. Die damit zusammenhängenden Förderstrukturen schaffen heutzutage neue Geschäftsfelder für Industrie und Architekt*innen. Aufwendige technische Maßnahmen verbrauchen aber oft selbst einen Großteil der Energie, die sie einzusparen versprechen. Dadurch gewinnen traditionelle Baustoffe wie Holz, Bambus, Lehm und Ziegel wie in den 1980er-Jahren wieder an Bedeutung im Nachhaltigkeitsdiskurs.  

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