ARCH+ 222


Erschienen in ARCH+ 222,
Seite(n) 8-9

ARCH+ 222

Intro: Modelle der Veränderung

Von Oswalt, Philipp

Der Absicht, mit Gestaltung Gesellschaft zu verändern, liegen sehr unterschiedliche Ideen zu Grunde. Es ist umstritten, wie eine solche Veränderung möglich ist und welche Rolle hierbei Gestalter einnehmen (sollen). Manche Modelle – wie die Lebensreform- und Genossenschaftsbewegung – setzen bei der individuellen Lebenspraxis an und erstreben eine Veränderung von unten. Andere hingegen verfolgen Top-down-Konzepte, die von zentraler Planung geprägt werden. Dies gilt für Ideen zur Technisierung, Verwissenschaftlichung und für die Versuche zur Verwirklichung des Sozialismus. Jeder dieser Ansätze greift wichtige gesellschaftliche Trends seiner Zeit auf, um diese in Hinsicht auf ihr soziales und emanzipatorisches Potential weiter udenken und sich strategisch mit den Protagonisten dieser Prozesse zu verbinden. Die einzelnen Modelle sind nicht klar voneinander getrennt, sondern überlagern sich und unterliegen auch selbst einem Wandel.

Grundlegend für alle ist das Verhältnis der Gestalter zur Gesellschaft. Jedoch sind widersprüchliche Anforderungen daran geknüpft: Eine Veränderung ist nur aus einer Position des Abstands und des Dissens möglich, der den Status quo in Frage stellt. Um wirksam sein zu können, muss man aber zugleich mit der Gesellschaft verbunden sein. Für dieses Spannungsfeld ist die Idee der Autonomie symptomatisch: Wichtige Vertreter der historischen Avantgarde verstanden Gestaltung als autonome Disziplin, die nicht in der Lage sei, die Gesellschaft zu verändern. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber sahen Gestalter und Theoretiker wie Aldo Rossi, Michael Hays und Peter Eisenman Autonomie gerade als Voraussetzung einer gesellschaftskritischen Wirksamkeit von Architektur. Während in diesem Kapitel die Projektsynopsen die unterschiedlichen Transformationsmodelle der klassischen Moderne vorstellen, widmen sich die Essays zentralen Konzepten der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart.

 

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