ARCH+ 222


Erschienen in ARCH+ 222,
Seite(n) 24-25

ARCH+ 222

Synopse: Sozialismus

Von Oswalt, Philipp /  Minten-Jung, Nicole

Mit dem Ziel, Klassengegensätze zu überwinden, verwerfen Sozialismus und Kommunismus tradierte Besitzstände und kapitalistische Organisationsformen. Die Ideen der frühen Utopischen Sozialisten wie Robert Owen und Charles Fourier werden mit der Entwicklung des Marxismus und der Etablie­ rung der Sowjetunion als sozialistischer Staat abgelöst. Nun soll eine zentrale, rationale, von privaten Gewinninteressen befreite und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse nutzende Planung und Steuerung die neue, gerechte Gesellschaft verwirklichen. Sozialistische Ideen haben starken Einfluss auf das Neue Bauen, auch wenn das Verhältnis vieler Architekten zum sozia­ listischen Gedankengut diffus bleibt. Das Neue Bauen mit der Einheitlichkeit der Häuser, ihrer Reihung zu Zeilen von gleich­ mäßigem Abstand und Lichteinfall drückt den Willen zu demo­kratischer Gleichbehandlung aus. Rationalisierung, Typisierung und Vorfertigung sollen den Arbeiterwohnungsbau bezahlbar machen und beschleunigen. Generell wird eine Vergesell­ schaftung von Grund und Boden, eine starke staatliche Planung sowie ein solidarisches Wirtschaften propagiert, ohne einer bestimmten Wirtschaftsform den Vorzug zu geben.

Erst infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 und der ein­ setzenden politischen Polarisierung radikalisieren sich die Posi­tionen einzelner sozialistisch orientierter Architekten wie Hannes Meyer und Arthur Korn, andere wie Ernst May suchen die Möglichkeiten des Bauens in der jungen Sowjetunion zu nutzen. In der zweiten Hälfte der 1920er­Jahre hatte sich die Sowjet­ union konsolidiert; einige experimentelle Projekte konstrukti­ vistischer Architekten werden realisiert, die zu den innovativsten Bauten der klassischen Moderne gehören. Doch mit dem Stalinismus kommt es 1931/32 zu einer Wende in der Baupo­litik, die diesen Experimenten ein Ende setzt. 

Trotz der weitgehenden Auflösung sozialistischer Staaten haben zentrale Fragen dieses Denkens wieder an Aktualität gewonnen: zum einen die Suche nach Alternativen zur Dominanz des Privateigentums, zum anderen die Suche nach Möglichkeiten für große gesellschaftliche Transformationen im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz, demografischen Wandel und globale Gerechtigkeit. Dabei geht es meist nicht mehr um eine Abschaffung des Kapitalismus, sondern um eine Transformation für das Erreichen gesamtgesellschaftlicher Ziele. Gleichwohl bleibt vorläufig offen, wie sich diese gesamtgesellschaftliche Transformation mit Demokratie, Kapitalismus und Gemeinwohl verbinden lässt. ...

 

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