ARCH+ 222


Erschienen in ARCH+ 222,
Seite(n) 184-188

ARCH+ 222

Affirmation, Dissidenz, Utopie

Von Bernard, Andreas /  Grin, John /  Martin, Reinhold /  Salewski, Christian /  Wilhelm, Karin /  Oswalt, Philipp /  Scherer, Bernd

PHI LIPP OSWALT: Reinhold Martin, Sie haben am Beispiel der Neubebauung des Ground Zero in New York das Zusammenspiel von Bauherr, Architekt, Nutzung und Gebäude in der Ära des Neoliberalismus geschildert. Für mich stellt sich dabei die Frage: Welche Rolle nimmt hierbei die konkrete Gestaltung ein? David Harvey hat 1990 in seinem Buch Condition of Postmodernity eine Krise der Repräsentation diagnostiziert. Die Architektur repräsentiere, so Harvey, keineswegs die realen Machtverhältnisse. Macht es gesellschaftlich einen Unterschied, welche Gestalt das Two World Trade Center annimmt, dessen Entwurf Fox beauftragt hatte, oder ist dies egal? Welche Rolle spielt die konkrete architektonische Form von BIG, die das Gebäude ja nun statt Norman Foster errichten werden?

KARIN WILHELM: Darf ich, bevor Reinhold Martin antwortet, einen kurzen Kommentar abgeben: Ein Bauwerk wie dieses wird zum einen von den Passanten und Nutzern von außen wie innen unmittelbar wahrgenommen. Wichtiger aber ist seine mediale Rezeption und Wiedererkennbarkeit. Die Großform der BIG-Planung – die Staffelung des Hochhauskorpus – soll die Assoziation eines vertical village wecken, die mit den so gefeierten individualisierten Arbeitsprozessen der kommunikationsinnovativen Westcoast verbunden werden kann und soll. Dies ist die Werbebotschaft von Fox als Bauherr. Dieser assoziative Bedeutungsgehalt des Architekturentwurfs ist architektonisch-formal sehr kalkuliert angelegt und sehr wohl von Belang. Dabei schwingt immer auch ein Körnchen Authentizität mit, sonst würde der Effekt nicht verstanden werden und verpuffen. Hier spielen Traditionen bekannter Typologien eine wesentliche Rolle.

REINHOLD MARTIN: Lassen Sie mich zur Frage des Verhältnisses von Form und Bedeutung ein Beispiel geben, das in den USA wahrscheinlich kontrovers aufgenommen würde: Zentrales Element des Ground Zero Memorial ist ein Wasserspiel. Stellen Sie sich vor, man würde das Wasser durch Öl ersetzen. Ich denke, das wäre ein besseres, viel treffenderes Monument. Das würde jedoch in der amerikanischen Öffentlichkeit als Verunglimpfung verstanden. Aber eine solche Modifikation würde einen Unterschied im kritischen Sinne ausmachen.

ANDREAS BERNARD: Wie Gestaltung das Soziale prägt, zeigt sich heutzutage vielleicht exemplarisch bei U-Bahn- und Bushaltestellen. In den letzten Jahren wurden flächendeckend alle Bänke mit durchgehenden Sitzflächen, auf denen Obdachlose schlafen konnten, durch einzelne, mit Armlehnen voneinander abgegrenzte Sitze ersetzt, die ein Hinlegen unmöglich machen. Ganz gezielt wird also eine bestimmte Gruppe, deren Verhalten an diesen Orten nicht der rein transitorischen Nutzung entspricht, ausgegrenzt. Hier zeigt sich im Kleinen konzentriert das Verhältnis von Design und Sozialem, das wir hier im Großen zu analysieren versuchen. ...

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