ARCH+ 222

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Erschienen in ARCH+ 222,
Seite(n) 5-7

ARCH+ 222

Einleitung

Von Oswalt, Philipp

Der Anspruch, mit Gestaltung Gesellschaft zu verändern und auf eine Verbesserung des Lebensalltags hinzuwirken, wird heute zu den Grundideen des Bauhauses gezählt. Doch was ist damit gemeint? In der Bundestagsdebatte zum Bauhausjubiläum vom 15. Januar 2015 beschworen alle Fraktionen einhellig die soziale Dimension des Bauhauses. Die Abgeordnete Ute Bertram (CDU/CSU) sprach von den „sozialen Zwecken“, Siegmund Ehrmann (SPD) von einer „zutiefst sozialen Idee“, Christian Kühn (Bündnis 90/Die Grünen) von einem „humanistischen Ansatz für den Alltag“ und Harald Petzold (Die Linke) von „bessere[n] Lebensverhältnissen für alle“. Wie kann es sein, dass von Rechts bis Links die gesellschaftliche Wirkung eines historisch so streitbaren und umstrittenen Projektes wie des Bauhauses einstimmig begrüßt wird? Bereits 1963 konstatierte der Designtheoretiker und zeitweilige Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, Tomás Maldonado, in seinem Aufsatz „Ist das Bauhaus aktuell?“: „Das Bauhaus wird nur im oberflächlich restaurativen Sinne akzeptiert. Das Verständnis der eigentlichen Bedeutung des Bauhauses, vor allem die Beziehung zu unseren gegenwärtigen Problemen, gibt es nicht. Im Grunde handelt es sich nur um eine Scheinblüte, um den Versuch, das Bauhaus zu kanonisieren oder besser noch, zu archäologisieren, das Bauhaus in eine Reliquie zu verwandeln, die nur bei feierlichen Anlässen hervorgeholt wird.“ Und der nächste feierliche Anlass steht bevor: 2019 wird der 100. Geburtstag des Bauhauses gefeiert.

In den kommenden Jahren werden wir also viel vom Bauhaus hören. Doch was bedeutet die Bauhausidee für die Gegenwart? Bei der Eröffnung der Ausstellung Modell Bauhaus im Martin-Gropius-Bau in Berlin 2009 träumte Thomas de Maizière als Kanzleramtsminister bei seiner Rede von einem neuen Bauhaus, um die heutigen gesellschaftlichen Probleme – bei der Finanzmarktkrise angefangen – anzugehen. Und es gibt ja kaum eine Kunstausstellung, die nicht große Weltprobleme zitiert. Die Gesellschaft projiziert die Lösung offener Fragen, Interessenskonflikte und Widersprüche zuweilen gerne auf Gestalter und Künstler als heilsbringende Experten statt sich diesen selbst zu stellen. Werden politische und soziale Fragen in den Bereich der Kultur verschoben, besteht die Gefahr von Ersatzhandlung und Camouflage. Die Gestalter sind daran nicht unschuldig, denn gerne übernehmen sie unreflektiert den Anspruch auf gesellschaftliche Wirksamkeit; es erhöht ihren Stellenwert und dient als Vermarktungsargument ihrer Gestaltungsideen. Aber inwiefern wird dieser Anspruch eingelöst? Schreiben wir Gestaltern eine größere Wirkung zu als sie haben?

Eine weitere kritische Frage ist zu stellen: Ist es überhaupt wünschenswert, dass Gestaltung Gesellschaft verändert? Heute ist Gestaltung allgegenwärtig, dringt in alle Lebens- und Weltbereiche hinein, bis in die Personen und ihre Beziehungen, in Nanostrukturen und Genome. Wenn alles Gestaltung ist, ist dann die Abwesenheit von Gestaltung nicht befreiend? Und haben wir uns – aus gutem Grunde – nicht vom Heroentum der klassischen Avantgarde verabschiedet? Von der Idee des Künstler-Ingenieurs, der als Pionier eine neue Gesellschaft und einen neuen Menschen erdenkt? Der Anspruch, Gesellschaft durch Gestaltung zu verändern, ist ambivalent. Und zugleich ist er in weiten Teilen ein Mythos. Man kann hinterfragen, ob das Bauhaus wirklich so gesellschaftlich engagiert war wie es heute den Anschein hat – man denke etwa an so unterschiedliche Akteure und Haltungen wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky oder Mies van der Rohe. Doch wichtiger ist etwas anderes: Es gab am Bauhaus wie in der Klassischen Moderne insgesamt nicht die eine Idee von einem gesellschaftlichen Wandel, sondern verschiedene, die im Widerspruch, gar im Konflikt miteinander standen. Fünf Modelle lassen sich aus heutiger Sicht herausarbeiten, die zwar teilweise nicht klar voneinander getrennt waren und sich überlagerten, in denen sich aber unterschiedliche Ideen von gesellschaftlichem Wandel manifestierten (siehe Synopsen in Kapitel 1): Zum ersten die technik-kritische Lebensreformbewegung, die am Lebensentwurf der Individuen ansetzte. Zum zweiten die Genossenschaftsbewegung, die in selbstorganisierten Kollektiven wichtige Bereiche des Alltagslebens selbstbestimmt und unabhängig von kapitalistischen Wirtschaftsformen realisierte. Zum dritten der Sozialismus, der durch die Aufhebung von Privateigentum und Klassenverhältnissen eine grundlegend neue Gesellschaftsform herbeiführen wollte. Zum vierten Verwissenschaftlichung und Technisierung, welche durch Effizienz und Rationalität den gesellschaftlichen Wohlstand für alle mehren wollten. Und fünftens ein Verständnis von Autonomie der Gestaltung, das die Idee einer Gesellschaftsveränderung mit Mitteln der Gestaltung ablehnte. Wenn heute die gesellschaftliche Relevanz des Bauhauses beschworen wird, welches dieser Modelle ist dann gemeint? Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Transformationsmodelle in ihren (partiellen) Realisierungen zumeist Ambivalenzen offenbarten und damit in eine Krise geraten sind. Wollen wir heute die Idee eines zentralstaatlichen Sozialismus’ aufgreifen? Oder eine Befreiung durch Technisierung und Verwissenschaftlichung? Welches Modell des Wandels wollen wir heute verfolgen?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Gestalter der klassischen Modelle standen mit ihren gesellschaftlichen Anliegen nicht alleine. Sie bezogen sich auf die bürgerlichen Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts, die Arbeiter- und Genossenschaftsbewegung, die neuen sozialdemokratischen Stadtregierungen und ein liberales, sozial engagiertes Unternehmertum. Nur so war es möglich, die ambitionierten Ideen zu realisieren. Doch auf welche sozialen Bewegungen, auf welche gesellschaftlichen Kräfte beziehen sich heutige Konzepte eines emanzipatorischen Designs?

Und trotz alledem: Die Kritik von Gestaltung ist eine Voraussetzung, ihr emanzipatorisches Potential neu zu denken. Die Themen und Problemlagen, die einen gesellschaftlichen Wandel erfordern, sind nicht weniger geworden: Globale Ungleichheiten, soziale Polarisierung, Klimawandel, Energiewende, Alterung, Digitalisierung, et cetera erfordern ein Nachdenken über mögliche und wünschenswerte Zukünfte, bei aller Unkenntnis und Unsicherheit über das, was kommen wird.

Mit der Krise des utopischen Denkens im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts waren längerfristige und auch großmaßstäbliche Entwürfe in Verruf geraten. Doch heute stellt sich die Frage erneut: Wie können wir Gesellschaft gestalten?

Gestaltung und Politik

Gestaltung kann Politik nicht ersetzen, und Politik nicht Gestaltung. Aber jede Gestaltung hat eine unhintergehbare politische Dimension. Gestaltung ist kein neutraler, objektiver Vorgang, keine Frage allein von Effizienz und Optimierung, sondern Gestaltung beinhaltet immer Werteentscheidungen, beeinflusst Interaktionen, befördert Möglichkeiten und schränkt andere ein, verändert soziale Konstellationen. Und hierbei werden Interessenslagen und -konflikte verhandelt und geregelt. Anders als in der Klassischen Moderne verfolgen wir heute nicht mehr die Idee, dass diese Widersprüche und Konflikte in einer anderen (klassenlosen) Gesellschaftsform oder in einer Versachlichung (durch objektive Wissenschaft) aufhebbar wären. Wir sind darauf angewiesen, sie stets aufs Neue zu verhandeln und hierfür Wertmaßstäbe zu finden.

Doch wer gestaltet die Gestaltung? Wessen Werte manifestieren sich in der Gestaltung? Wir verfolgen nicht mehr die Idee des Künstler-Ingenieurs, der als Pionier einer neuen Zeit den neuen Menschen und die neue Welt erschafft. Die Heroisierung des Entwerfers ist einem besseren Verständnis von der Rolle des Nutzers und des Auftraggebers gewichen. Gestaltungen werden koproduziert, Gestalter sind nicht singuläre Autoren, sondern strategische Akteure in einem Netzwerk. Sie sind weder autonom noch kann ihre Rolle auf die von Ausführenden reduziert werden. Mit ihrer Vorstellungskraft öffnen sie neue Möglichkeiten. Und oft genug vertreten sie in Gestaltungsprozessen die Sichtweise von Abwesenden, sind Agenten und Stellvertreter von deren Interessen. So liegt es in der Verantwortung der Gestalter, Wertefragen in den Gestaltungsprozess einzubringen; ihr Berufsethos impliziert eine Art unausgesprochenen hippokratischen Eid. Aber Gestalter sind nicht die alleinigen Entscheider. Gerade in letzter Zeit haben Gestalter mit den Strategien von Kritik und Wunschproduktion, von Szenarien und Reallaboren (siehe Kapitel 2 und 4) eine Vielzahl von kommunikativen Werkzeugen und Verfahren entwickelt, die ein gesellschaftliches Aushandeln von Zielvorstellungen ermöglichen. Die gesellschaftliche Relevanz von Gestaltung wird nicht mehr (alleine) vom Endergebnis her gedacht, sondern ist in den Gestaltungsprozess selbst eingeschrieben. In diesem Sinne zielt Gestaltung weniger auf die Fixierung eines Ergebnisses, sondern versteht sich als Mittel von Emanzipation.

Welche Veränderung?

Gesellschaftliche Veränderungen gehen einher mit Ermächtigungen und Entmachtungen von verschiedenen Akteuren und sind damit ein konfliktgeladener Prozess. Von daher wirkt auch die einhellige Zelebrierung der gesellschaftlichen Wirksamkeit des Bauhauses durch alle Bundestagsfraktionen so befremdend. Dies ist nur möglich, weil sie von einer Wirkungs- und Bedeutungslosigkeit der Bauhausidee für heute ausgehen, womit genau das eintritt, was Tomás Maldonado bereits vor 50 Jahren diagnostiziert hatte.

Die Idee von gesellschaftlicher Veränderung hat sich selbst verändert. Während die klassischen Avantgarden eine bessere Zukunft imaginierten und der Idee eines gesellschaftlichen Fortschritts folgten, werden heute wichtige gesellschaftliche Ziele in der Bewahrung von Dingen gesehen, die in einem fortgesetzten Modernisierungsprozess gefährdet sind: das Erdklima, die Natur, lokale Kulturen, die Privatsphäre und so weiter. Zugleich hat sich der Adressat der Veränderung geändert. Zu Zeiten der Aufklärung und der klassischen Avantgarden basierten die gewünschten gesellschaftlichen Veränderungen auf einer Kritik bestehender Machtverhältnisse, sei es des absolutistischen Herrschers, des Patriarchats oder der kapitalistischen Ausbeutung durch die Klassenverhältnisse. Doch heute basieren wichtige Änderungen nicht mehr allein oder primär auf der Kritik eines Außen oder Gegenübers, sondern beziehen das Selbst mit ein, weil die Individuen die Problemlagen koproduzieren. Die gewünschten gesellschaftlichen Veränderungen setzen nicht das Autonomieversprechen der Aufklärung fort, sondern erfordern angesichts einer endlichen Welt eine Einsicht in die menschliche Bedingtheit. Das bisherige Autonomieversprechen wird hinterfragt, der Möglichkeitsraum in materieller Sicht verengt, und an Stelle einer Ausweitung von Selbstentfaltung tritt ein reflexives Selbstdesign (Kapitel 3).

Methodische Fragen

Die Jahresfrage von „projekt bauhaus“ und damit dieses Heft haben ganz bewusst die wichtige Frage nach Inhalten einer Transformation zurückgestellt, um sich ganz der Frage zu widmen, welche Rolle Gestaltung – und damit auch die Gestalterin und der Gestalter – hierbei einnehmen kann, wie die Frage von Veränderung also methodisch betrachtet werden kann. Zudem wurde die Betrachtung auf Beispiele aus traditionellen Industrieländern begrenzt, um zunächst die Möglichkeiten und Herausforderungen des eigenen gesellschaftlichen Kontextes zu behandeln.

Die Behandlung der Jahresfrage ist in vier Themenfelder strukturiert. Das erste Kapitel widmet sich den „Modellen der Veränderung“, die mit Gestaltungen verfolgt werden. Die anderen drei fokussieren auf zentrale Aufgaben von Gestaltung. Das zweite Kapitel widmet sich dem „Gestalten der Aufmerksamkeit“. Denn Gestaltung von Gesellschaft ist nicht begrenzt auf die Ausformung des Alltagslebens, sondern beginnt mit der Frage, wie Aufmerksamkeiten strukturiert und das Denken und gesellschaftliche Auseinandersetzungen konfiguriert werden. Es stellt sich die Frage, wie Wahrnehmungen in Alltag und Gesellschaft, wie Debatten, Wünsche und Entscheidungssituationen gestaltet werden.

Das dritte Kapitel widmet sich dem „Gestalten des Selbst“. Denn Gesellschaften prägen nicht nur Individuen, sondern Individuen konstituieren mit ihren Praktiken Gesellschaften. Mit der Krise gesellschaftlicher Utopien und der Entstehung neuer Möglichkeiten der Selbstvermessung, des Selbstmanagement und der Selbstoptimierung ist das Individuum in den Fokus gestalterischer Aufmerksamkeit gerückt. Das vierte Kapitel schließlich widmet sich dem „Gestalten von Situation“ und damit jenen Bereichen, in denen Gestaltung am direktesten Ideen von gesellschaftlichem Lebensalltag artikuliert.

In jedem Kapitel werden in Synopsen grundlegende Handlungsmodelle von Gestaltung knapp vorgestellt und meist mit ausgewählten Projekten vertieft. Insbesondere im vierten Kapitel handelt es sich dabei nur um ausgewählte exemplarische Modelle, die um weitere zu ergänzen sind.

Das letzte Kapitel stellt – ausgehend von einem Beitrag von Reinhold Martin – die zuvor vorgestellten Ansätze in den Kontext heutiger Berufspraxis und gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Projektbeispiele umreißen dabei die beiden Extrempole von Affirmation und Utopie.

 Geschichte und Gegenwart

Die Behandlung der Jahresfrage erfolgt in einer Parallelbetrachtung des Erbes der Klassischen Moderne und der Gegenwart. Bei der Bezugnahme auf das Bauhaus und die historischen Avantgarden geht es weder darum, eine Genealogie aufzubauen und Erbfolgen zu erstellen, noch darum, sich von einem historischen Erbe abzusetzen und Verbindungen zu leugnen. Nicht eine – in der Vergangenheit so oft bemühte – lineare Logik von Kontinuität oder Bruch erscheint produktiv, sondern der doppelte Blickpunkt, der es wechselseitig erlaubt, von Gegenwart und Vergangenheit Abstand zu gewinnen, Zeitbedingtheiten zu erkennen und die Perspektive zu ändern. Er eröffnet zudem die Chance, sich aus der gegenseitigen Relativierung ein anderes Drittes vorzustellen. Dies erfolgt aus der Auffassung, dass ein fundiertes Verständnis der Gegenwart nicht alleine aus ihr selbst heraus erfolgen kann, sondern eine historische Tiefe erfordert. Dafür ist ein multiples Geschichtsverständnis wesentlich, dass auch die vernachlässigten und versandeten Abzweigungen und die nicht realisierten Alternativen in Augenschein nimmt. Denn die Gegenwart ist nicht aus einer zwangsläufigen Geschichte hervorgegangen, sondern nur eine Realisierung aus einem größeren Möglichkeitsraum, der in Teilen nach wie vor virulent und fruchtbar sein kann. Und genau darum geht es uns: emanzipatorische Potentiale für die Gegenwart aufzuspüren, aus einer kritischen Betrachtung von Geschichte und Gegenwart.

Herzlich gedankt sei allen, die an projekt bauhaus und der Diskussion der ersten Jahresfrage beteiligt waren und somit zum Entstehen dieses Heftes Wesentliches beigetragen haben.

 

 

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