ARCH+ 229

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Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 94-95

ARCH+ 229

ARCHITEKTUR IST: GESELLSCHAFT

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Bereits die Architekturmoderne formulierte das zentrale Anliegen, in die Gesellschaft hinein zu wirken. Das erklärte Ziel: Wohlstand und Gleichberechtigung für alle. Und der Anspruch ging noch weiter: Mittels des ‚Neuen Bauens‘ und des ‚Neuen Wohnens‘ sollte nicht weniger als eine ‚Neue Gesellschaft‘, gar ein ‚Neuer Mensch‘ geschaffen werden. Aber ein Projekt wie Le Corbusiers Dom-Ino als erschwingliche Bauform blieb Theorie, und die Reformbemühungen im Wohnungsbau endeten durch die Zurückdrängung der Sozialdemokratie und den heraufziehenden Zweiten Weltkrieg abrupt.

Nach 1945 herrschte beim Wiederaufbau Pragmatismus vor, die sozialen Wurzeln der Moderne gingen im „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ (Heinrich Klotz) verloren. Die Funktionstrennung der Charta von Athen setzte sich umfassend durch. Bereits Ende der 1950er-Jahre formierte sich Kritik an den funktionalistischen und rationellen Ausformungen der Nachkriegsplanung, besonders deutlich formuliert beim letzten CIAM-Kongress, der 1959 von Team 10 in Otterlo organisiert wurde. Einen Gegenentwurf zum Funktionalismus stellen etwa Positionen von John Habraken oder Alison und Peter Smithson dar, die die Einbeziehung der Nutzer*innen und der Alltagskultur zur Gestaltung einer humaneren Architektur einforderten.

Die Architektur der 1960er-Jahre ist andererseits von Eskapismus geprägt. In Archigrams Moving Cities werden die Bewohner*innen zu ewigen Nomaden, Megastrukturen schaffen eine entrückte neue Welt und imaginieren utopische und gleichzeitig hermetische Gesellschaftsformen.

Die in Ost und West geteilte Welt materialisierte ihre jeweiligen Gesellschaftsmodelle in Gebäuden, die oft genug als Mittel der Auseinandersetzung im Kalten Krieg dienten und den Repräsentationsbedürfnissen der sich feindlich gegenüberstehenden Blöcke entsprachen. Dieser Kampf wurde als kultureller Kolonialismus in die Welt getragen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem globalen Siegeszug des Kapitalismus bildet sich ein neues Repräsentationsbedürfnis in Form der Stararchitektur heraus, die sich unkritisch zu den sozialen Verhältnissen in teils autoritären Staaten verhält.

Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Finanzkrisen, Migrationsbewegungen, zunehmende Verstädterung und sozialräumliche Segregation rufen nach einem Umdenken, einem ‚Reset‘ der Architekturdisziplin und einer Rückbesinnung auf deren gesellschaftliche Verantwortung. So starten Architekt*innen seit einigen Jahren vermehrt in Eigeninitiative Projekte in den sozialen und gesellschaftspolitischen Konfliktherden. Ihr Ziel ist eine sozial engagierte, nachhaltige Architektur, die im Einklang mit den Qualitäten des Ortes, mit seiner Geografie, Geologie, Ökonomie, seinem Klima, seiner Kultur, seinen Ressourcen steht und vor allem die Bedürfnisse des Menschen in den Vordergrund stellt.  

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