ARCH+ 222

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Erschienen in ARCH+ 222,
Seite(n) 223

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Sehen in Bewegung

Von Weisbeck, Markus

Über die Deutsche Erstveröffentlichung eines Designklassikers

Im Jahr 1947, kurz nach seinem Tod erschien Lázló Moholy-Nagys zweifelsohne wichtigstes Buch – Vision in Motion. Dieser ultimative Designklassiker ist nun nach fast 70 Jahren endlich in deutscher Sprache veröffentlicht worden. Veröffentlicht wurde es in Chicago, also in eben jener Stadt, in der Moholy-Nagy nach Weimar, Dessau und London 1937 sein selbstinitiiertes und -finanziertes New Bauhaus gegründet hatte – fast alle der Bauhaus-Meister waren nun, oft über Umwege, in die USA emigriert. Walter Gropius und Mies van der Rohe taten sich mit der Kapitalisierung ihrer gestalterischen Fähigkeiten und der viel besseren Vernetzung leicht, bei Moholy-Nagy jedoch war es deutlich schwerer.

Dass die USA seinerzeit für den Fortschritt schlechthin standen, bewies nicht nur die Weltausstellung von 1939 in New York, mit dem komplett maßlosen Futurama des Automobilkonzerns General Motors. Norman Bel Geddes erarbeitete Konzepte über unbegrenzte Mobilität und es erschien von außen betrachtet nur als eine Frage der Zeit, bis alle Menschen würden fliegen können – die USA mit New York und Chicago verkörperten nun das Zentrum der Moderne, nicht mehr Paris.

Moholy-Nagy brachte, etwas stiller als viele seiner Kollegen, mit den frühen Ideen des Bauhauses die Avantgarde der alten Welt hinüber in die neue Welt. In Vision in Motion folgt Moholy-Nagy verwandten Thesen des drei Jahre zuvor erschienenen Werkes Language of Vision von György Kepes, seinem langjährigen Assistenten – hier nur detaillierter und umfassender. Gegliedert in die Disziplinen Malerei, Fotografie, Architektur, Dichtung et cetera, aber vor allem durch deren durchlässige Verknüpfung, werden nun die meist technischen Bilder zur Illustration seines Weltbilds und auch des Zeitgeistes zu einem Gesamtkunstwerk komponiert. Gerade das interdisziplinäre Nebeneinander von der Skulptur zur Produktdesignstudie, von fotografischen Experimenten wie etwa dem Luminogramm (einer dem Fotogramm verwandten Technik) bis hin zur Architektur verbinden die Thesen des Autors zu einem einzigartigen Zeitdokument, das sich jeder Gestalter bis heute unter das Kopfkissen legen sollte.

Als Clou der gestalterischen Didaktik gliederte er das Layout mit einem kategorisierenden Auszeichnungssystem, das mittels grafischer Elemente wie Punkte und variierende Linienstärken die Illustrationen den unterschiedlichen Kategorien von Autoren wie Student, Fakultät und Allgemein zugeordnet wurden.

Vision in Motion ist das Nachschlagewerk der Nachkriegsmoderne, da es versucht, die Kunst als integraler Bestandteil unserer Existenz zu beschreiben. Diese intellektuellen und emotionalen Bedürfnisse des „alten“ Bauhauses mit universaler Bildung, sozialen Reformen und neuen Technologien transferiert Moholy-Nagy 25 Jahre später in eine neue Zeit, die auf eine überraschende Weise auch heutiger Überprüfung durchaus standhalten kann: eine gemeinsame Plattform kreativer Menschen der ganzen Welt als „Labor neuer Trends“.

 

László Moholy-Nagy: Sehen in Bewegung

Leipzig: Spector Books

2014, 376 Seiten, 42 Euro

ISBN: 978-3-944669-32-8

  

László Moholy-Nagy: Sehen in Bewegung László Moholy-Nagy: Sehen in Bewegung
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